Materialien 1968

Gründung von Kritischen Universitäten

(Beschluss der 20. o. MV des VDS März 1968 in München)

Der 2. Juni 1967 zeigte in Berlin nicht nur ein Versagen der demokratischen Fassade des deutschen Obrigkeitsstaates, sondern auch und nicht zuletzt ein Versagen von Wissenschaft in ihrem traditionell unpolitischen Selbstverständnis. Vor den brutalen Übergriffen der institutionell verankerten latenten Gewalt des Staates, der durch die Polizei innenpolitisch offen Partei ergriff, blieb die institutionalisierte Wissenschaft sprachlos.

Für Wissenschaft geht es in der seither ständig wachsenden Protestbewegung um einen neuen Begriff ihrer selbst: sie muss, will sie sich nicht selbst aufgeben und ihre aufklärerische Tradition verraten, ihren gesellschaftlichen Standort neu bestimmen.

Die Gründung einer Kritischen Universität war das hochschulpolitisch wichtigste Ereignis seit dem versäumten Neubeginn deutscher Universitäten nach der Befreiung 1945. Studenten, die bisher nur forderten –: Diskussion der Voraussetzungen und Ziele von Wissenschaft, offene Darlegung des Anspruchs von Wissenschaft, wichtigste Produktivkraft zur Befreiung der menschlichen Gesellschaft von unbegriffenen Mächten zu sein, schließlich daraus folgend Abbau von historisch überflüssiger Herrschaft in Universität und Gesellschaft – Studenten, die dies alles bisher nur forderten, schufen sich in der KU eine Organisation, die, was bisher nur Forderung war, zumindest partiell realisierte: demokratische Selbstorganisation, öffentliche Diskussion aller Arbeitsvorhaben und nicht zuletzt Reflexion auf und Umsetzung gewonnener Ergebnisse in politischer Praxis. Dieses Praktischwerden der Theorie konnte nicht länger in Aufrufen zur politischen Praxis allein bestehen. Aufklärung und Agitation in den Bevölkerungsgruppen, denen ein Bewusstsein ihrer eigenen Lage durch die objektive Stellung im Produktionsprozess und die entmündigende Manipulation durch Presse und Massenmedien systematisch vorenthalten wird, sollte ein Potential zu aktualisieren helfen, das allein sich der Formierung und Faschisierung der westdeutschen Gesellschaft entgegenstellen könnte.

Darin ist die KU eine Konkretisierung des politischen Mandats von Wissenschaft, das heute allein von der Studentenschaft kritisch wahrgenommen wird, und zugleich die vorwegnehmende Praxis einer permanenten demokratischen Hochschulreform. Dies drückt sich nicht nur in den zwangsfreien Formen des Arbeitens und Lernens aus, sondern vor allem auch in der Wahl von Themen, die einerseits an konkrete gesellschaftliche Probleme anknüpfen (z.B. Springer-Tribunal, wirtschaftliche Situation Berlins, Schulstruktur etc.), andererseits die interdisziplinäre Arbeit in Angriff nehmen, die die bestehende Universität (mit der Ausnahme von luxurierenden Reservaten) zu bearbeiten sich unfähig und unwillig erwiesen hat.

Wenn die Studentenschaft nicht dem technokratischen Modell schließlich doch unterworfen werden will, gegen das zu protestieren sie bisher allen Anlass sah, kann sie sich nicht länger bei bloßen Forderungen und der Darstellung der Krise der traditionellen Universität bescheiden. Es gilt, in den Arbeitsinhalten und Arbeitsformen das vorweg zu realisieren, was in den bisherigen Diskussionen um Studien- und Hochschulreform papierne Deklamation war und wohl noch bleiben wird.

Die MV empfiehlt den beteiligten Studentenschaften, die Möglichkeit der Selbstorganisation zu erwägen und durch die Anregung zur Gründung von Kritischen Universitäten zu verwirklichen.

AUFGABEN UND ARBEITSWEISE DER KRITISCHEN ARBEITSKREISE

Die Notwendigkeit, Studium und Hochschule von Grund auf neu zu bestimmen und zu ordnen, ist offenkundig. Dennoch ist es nicht angebracht, einen perfekten Plan für eine nach Inhalt und Form neue Universität aufzustellen. Zudem würde dieser Plan zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur die aktuellen Probleme in gewandelter Form reproduzieren und damit womöglich verfestigen. Die Umgestaltung des Wissenschaftsbetriebes und seiner Institutionen muss vielmehr als permanenter Prozess begriffen werden. Dazu bedarf es ständiger Kritik aller Beteiligten und der kritischen Öffentlichkeit unter Einbeziehung von Vertretern der wissenschaftlich abhängigen Mehrheit der Bevölkerung, u.a. auch der Gewerkschaften. Ein solcher Prozess muss durch die Betroffenen selbst begonnen werden, und zwar zu allererst von denen, deren Interessen im bestehenden System unterrepräsentiert sind: von den Studenten und Assistenten. In Zusammenarbeit mit den fortschrittlichen Professoren und dem Teil der Öffentlichkeit, der die Umgestaltung der autoritären Ordinarien-Universität in eine demokratische, von den Notwendigkeiten der Mehrheit bestimmte Hochschule fordert, haben sie die Aufgabe, die Kritik am bestehenden System zu formulieren und praktisch zu verwirklichen:

