Flusslandschaft 1974
SPD
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Grau hängt eine dichte Wolkendecke über der Stadt. Beklommen hasten Menschen, unkenntlich hinter hochgeschlagenem Mantelkragen, durch den Matsch. Bedrohung ist greifbar: Umstürzler sind es, die die Stadt heimsuchen. Mit Heidemarie Wieczorek-Zeul wählen die Jungsozialisten bei ihrem Bundeskongress in München am 25. Januar erstmals eine Frau als Vorsitzende, Stellvertreter wird Klaus Uwe Benneter. Am 18. Mai bespricht sich Bundeskanzler Schmidt mit dem DGB-Bundesvorstand in Bonn. Gegen Ende des Gesprächs meint er, „Darstellungen der Heidi Wi[e]czorek und anderer Jungsozialisten finde er zum Brechen“.2 Die Jusos verfolgen fatalerweise die sogenannte „Doppelstrategie“. Mit dem „Standbein“ agieren sie in der SPD, um dort Machtpositionen zu besetzen und inhaltliche Positionen durchzusetzen, mit dem „Spielbein“ sind sie in gesellschaftlichen Bewegungen präsent und und üben mit diesen gemeinsam Druck auf die SPD aus, um den Transformationsprozess raus aus der Klassengesellschaft weiterzutreiben. Auch Hermann Glaser ist unzufrieden: „Geradezu peinlich, wie die neue Juso-Vorsitzende Heidi Wieczorek-Zeul die ideologischen Versatzstücke mit der Überheblichkeit der Unsicherheit (und offensichtlich unter der Zwangsneurose stehend, den Emanzipationsrückstand der ,politischen Frau’ kompensieren zu müssen) hin- und herschiebt, so daß der Vorsitzende der ,Jungen Union’ ihr gegenüber durch geistige Beweglichkeit und Offenheit zu brillieren vermag.“3 Kann es sein, dass demnächst die „rote Heidi“ an der Spitze der revolutionären Massen das Maximilianeum oder zumindest den Hauptbahnhof stürmt?

Oh, Vogel Hans, Du zielst umsunst, ein Juso Dir auf’s Zündloch …
»Die Zeichnung zeigt Hans Jochen Vogel, wie er mit einer Handbüchse zielt und dabei von einem Harnstrahl überrascht wird, der von einem über den Volken schwebenden Wesen zielgenau in Richtung Zündloch abgelassen wird. Mich überrascht die Derbheit der Darstellung, aber auch die Originalität, und ich frage Ernst Maria Lang, welchen Anregungen er sie zu verdanken habe. Er kramt in seinen Papieren und zieht ein Faschingsgedicht hervor, das von einem Lokalredakteur der ‘Süddeutschen Zeitung’ geschrieben wurde und, genau wie die Karikatur, am nächsten Tag erscheinen soll. In diesem Gedicht ist in bayrischer Mundart von einem Hans Jochen Vogel die Rede, der, wenn die CSU hinter seinem Rücken meutert, kräftig zurückschießt. Da aber Hans Jochen Vogel nicht nur Front machen muß gegen die CSU, sondern auch noch im Clinch liegt mit den Jungsozialisten, sah Ernst Maria Lang, anders als der Verseschreiber, die Notwendigkeit, in seiner Arbeit beides miteinander zu verquicken. Dabei half ihm die Erinnerung an eine kirchliche Gedenkstätte in Tirol: Dort ist die Opferung des Isaak durch Abraham dargestellt. Abraham zielt auf Isaak, ein Engel schwebt herab, uriniert in Richtung Zündloch und erklärt: ‘O Abraham, du zielst umsunst, ein Engel dir aufs Zündloch …’«4
Wer Mitglied der Jusos wird, braucht starke Nerven. Marxistisch argumentieren schadet nicht, betonen, dass der Kapitalismus als Grundübel überwunden werden muss, löst Applaus bei Genossinnen und Genossen aus. Die leise vorgetragene Frage, ob die SPD das zulässt, wird jovial beantwortet: »Wenn wir die Schlüsselpositionen in der Partei besetzt haben, dann …« Immerhin dürften fast ein Drittel der SPD-Mitglieder Jusos sein. Doch bei den Kommunalwahlen in Schleswig-Holstein und Nord-Hessen schneidet die SPD schlecht ab. Das Parteiestablishment sieht einen zentralen Grund dafür in der Außenwirkung der Partei. In einer einstimmig gefassten Erklärung stellt der bayrische SPD-Landesvorstand fest, dass bei der letzten Juso-Konferenz vielfach »gegen Grundwerte und Grundforderungen des demokratischen Sozialismus« verstoßen worden sei. Der südbayrische SPD-Bezirksvorsitzende Alfons Bayerl bezeichnete die »Entschließung über die Nichtbeschäftigung Radikaler im öffentlichen Dienst« als »parteischädigende Verleumdung und Verunglimpfung führender Sozialdemokraten«. In der Entschließung hatten die Jusos der Parteiführung vorgeworfen, dass sie »dem Druck von Unternehmern, der CSU und großen Teilen der FDP nachzugeben scheint und bereit ist, grundlegende Verfassungsrechte außer Kraft zu setzen«.5 Am 8. April beschließt der bayrische SPD-Landesvorstand, gegen die Jusos Bernd Schoppe, Bernd Empen, Manfred Jena und Fritz Völz ein Parteiordnungsverfahren einzuleiten.
Bei der Landtagswahl vom 27. Oktober verliert die Münchner SPD 7,3 Prozent der Stimmen und alle elf Landtagsmandate. Dies ermöglicht dem eher konservativen Flügel der Partei die endgültige Entmachtung des „linken“ Unterbezirksvorstandes. Die Gegensätze zwischen Oberbürgermeister und SPD-Fraktion im Stadtrat auf der einen und dem Unterbezirksvorstand auf der anderen Seite sind unüberbrückbar. Der UB-Vorstand resigniert: „Seit Sommer 1973 zeigte sich immer deutlicher, dass selbst die durch ausgiebige Basisdiskussion unterstützten Bemühungen des Vorstandes, den Willen der Partei wenigstens auf dem Kompromisswege zu vermitteln, zu nichts anderem als zu einer Verschärfung der Spannungen führten … Der Vorstand hat sich daher im wesentlichen darauf beschränkt, die Mehrheitsmeinung der Partei und Meinungsverschiedenheiten der Fraktion mit der Bitte um Würdigung mitzuteilen und seinerseits die Mehrheitsentscheidung der Fraktion zur Kenntnis zu nehmen.“6
1 Foto: Hermann Wygoda, in: Frankfurter Rundschau 82 vom 6. April 1974, III.
2 Dieter Dowe, Anja Kruke, Michael Schneider (Hg.), Der Deutsche Gewerkschaftsbund 1969 – 1975. Quellen zur Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung im 20. Jahrhundert, Band 16, Bonn 2013, 871.
3 Frankfurter Rundschau, a.a.O.
4 Hans Jürgen Beck, Der Karikaturist E.M. Lang, in: werden 74. Jahrbuch der deutschen Gewerkschaften, Köln 1974, 76.
5 Abendzeitung vom 9. April 1974, 2.
6 Zit. in: Arbeiterpolitik. Informationsbriefe der Gruppe Arbeiterpolitik 6 vom 22. Dezember 1974, 7; siehe „Die Maßnahmen der Parteiführung nach der Niederlage“.
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SPD. In: Protest in München seit 1945. Stand: 14. Oktober 2026. URL: https://protest-muenchen.sub-bavaria.de/artikel/537 (abgerufen am TT.MM.JJJJ).