Materialien 1988
Sozialer Fortschritt bei der Industrialisierung
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Zum Beitrag von Peter Atteslander: Muß es immer der Sonntag sein? in der SZ vom 30./31.7.:
Zweifellos tragen die Bemerkungen von Peter Atteslander zur Aufmerksamkeit eines breiteren Publikums auf die kulturellen Folgen der Sonntagsarbeit bei. Es muß allerdings erstaunen, daß Atteslander einen wesentlichen Aspekt unterschlägt. Sein Hinweis darauf, daß heute in verschiedenen Berufen des Dienstleistungssektors im Interesse des Gemeinwohls selbstverständliche Sonntagsarbeit geleistet wird, verstellt die historischen Zusammenhänge. Was gegenwärtig droht, ist die Rückkehr zu Argumentationsmustern des 19. Jahrhunderts. Während der ersten Industrialisierungsphase wurde die Arbeitszeitorganisation der 6-Tage-Woche und bei entsprechender Auftragslage auch der Sonntagsarbeit ebenfalls mit dem Argument der kostengünstigen Maschinenauslastung und der internationalen Konkurrenz begründet. Seither ist jedoch ein sozialer Fortschritt in der 150jährigen Geschichte der deutschen Industrialisierung zu verzeichnen.
Die industrielle Arbeitsteiligkeit hat in ihrer Entwicklung allerdings keineswegs einen selbsttätigen Mechanismus der Arbeitszeitverkürzung hervorgebracht, wie dies die Ausführungen Atteslanders suggerieren. Es bedurfte vielmehr eines Subjektes, des kämpferischen Willens der Menschen, die unter den Bedingungen entfremdeter Industriearbeit ihr Leben besser gestalten wollten und die wußten, daß zusätzliche freie Zeit eine wesentliche Voraussetzung hierfür war. (Entsprechendes Material findet sich in meinem Buch „Die Fabrik“ und in dem von mir herausgegebenen Band „Die Arbeiter“, beide C. H. Beck Verlag, München.)
Mehr Lohn und kürzere Arbeitszeiten (in der Regel aber unter höherer Arbeitsintensität und Belastung am Arbeitsplatz) erwiesen sich als wichtige Errungenschaften, sie stellen allein jedoch noch keine Verbesserung der Lebensqualität dar. Wesentliche Voraussetzung hierfür ist eine Kultur der Lebensführung. Schichtarbeit – wie sie mit der Sonntagsarbeit diskutiert wurde und wird – bedeutet aber die Parzellierung der Lebenszusammenhänge und die Lösung des Individuums aus sozialen Umfeldern und den Rhythmen der Alltagskommunikation.
Der oft geäußerte Hinweis, daß der/die mit ausreichend Freizeit entschädigte Fabrikarbeiter/in auch unter der Woche die Waren der industriellen Konsumgesellschaft kaufen könne und das Fernsehen für sein Kommunikationsbedürfnis immer mehr Unterhaltungssendungen anbiete, zeigt menschliche Kälte und nicht selten Zynismus, der die Notlage der betroffenen Menschen (drohende Arbeitslosigkeit) ausnutzt. Kultur erweist sich in den Entfaltungsmöglichkeiten des Individuums in einer sozialen Gemeinschaft und den Fähigkeiten, seine Erfahrungen auszudrücken und eine bessere Lebenspraxis, zusammen mit anderen, zu entwickeln. Hierzu bedarf es gemeinsamer freier Zeit.
Das Studium der Arbeiterbewegung mit ihren Errungenschaften, aber auch gescheiterten Erwartungen sollte uns davon abhalten, allzu oberflächlich und geschichtslos vor den Herausforderungen der gegenwärtig stattfindenden dritten Industrialisierungsphase (Computerisierung, neue Technologien) zu kapitulieren und den Weg zurück ins 19. Jahrhundert zu gehen. Vielmehr müssen die technischen Innovationen so gestaltet werden, daß sie zur Verbesserung der Lebensqualität in einer ökologisch überlebensfähigen Umwelt beitragen.
Prof. Dr. Wolfgang Ruppert
Elisabethstraße 8
8000 München 40
Süddeutsche Zeitung 194 vom 24. August 1988, 26.
Diesen Artikel zitieren
Sozialer Fortschritt bei der Industrialisierung. In: Protest in München seit 1945. Stand: 3. Juli 2026. URL: https://protest-muenchen.sub-bavaria.de/artikel/16287 (abgerufen am TT.MM.JJJJ).