Materialien 1976
»Franz Joseph hülf uns vürderhien ...«
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Genau sieben Monate vor der Bundestagswahl eröffnete CSU-Führer Franz Josef Strauß mit seiner traditionellen Aschermittwoch-Rede in Passau den Wahlkampf. 7.000 Anhänger bejubelten heftige Angriffe auf die Sozialdemokraten und verbale Ausfälle, wie sie in Österreich von Politikern unvorstellbar wären. Fast drei Stunden lang trommelte Strauß vor sieben TV-Kameras und Dutzenden Journalisten zum totalen Krieg gegen Rot.
„In der Gegenwart versagen, die Vergangenheit im Dunkeln lassen, ihr Endziel verschweigen und ihren nächsten Schritt dementieren.“
Franz Josef Strauß über die SPD.
„Ein kommunistisch geschulter Funktionär, der von der Gehässigkeit der Mimik bis zur Ordinärheit der Sprache in der deutschen Parlamentsgeschichte eine Einmaligkeit darstellt.“
FJS über 5PD-Fraktionschef Herbert Wehner.
„Ich halte nichts von tobenden Gewerkschaftsfunktionären, die nichts anderes tun, als Abschirmdienste für versagende Parteifunktionäre zu leisten.“
FJS über den DGB-Vorsitzenden Oskar Vetter.
„Herr Brandt ist auf dem von Breschnjew empfohlenen Weg der Zusammenarbeit zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten. Ubi Breschnjew – ibi Brandt.“
„Ein Mann, der einem kommunistischen Spion jahrelang erlaubt hat, Zugriff zu Staatsgeheimnissen zu bekommen.“
FJS über SPD-Chef Willy Brandt.
„Dieser Gernegroß, dieser Pseudo-Napoleon.“
„Der hat damit Engstirnigkeit, Beschränktheit, geschichtswidrige Verbohrtheit und Unfähigkeit bewiesen.“
„Dieser von allen guten Geistern Verlassene.“
„Ich bin nicht größenwahnsinnig, ich heiße nicht Helmut Schmidt.“
FJS über den deutschen Kanzler.
Dem österreichischen Beobachter bleibt der Atem weg. Fast drei Stunden lang faucht da in der häßlichen Nibelungenhalle von Passau der Führer der CSU Beschimpfungen in die Mikrophonbatterie, spuckt Aggression, vernadert, hetzt, unterstellt.
Den 7.000 Bajuwaren, die da schon zwei Stunden bei Bier aus dem Plastikbecher („A Mark fuffzig“) gewartet hatten, kann es der gedrungene, halslose Volkstribun mit dem rosigen Gesicht gar nicht deftig genug machen. „Politischer Aschermittwoch mit Franz Josef Strauß“, das ist für seine Anhänger niederbayrisches Bauerntheater mit dem Duft der großen, weiten Welt.
FJS im eleganten grauen Anzug und mit modernem Kurzhaarschnitt schafft die Verbindung spielend: In China hat ihm „ein sehr hoher Staatsfunktionär“ vor der Falschheit der italienischen Kommunisten gewarnt. FJS war überrascht, erzählt er seinen Gläubigen in Passau: „Da hab’ ich gebeten: ‚Sag‘n S’ das noch amoi!‘.“
Ein roter Chinese, gerade gut genug als Zeuge für Straußens riesige rote Katze. Fast seine ganze Rede ist eine geifernde Warnung vor dem großen Zusammenspiel der Sozialdemokraten mit den Kommunisten:
„Was Herrn Brandt nach seinem Scheitern in der Bundesrepublik vorschwebt, ist ein sozialistisches Europa.“
Schaudernd ruft einer dazwischen: „Niemals.“
Der da oben am Rednerpult aber, der wird’s den Roten schon geben. Eine Doppelfarbseite im offiziellen Werbeprospekt der CSU … zeigt im Stil einer Votivtafel, was die CSU von ihm hält!
Da flüchten links bärtige Rote mit Fahnen unter einer tiefroten Wolke, in der Marx, Lenin und Stalin zittern.
Blitze gegen rote Heilige
Denn von rechts schleudert eine weiße Wolke Blitze gegen rote Wolkenheilige und ihr Fußvolk. „Franz Joseph hülf uns vürderhien“, fleht ein Transparent der FIS-Zuhörer auf dem Bild. Und die blitzende Wolke gibt schon Antwort: „Franz Joseph hat geholfen!“
Am Wahltag im Oktober soll er wieder helfen. Denn die Sozialdemokraten „gehören, schlicht gesagt, weg – weg! Die Linken gehören weg, damit der Neid wieder verschwindet und das Volk wieder seine gesunde Grundlage hat“.
Die 7.000 im Saal toben und beginnen vollends verzückt zu johlen und zu trampeln, als ihr politischer Abgott da oben gegen Schmidt brüllt: „Dieser Mann ist als Kanzler ein Sicherheitsrisiko ersten Grades.“ Ohne jedes Zeichen von Anstrengung donnert Strauß so 170 Minuten lang.
„Eine Rede, die Sie mehr strapaziert hat als mich“, kokettiert er denn auch gegen Ende der Rede mit seiner Kondition. „Zugabe, weiterreden!“ brüllt einer aus dem Saal zurück.
Stehend bejubeln sie ihn am Schluß. Hat er ihnen doch gesagt, was sie wert sind: „Deutschland braucht Bayern.“
Franz Joseph hat geholfen.
Peter Rabl
Kurier, Wien, vom 5.März 1976, 4.
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»Franz Joseph hülf uns vürderhien ...«. In: Protest in München seit 1945. Stand: 16. Oktober 2026. URL: https://protest-muenchen.sub-bavaria.de/artikel/17244 (abgerufen am TT.MM.JJJJ).