Flusslandschaft 1984

Kunst/Kultur

Nikolaus Lobkowicz, ehemaliger Präsident der Münchner Uni, jetzt Präsident der Katholischen Universität Eichstätt spricht am 19. Oktober vor CSU-Delegierten über die von Bundeskanzler Kohl versprochene „geistige Wende“: „… Zuweilen könnte man in diesem Lande den Eindruck haben, daß es in Wirklichkeit von entwurzelten Intellektuellen regiert wird. Niemand schreit auf, wenn der Deutsche Schriftstellerverband sich speichelleckerisch mit den schriftstellernden Kreaturen von Herrn Honecker verbrüdert und dabei so tut, als ob das Wesen unserer jüngeren Geschichte ein doch gewiß nicht zufällig in das totalitäre Sowjetsystem einmündender Sozialismus wäre. Kein Politiker – und nicht einmal ein Bischof – springt Bundesminister Zimmermann bei, wenn er einem (gewiß nicht untalentierten) Filmemacher Zuschüsse deshalb verweigert, weil er die Gestalt Jesu Christi durch den Kakao gezogen hat; man stelle sich vor, jemand hätte einen ähnlich unappetitlichen Streifen über Karl Marx gedreht! Kaum ein konservativer Politiker spricht laut und unverhohlen sein Entsetzen über die Tatsache aus, daß man bei uns unter Schriftstellern allerArt offenbar nur dann etwas als Künstler gilt, dann aber auch nicht einmal ein guter Schriftsteller sein muß – Beispiel: Bernt Engelmann –, wenn man so weit links wie irgend möglich steht, so daß bei uns selbst bei ansonsten vernünftigen Zeitungen das Feuilleton sich liest, als wären die wahren Helden des Zeitalters Fidel Castro und Allende, Berlinguer oder Marchais. Kein anderer Staat der freien Welt duldet es, wenn seine Künstler sich blasphemisch und/oder pornographisch geben, und am Ende sogar – siehe Böll – die Bürger dazu aufrufen, nicht mehr ihr Land zu verteidigen …“1

BILDENDE KUNST

Bis zum 29. Januar zeigt Guido Zingerl seine Gemälde im Pavillon im Alten Botanischen Garten.

LITERATUR

Wut, Aufschrei, Eruption. Hoffnungsvolle Aufbrüche versanden hoffnungslos. Die Zeiten ändern sich, und viele glauben zu sehen, dass die Zustände trotz aller Opposition schlimmer geworden sind. Mancher kritische Geist hat sich auch gut eingerichtet. Da treffen sich zwei literarisch ambitionierte Menschen im Münchner Literaturbüro in der Milchstraße 4 und sagen alles, was ihnen auf der Seele brennt. Ohne Rücksichten zu nehmen auf nix und niemanden.2

MUSIK

Die Guglhupfa bringen bei Trikont ihre neue Scheibe „Tohuwabohu“ heraus. Bekannt geworden sind Heini und Rudi Zapf, Anderl Lechner und Karl Well im Musikalischen Unterholz (MUH) und später in der Liederbühne Robinson. Sie beschäftigen sich mit Hausbesetzungen, dem in Erding geplanten Großflughafen, der Arbeitslosigkeit, dem Tohuwabohu in Ohu und mit den Nackerten im Englischen Garten.

Freilich spielen Musikanten auch bei Festen der DKP auf; der Applaus ist beeindruckend.3

Und dann bringt der Hans Söllner eine Single heraus, die manche Söhne neidisch und traurig machen.4

WITZ

Helmut rudert mit seiner Hannelore im Ruderboot über einen Teich. Sie kommen an einer Insel vorbei, wo ein Pelikan am Ufer steht. Hannelore sagt: „Ach schau mal, Helmut, da steht ein Pinguin.“ Darauf Helmut: „Nein, Hannelore, das ist ein Pelikan. Da werden Füller von gemacht.“ Das ist ein bescheuerter Witz über ihn, ein schlechter, mies und ungerecht, der einem die Tränen in die Augen treibt! Helmut Schmidt-„Schnauze“ eignete sich ja nicht so dafür, heute finden sich in den Buchhandlungen Stapel von Helmut-Kohl-Witze-Büchlein. Aber wenn er selbst mal einen Witz erzählt, schreibt offenbar niemand mit, warum? Als August Everding und Narrhalla Präsident Paul Stengel am 18. Januar die Laudationes bei der Verleihung des Karl-Valentin-Ordens der Münchner Faschingsgesellschaft »Narrhalla« an IHN halten, schreibt ebenfalls niemand mit. Zumindest ist im www nichts zu finden, da gibts nirgendwo Überlieferungen. Nur: irgendetwas müssen wir schon dazu sagen, auch wenns ein Schmarrn ist! So etwas darf keinesfalls im verschwommenen Orkus des trüben Vergessens verschwinden! Man muß sich schließlich fragen, wer will dem Bundeskanzler mit diesem Orden schaden? Da ist eine leise Stimme zu hören: „I hätt eam den Orden scho verliehn, weil i ean ja gar ned kenn.“

Siehe auch „Stadtviertel“.


1 CSU-Landesleitung (Hg.), CSU 84. Kursbestimmung. Dokumentation Parteitag 19./20. Oktober 1984, München, 70 f.

2 Siehe „An Alle“ von G. Zola/F. Froheim.

3 Siehe „Bayrischer Zukunftswalzer“.

4 Siehe „Mei Bapa“ von Hans Söllner.

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Kunst/Kultur. In: Protest in München seit 1945. Stand: 22. Oktober 2026. URL: https://protest-muenchen.sub-bavaria.de/artikel/795 (abgerufen am TT.MM.JJJJ).