Materialien 1956

Im Herzen Europas

… Es waren in dieser Zeit aber auch Sozialdemokraten, die tatkräftig am Aufbau ihres Landes mit-
wirkten. Die bayerischen Genossen von heute hegen begreiflicherweise rührselige Erinnerungen an ihren Wilhelm Hoegner, der immerhin zweimal Ministerpräsident des Freistaats war und dem Bayern zumindest eine für die Zukunft dieses Landes unschätzbar wichtige Entscheidung verdankt. Denn es war niemand anders als der Sozialdemokrat Hoegner, der gemeinsam mit dem damals jungen Atomminister Strauß die Kernenergie zur friedlichen Nutzung an die Isar brachte und da-
mit die Weichen stellte für ein Bayern der modernsten Technologie und intensivsten Forschung.

(Warnung: Lieber Karl-Heinz Hiersemann und lieber Rudi Schöfberger, lest die beiden nächsten Absätze bitte nicht, denn der Autor kann bei dem bißchen Honorar nicht auch noch für schwerwie-
gende Gemütsschäden an euren Genossenseelen aufkommen.)

Also: Dieser Hoegner war sich mit Professor Werner Heisenberg Mitte der 50er Jahre einig, die Max-Planck-Gesellschaft für Physik und Astrophysik von Göttingen nach München zu verlegen, wobei der Sozialdemokrat den Hintergedanken hatte, damit die Voraussetzung zu schaffen für den Bau eines atomaren Versuchsreaktors, in dem die noch junge Energiequelle zu erforschen wäre.

Eine bayerische Atomkommission war bereits gegründet, die am Abend des 6. Juni 1956 zusam-
menkam, um dem Vortrag des Atomministers zu lauschen. Strauß war soeben aus den Vereinigten Staaten zurückgekehrt und berichtete von dem amerikanischen Angebot, den Deutschen einen Lehrreaktor zu verkaufen. Hoegner war elektrisiert und von dem Wunsch beseelt, schneller als die Konkurrenten in den anderen Bundesländern zu sein. Nach der Rede von Strauß meldete er sich zu Wort. „Meine Herren“, sagte er, „ich habe soeben festgestellt, daß mehr als die Hälfte der Kabi-
nettsmitglieder anwesend ist. Damit ist der Ministerrat beschlußfähig.“ Kurze Pause. Dann die Sätze, die wichtig werden sollten für den Fortschritt des Landes: „Hiermit eröffne ich eine außer-
ordentliche Sitzung des Ministerrats. Einziger Tagesordnungspunkt: Ankauf des Lehrreaktors. Ist jemand dagegen? Das ist nicht der Fall. Ich danke Ihnen für diesen Beschluß. Die außerordentliche Sitzung des Ministerrats ist geschlossen.“

Das „Atom-Ei“ bei Garching wird gebaut, Hoegner wird den ersten Uranstab jubelnd in beiden Händen über den Kopf halten und sagen: „Ich habe mir ein Denkmal gebaut, das stärker ist als Erz, wenn es auch nur aus Aluminium besteht.“

(Genossen dürfen jetzt wieder weiterlesen, denn was jetzt kommt, können sie sich ruhig mal hinter die Ohren schreiben.)

Heute wird jede zweite bayerische Kilowattstunde von Kernreaktoren geliefert, die nicht nur Welt-
meister in der Zuverlässigkeit, sondern auch in der Sauberkeit sind. Der friedliche Einsatz der Kernenergie hat – neben Rauchgasreinigungsmaßnahmen in Kohlekraftwerken – Bayerns Luft sauberer gemacht: Seit 1976 sanken die Schwefeldioxidemissionen um 80 Prozent. Unseren Lun-
gen bekommt’s, und den Bäumen im Wald wohl auch. Den Arbeitsplätzen aber kommt zugute, daß bayerischer Strom, einst mit der teuerste in der Bundesrepublik, zum preiswertesten wurde; die Stromtarife sind bereits im dritten Jahr stabil. Günstige und reichlich verfügbare Energie aus der Steckdose ist aber eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine blühende Zukunftsindustrie …

Peter Schmalz


Löwe & Raute. Ein bayerisches Magazin. Hg. von der CSU-Landesleitung, München (im Herbst 1985), 5.

Überraschung

Jahr: 1956
Bereich: Atomkraft