Flusslandschaft 1975

StudentInnen

Am 1. Januar 1975 tritt das bayrische Hochschulgesetz (BHG) in Kraft, welches die Allgemeinen Studentenausschüsse abschafft und Ordnungsrecht und Regelstudienzeiten festlegt. Die Studierendenvertretungen (Sprecherrat) dürfen sich laut BHG nur um die »fachlichen, wirtschaftlichen, musischen und sportlichen«, nicht aber die politischen Belange der Studierenden kümmern. Sie sind eine Dienststelle der Hochschule (keine juristische Person) und verfügen über keine Finanzautonomie, d.h. die Verwendung der vom Staat zugewiesenen Mittel im Sinne des Gesetzes wird von der Verwaltung kontrolliert. An der Münchner Uni kehrt, so hofft die Hohe Politik, Schritt für Schritt Friedhofsruhe ein.

Zunächst lädt aber der Verband Deutscher Studentenschaften und der «Sozialistische Verlags- und Informationsdienst« gemeinsam zum Kongress „Verfaßte Studentenschaft und politische Disziplinierung im Hochschulbereich“ am 18. und 19. Januar in München ein, um einen neuen, alle linken Gruppen umfassenden Dachverband zu gründen. Es kommt zu heftigen Wortgefechten zwischen Jungsozialisten, Mitgliedern des Marxistischen Studenten-Bunds Spartakus (MSB), des Sozialistischen Hochschulbunds (SHB), des Kommunistischen Studenten-Verbands (KSV) und weiterer Gruppen. Die einen setzen auf Fundamentalopposition, die Jusos zum Beispiel wollen, dass der neue Verband als »Mitträger der Verantwortung für eine freiheitliche, demokratische, soziale und rechtsstaatliche Entwicklung unseres Staates« auftritt. Der MSB meint: »Der Verband tritt im Bewußtsein der Mitverantwortung der Studenten in der Bundesrepublik für den demokratischen Fortschritt, für die soziale und rechtstaatliche Entwicklung der Bundesrepublik und für die Sicherung des Friedens ein.« Andere wollen dagegen den »Kampf für die Forderungen und Rechte der Studentenschaft«. Der Kongress endet im Tohuwabohu.

14. Februar: „Bücherverbrennung durch kommunistische Studenten bei Uni-Wahlen“.1

An der Münchner Uni tummeln sich diverse „linke“ Gruppen. Wie es in einer dieser „Kaderschmieden“ aussieht, das gruselt einen dann doch und macht nachdenklich.2

Mittwoch, 4. Juni: Der »Fachschaftszentralrat« plant eine Vollversammlung. Ein Hörsaal wird verweigert. Darauf versammeln sich Hundert Studis im Lichthof. Hunderte von Stadt- und Bereitschaftspolizisten marschieren auf. Fünfzig Kommilitoninnen und Kommilitonen werden festgenommen und erkennungsdienstlich behandelt. »Wer es wagte, gegen die gewaltsame Unterbindung der Veranstaltung zu protestieren, bekam die Polizeigewalt am eigenen Leibe zu spüren (in deren Ausführung die Hüter des Staates sichtlich nicht ohne Freude am Beruf ihren durch diesen geförderten privaten Sadismus zur Geltung brachten) und wurde in die Ettstraße verfrachtet … Die Eskalation des staatlichen Terrors schafft klare Verhältnisse: es wird ernst gemacht mit dem BHG. Wo es der reformierten Ausbildung durch Regelstudienzeit, permanente Leistungskontrollen etc., die den Studenten Höchstleistungen in der Darbietung von Blödsinn und der konsequenten Unterdrückung jeglichen Gedankens abverlangen, nicht gelingt, Kritik zu liquidieren, steht die Staatsgewalt bereit: mit dem Schlagstock der Polizei soll der Wille bezwungen werden, der sich falschen Argumenten nicht beugt. Daß eine derartige „Widerlegung“ der von Kommunisten vorgebrachten Kritik diese zur Aufgabe ihrer Politik bewegen wird, ist jedoch nicht zu erwarten. Darüber hinaus könnte das Argument der Staatsgewalt auch solche Studenten, die bislang noch alles in Ordnung wähnten, auf Gedanken bringen …«3

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Die studentischen Gremien der TU und der Uni organisieren Busse für die Fahrt nach Dortmund.

Eine Vollversammlung mit Neunhundert Teilnehmern beschließt am 27. Juni, die Studis ab 3. Juli eine Woche lang in einer Urabstimmung entscheiden zu lassen, ob sie mehrheitlich entweder für den Erhalt der Verfassten Studentenschaft mit politischem und imperativem Mandat und mit Beitrags- und Satzungshoheit ODER für den Sprecherrat des BHG votieren. Die Diskussionen um die Verteidigung der verbotenen verfassten Studentengremien veranlasst den KSV für den 4. Juli zu einer Versammlung einzuladen. Etwa Dreihundert Kommilitoninnen und Kommilitonen sind anwesend. Währenddessen haben ungefähr Vierhundert behelmte Polizisten den gesamten Unibereich abgesperrt, stürmen am Ende der Veranstaltung die Uni und jagen Studis durch die Gänge. Da hilft nur noch schnell auf die Toiletten zu flüchten.

