Materialien 1983
Vor härtesten Kämpfen der Nachkriegszeit
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Die Friedenstaube mit dem Signet der lG Metall, „38-Stunden-Woche“, „HDW darf nicht sterben“, „Verstaatlichung – jetzt“: Viele Delegierte des 14. Ordentlichen Gewerkschaftstages der IG Metall in der Münchner Bayernhalle beziehen mit einem Meinungsknopf am Rockaufschlag unverkennbar Position.
Sie lassen da keine Unklarheiten, ebensowenig wie die Diskussionsredner. Das hatten wir noch auf keinem Gewerkschaftstag: 55 Kolleginnen und Kollegen ergreifen das Wort allein in der Aussprache über die Geschäftsberichte. Energisch, kampfentschlossen, in der Erfahrung, die sie aus dem betrieblichen Alltag mitbringen. Die Klassenauseinandersetzungen sind härter geworden. Der Druck von Unternehmern und Regierung auf die Arbeiter und Gewerkschaften wächst. Gewerkschaftsrechte, Betriebsverfassungsgesetz und Mitbestimmung werden ausgehebelt. Der Sozialabbau ist zum „sozialen Vandalismus“ ausgeartet, nicht erst seit dem 6. März.
Gegenmacht aufzubauen beginnt bei der Verteidigung der Einheitsgewerkschaft. Deswegen bekommt Antrag 157 die überwältigende Stimmenmehrheit des Gewerkschaftstages: „Die IG Metall wird die Einheitsgewerkschaft gegen jeden Versuch ihrer Spaltung verteidigen … Die verschiedenen Weltanschauungen und politischen Strömungen innerhalb der Gewerkschaftsbewegung – z.B. Sozialdemokraten, Christen, Kommunisten – haben ihren Platz in der IG Metall. Daran lassen wir nicht rütteln.“
Von den Diskussionssprechern redet keiner der Sozialpartnerschaft oder dem Antikommunismus das Wort. Kollegen berichten von ihren Kämpfen gegen Stillegung und Arbeitsplatzabbau, von Betriebsbesetzungen, vom Kampf gegen Unternehmerwillkür, gegen die Abwälzung der Krisenlasten. Schon in den ersten Minuten des Kongresses – am Sonntagnachmittag – trägt das Bekanntwerden des „geradezu unglaublichen Vorgangs“ bei der bundeseigenen VAW AG in Bonn – dort sollte ein Delegierter mittels Kündigungsdrohung an der Ausübung seines Mandats gehindert werden – seinen Teil dazu bei, den Frontverlauf zwischen Kapital und Arbeit klarzumachen.
Immer wieder fordern die Delegierten mehr Kampfbereitschaft von ihrer Führung und klarere Orientierung, „nicht nur Programme, Handlungskonzepte gegen die Massenarbeitslosigkeit“. Besonders für die Stahlindustrie und die Werften, wo es lichterloh brennt. Die in jüngster Zeit unter dem Druck der unmittelbaren Betroffenheit in den Stahl- und Werftstandorten immer stärker gewordene Forderung nach Verstaatlichung unter demokratischer Kontrolle prägt auch auf dem Gewerkschaftstag die Diskussion und steht in vielen Anträgen. Kritik an der Behandlung von Anträgen, weil oftmals die Vorstellungen des Vorstands stärker eingeflossen zu sein scheinen als die Sorgen und Ängste der Kollegen in den Betrieben.
Die Forderung nach Verstaatlichung ist nicht nur „Hoffnungsschrei“, wie Rudolf Judith das auf der Stahlarbeiterdemonstration in Bonn und in seinem Geschäftsbericht gesagt hat, sondern es ist „letztlich nur diese Vergesellschaftung, (die) uns aus der Misere führt“.
Der Einwand Eugen Loderers, dies sei mit den Lambsdorffs und Stoltenbergs am Ruder undenkbar, zieht nicht. Sollen zukunftsweisende, kämpferische Forderungen unterbleiben, weil sie bei dem augenblicklichen Kräfteverhältnis noch nicht realisierbar sind? Immer wieder wird der Ausspruch Hans Janßens zitiert: „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“
Wann immer auf dem Kongreß das Wort fällt von entschlossenerem Auftreten gegen die Stationierung neuer Atomraketen auf dem Boden der Bundesrepublik, vom stärkeren gewerkschaftlichen Engagement für den Frieden, vom Zusammengehen von Arbeiter- und Friedensbewegung, („Wir haben den Fehler gemacht, uns jahrelang herauszuhalten.“) – dann gibt es den stärksten Beifall. Horst Klaus, neugewähltes Mitglied des Geschäftsführenden Vorstands, erhält die höchst Stimmenzahl nicht zuletzt wegen seines Einsatzes in der Friedensbewegung. Eugen Loderer muß sich Abgrenzungspolitik und Berührungsangst vorwerfen lassen, als er sich von der Friedensbewegung und dem Krefelder Appell distanziert. Zwar sagt er, der Gewerkschaftstag spreche den richtigen Gegner an, doch warum baut er dann neue Feindbilder auf mit seinem antikommunistischen Rundumschlag?
Doch mit Antikommunismus lassen sich die Probleme, die den Arbeitern auf den Nägeln brennen, nicht lösen. Das drängt Eugen Loderer wohl in seiner Abschiedsrede dazu, an seine Äußerung vom 12. Gewerkschaftstag zu erinnern: „Die Kapitalisten haben niemals ihren Frieden mit uns gemacht, und so werden wir niemals unseren Frieden mit dem Kapitalismus machen.“
Den Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit führt auch der neue lG-Metall-Vorsitzende Hans Mayr am Donnerstag in seinem Grundsatzreferat immer wieder an. Starken Beifall erhält er für sein Bekenntnis zu Frieden und Abrüstung, für die Forderung, keine neuen Mittelstreckenwaffen in Europa zu stationieren. Vor allem aber auch für seine Ausführungen zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen und die Durchsetzung des Rechts auf Arbeit für alle. Wesentlicher Punkt dabei ist, gerade in der Krise, die 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich, „weil sie mehr Arbeitsplätze und Menschlichkeit bringt“. Das wird kein Spaziergang. „Stellen wir uns also ein auf die härteste Auseinandersetzung vielleicht der ganzen Nachkriegszeit.“
Die Aussicht auf harte Kämpfe schreckt keinen Delegierten. Aber die Aussagen im Grundsatzreferat sind ihnen noch nicht konkret genug. Sowohl in der Diskussion über die Mayr-Rede wie auch in der Antragsdebatte geht es ihnen vor allem um die Umsetzung, um die Mobilisierung der ganzen gewerkschaftlichen Kampfkraft.
Hans Giersiepen
Unsere Zeit vom 14. Oktober 1983, 4.
Diesen Artikel zitieren
Vor härtesten Kämpfen der Nachkriegszeit. In: Protest in München seit 1945. Stand: 14. Januar 2026. URL: https://protest-muenchen.sub-bavaria.de/artikel/12624 (abgerufen am TT.MM.JJJJ).