Den Vorlesungsrezensionen müssen Seminarkritiken folgen. Zu den Seminaren der etablierten Universität sind Gegenseminare denkbar. Inhaltliche Offenheit und repressionsfreier Dialog kennzeichnen sie. Parallel laufen kritische Arbeitskreise, deren Gegenstand die gesellschaftlichen Implikationen des Faches sind. Bei den kritischen Veranstaltungen soll das Verhältnis zur Praxis gewahrt werden, bei dem sich theoretisch-wissenschaftlich Fragestellungen aus der Praxis ergeben und eine wissenschaftliche Durchdringung der Praxis angestrebt wird.

Aufgaben und Ziele

Es stellen sich dabei folgende Aufgaben:

1. Abbau der autoritären Strukturen

Die an der gegenwärtigen Universität bestehenden Abhängigkeitsverhältnisse (Zulassungen, Sonderprüfungen, Sonderrechte für Privilegierte, Disziplinarrecht usw.), die ein konformes und konsumptives Verhalten begünstigen, sind in den kritischen Arbeitskreisen abgeschafft. Auch Spezialistentum rechtfertigt keine Sonderstellung. Alle Teilnehmer sind gleichberechtigte Mitarbeiter. Auch Nicht-Studenten aller sozialen Gruppen können teilnehmen.

2. Neue Lernmotive

Das Interesse am Inhalt wissenschaftlichen Arbeitens tritt an die Stelle der bisher beherrschenden Motivation (z.B. Schein-Sammeln).

3. Neue didaktische Methoden

Da die Abhängigkeit vom Dozenten abgeschafft ist, wird angstfreies Verhalten möglich. Der Monolog des Spezialisten wird ersetzt durch die Diskussion aller Beteiligten. Wissenschaftliches Arbeiten vollzieht sich unter ständiger Kritik und Korrektur innerhalb der Gruppe. Die Voraussetzungen verschiedener wissenschaftlicher Methoden werden bewusst gemacht.

4. Gesellschaftsbezug

Über die gesellschaftliche Praxis der einzelnen Fächer wird reflektiert, gesellschaftliche Implikationen werden aufgezeigt.

5. Bezug zur Praxis

Die Themen der kritischen Arbeitskreise ergeben sich aus anderen Interessen als die der offiziellen Seminare. Sie werden sich vielfach aus den Erfahrungen und Problemen bei der praktischen Demokratisierung von Hochschule und Gesellschaft ergeben. Bewusst werden die Ergebnisse dieser Arbeit reflektiert und in den Dienst der gesellschaftlichen Kräfte gestellt, die Herrschaft beseitigen wollen.

6. Interdisziplinäre Arbeit

Die Arbeitskreise werden sich bisher kaum wissenschaftlich durchleuchteten interdisziplinären Themen zuwenden (Arbeitsmedizin, Sexualität und Herrschaft). Sie leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Kritik des Fachidiotentums, das ein kennzeichnendes Merkmal „wertfreier“ Wissenschaft ist.

7. Infragestellung der wissenschaftlichen Methoden

Die Darlegung und Begründung der praktizierten Methoden werden im offiziellen Lehrbetrieb meist ausgespart. Die KA müssen die Voraussetzungen der verschiedenen wissenschaftlichen Methoden bewusst machen.

Die Arbeitskreise beruhen auf dem Prinzip der Selbstorganisation, d.h. sie werden ausschließlich von den Teilnehmern bestimmt. Je 3 Personen haben auch die Möglichkeit, einen neuen Arbeitskreis mit einem ihnen wichtig erscheinenden Thema zu gründen. Es bedarf dann lediglich einer nachträglichen auf den Anfangserfahrungen beruhenden Bestätigung durch den Koordinationsrat der ADU, der sich aus den Delegierten der einzelnen Arbeitskreise zusammensetzt. Der KR ist auch für die Publikation der Arbeitskreisergebnisse verantwortlich. Die ADU und ihre kritischen Arbeitskreise verstehen sich als Theorie und Praxis verbindende Selbstorganisation der demokratischen Hochschulangehörigen und als Teil der außerparlamentarischen Opposition. Die kritischen Arbeitskreise bekommen zunehmend die Funktion, wissenschaftliche Ergebnisse für die Arbeit der APO nicht nur an der Hochschule bereitzustellen, im Gegensatz zur offiziellen Universität, die den Herrschenden dient. Die Doppelfunktion der AK’s als kritisches Appendix der Hochschule und als Ansatz zur demokratischen Gegenuniversität wird deutlich …


Demokratische Universität. Kritische Arbeitskreise in München. Hg. von der ADU (Aktionsgemeinschaft Demokratische Universität) (2. Juni 1968), 23 ff.

Überraschung

Jahr: 1968
Bereich: StudentInnen

Referenzen