Am 11. Juli findet eine Demonstration »Gegen Stellenstop und Relegation von Stefan Eckart, gegen die Verschärfung der Ausbildungsbedingungen und der politischen Unterdrückung an der Uni« statt. Organisatoren u.a.: KSV und Kommunistischer Studenten-Bund (KSB/ML)

Am 17. Juli beginnt eine Demonstration »Gegen Planstellenstreichungen und Lehrerarbeitslosigkeit — Schluß jetzt mit dem Abbau demokratischer Rechte« um 17 Uhr am Unibrunnen. Organisatoren u.a.: MSB und Kommunistischer Hochschulbund

Ab 6. Oktober kostet das 1. Stammessen in der Uni-Mensa statt 1,50 nun 1,70 DM, das 2. Stammessen statt 2 DM 2,30 DM und das Auswahlessen 2,70 DM (vormals 2,50 DM). 500 Studierende unterschreiben innerhalb von drei Tagen einen Protestbrief des informellen AStA, der jetzt in der Werneckstraße 7 residiert. In einem seiner Flugblätter heißt es: »… Zur gleichen Zeit, in der der Rotstift bei Sozial- und Bildungsaufgaben angesetzt wird, bleibt zum Beispiel soviel Geld übrig, daß allein 1974 286 Mill. DM — das sind 162 Mill. DM mehr als im Jahr davor — an die Kassen von MBB (= Messerschmidt-Bölkow-Blohm) überwiesen werden konnten.« 5


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28. Oktober: Die Studenten der Fachhochschule protestieren gegen die Schließung ihrer Mensa.

Ulrike Budde, 5.11.75
Mensaboykott, 5.11.75 7

Am 25. November durchbrechen über 300 Studis das Raumverbot an der Uni. AStA-Vorsitzender Claus U. Schmidt kündigt in dieser Vollversammlung Wahlen zum XIII. Studentenparlament (Konvent) an. Sie sollen vom 8. bis 12. Dezember durchgeführt werden.

Am 4. Dezember beginnt um 14 Uhr die Demonstration gegen die Einführung des Semestergeldes.

Eine Vorlesung könnte von einer „amtsbekannten“ Studentin gestört werden. Um das zu verhindern, sitzen zwei „ältere Studenten“ im Hörsaal. Das hat Konsequenzen.8

Beschreibung9
Dem Kommilitonen Claus U. Schmidt wird vom Rektor der Uni vorgeworfen, er habe als »Vorsitzender des AStA« trotz eines Verbots eine Studentenvollversammlung geleitet. Ab jetzt sei die Bezeichnung »AStA Uni München« untersagt, Schmidt drohe die Relegation. MSB und Sozialistischer Hochschulbund wehren sich. Vom 8. bis 12. Dezember haben sie Wahlurnen aufgestellt. Gerade jetzt müsse man ein neues unabhängiges Studenten-Parlament wählen. Im Germanistischen Institut beschlagnahmt die Polizei eine Urne, in der Mensa jagt die Polizei »Störenfriede«. Am Mittwoch, 10. Dezember, geißeln um 19 Uhr in der Olympia-Mensa SPD-Landtagsabgeordneter Joachim Schmolcke und der ehemalige SHB-Bundesvorsitzende Heinz-Gerd Hofschen das BHG. Immerhin wählen 3.383 Studis.

Am 12. Dezember 1975 möchte Kurt Biedenkopf, Generalsekretär der CDU, auf Einladung des RCDS in der Uni zum Thema „Freiheit – Aufgabe und Chance der westlichen Welt“ sprechen. Sprechchöre hindern ihn an seiner Rede.10


1 Vgl. Süddeutsche Zeitung 38/1975.

2 Siehe https://blatt-muenchen.de/showblatt?p=040, 9.

3 ak aktuell: Klare Verhältnisse, in: Flugblattsammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung

4 Nachlass Zingerl, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung

5 Flugblattsammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung

6 A.a.O.

7 unireport 31 vom Dezember 1975, 1.

8 Siehe https://blatt-muenchen.de/showblatt?p=059, 23.

9 Flugblattsammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung

10 Siehe https://blatt-muenchen.de/showblatt?p=060, 13.

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StudentInnen. In: Protest in München seit 1945. Stand: 19. Oktober 2026. URL: https://protest-muenchen.sub-bavaria.de/artikel/563 (abgerufen am TT.MM.JJJJ).