Materialien 2025

25 Jahre Solidaritätspartnerschaft mit dem indigenen Volk der Asháninka im amazonischen Regenwald Perus

Zur Entstehung

1997 erreichte uns (Initiator*innen der Partnerschaft) in München die dringende Bitte einer Menschenrechtsaktivistin aus Peru, dort das indigene Volk der Asháninka bei der Normalisierung seiner Lebensumstände zu unterstützen. Die Asháninka in Peru hatten nach dem für sie verheerenden internen Krieg zwischen Militär und der maoistischen Aufstandsarmee des Leuchtenden Pfads (Sendero Luminoso) eine Notstandskommission gebildet, um die Folgen zu bewältigen. Seit 1980 hatten die Trupps von Sendero Luminoso den zentralen Regenwald als Rückzugsgebiet genutzt, die (Asháninka-)Bevölkerung terrorisiert, in die Flucht getrieben, zwangsrekrutiert. Das nachrückende Militär tat ein übriges: Die Bilanz zeigt 1980 bis 2000 dort zerstörte Dörfer, 6.000 Tote, 10.000 Binnenflüchtlinge sowie traumatisierte, zerrüttete, verfeindete Familien und kaputte Gemeinden.

Trotz der Vertreibung, der traumatischen Erfahrungen und Verletzungen gelang es den (heute ca. 100.000) Asháninka, sich wieder auf den verschiedenen Ebenen zu organisieren: in der Dorfgemeinschaft, in Föderationen mehrerer Dörfer, auf regionaler und nationaler Ebene. Zusammen mit den Ashéninka oder Yanesha leben sie im zentralen Regenwald Perus. Zu ihrer in den Anden (!) gelegenen Regionalhauptstadt (Junín) sind sie mindestens sechs Stunden, zur Hauptstadt Lima (Küste) Minimum eine Nacht oder einen Tag mit dem Bus unterwegs. Das führt in einem zentral organisierten Staat wie Peru bei Behördengängen zu erheblichem Aufwand und hohen Kosten.

Die Wirtschaftspolitik des Landes betrachtet und behandelt den Regenwald als eine Art Rohstofflager. Bezogen auf das Gebiet der Asháninka (dem größten Regenwaldvolk in Peru) sind die permanenten Gefahren für Mensch und Wald: die organisierte illegale Entwaldung für den Anbau von Coca und Verkauf von Edelhölzern – sowie legale Abholzung zugunsten von Plantagen mit Ingwer, Ananas und anderen (Export-)Produkten.

Die Bitte um Unterstützung ging an uns, weil wir die Situation in Peru kannten und uns schon seit längerem gegen Kolonialismus, für Menschenrechte, soziale Bewegungen und Natur in Lateinamerika einsetzten. Auch war unsere Stadt, die Landeshauptstadt München, seit 1991 Mitglied im Europäischen KlimaBündnis mit den Völkern Amazoniens, was mit Selbstverpflichtungen verbunden war; darunter die, Regenwaldvölker zu unterstützen. Dazu kam, dass durch die Rio-Umweltkonferenz der Vereinten Nationen 1992 die Kommunen (als besonders bürgernah) dringend aufgerufen waren, ihren Beitrag zur Bewältigung der Umwelt- und sozialen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu leisten. Dies geschah im Münchner Zusammenhang im Rahmen der Lokalen Agenda 21 (Fachkoordination Eine Welt) mit dem Zusammenschluss Nord Süd Forum München e.V. und dem Zusammenschluss Bayerischer Bildungsinitiativen (ZBB e.V.) – zunächst durch Informations- und Bildungsarbeit. Nachdem 1997 die dramatische Situation der Asháninka im zentralen peruanischen Regenwald immer klarer und dringlicher wurde, unternahm in Koordination mit der Notstandskommission eine kleine Gruppe aus München die privat finanzierte erste Informationsreise zu den Asháninka (Hep Monatzeder, Renate Hechenberger, Trudi Schulze-Vogel, Heinz Schulze). Der Besuch einer „befriedeten“ Dorfgemeinschaft, Gespräche in verschiedenen Orten (die jeweiligen Fahrten wurden ungebeten von zwei Soldaten begleitet), erste Absprachen in der noch sehr fragilen Situation, erfolgten.

Der Beginn

Das Jahr 1998 kann als Beginn der Kooperation Münchens mit den Asháninka festgehalten werden. Erste Unterstützung (Nothilfe mit Perspektive) fand, meist auf privater Basis, ab dem Jahr 1989 statt. Allmählich entwickelte sich daraus der beim Nord Süd Forum angesiedelte zivilgesellschaftliche „Arbeitskreis München Asháninka“.

Ohne den großen Einsatz von Persönlichkeiten aus Stadtpolitik und Verwaltung wäre die Klimapartnerschaft nicht zustande gekommen – und hätte auch 2002 Guillermo Ñaco nicht als erster Vertreter des regionalen indigenen Zusammenschlusses (ARPI) München besuchen und über die Asháninka informieren können.

Die Kooperation München Asháninka

Die Münchner Kooperation mit den Asháninka hat zwei Säulen (Stadt und Zivilgesellschaft) sowie klar abgesprochene Eckpunkte:

⸎ Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit (tropische Wälder, indigene Völker, Weltklima)

⸎ Projektunterstützung der Asháninka-Organisationen: nach Anfrage und festgelegten Kriterien

⸎ Politische Unterstützung der Asháninka (Menschenrechte, Regenwaldschutz).

Die Asháninkapartner*innen sind für den Regenwald und mehr Gerechtigkeit engagierte (kleine) Organisationen oder (Dorf-)Gemeinschaften. Der (zivilgesellschaftliche) Arbeitskreis in München ist angesiedelt beim gemeinnützigen Verein Nord Süd Forum München und besteht aus Personen, die sich für die Asháninka, den Regenwald und das Weltklima engagieren.

Die Landeshauptstadt München

Die Stadt München engagiert sich (angesiedelt beim Referat für Klima- und Umweltschutz) im Rahmen ihrer Gemeindekompetenzen ggfs. mit Asháninka-Nothilfe (Naturkatastrophen), unterstützt das zivilgesellschaftliche Engagement des Arbeitskreis München Asháninka mit jährlich 5.000 € (Koordinierungs- und Sachkosten Öffentlichkeits­arbeit) und übernimmt Kosten für Asháninka-Delegationsreisen: siehe Bericht 2021-2024, Bekanntgabe vom 18.4.2022, LHM https:/ RISI – muenchen.de, Dokument 8336558.

Der Arbeitskreis München Asháninka

Unser Arbeitskreis ist in allen drei genannten Bereichen sehr aktiv. Der Bereich Projektunterstützung folgt Kriterien und wird annähernd vollständig in der Projektstatistik aufgelistet. Dazu kommt die politisch-moralische Unterstützung (Stellungnahmen, offene Briefe an Politik/ Unternehmen in Deutschland oder Peru) und vor allem unsere Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit, um so den übersehenen Realitäten und überhörten Stimmen der Menschen im globalen Süden eine Stimme zu geben. Materialien und Gesprächsmöglichkeiten (in München und im Regenwald) schaffen Begegnung:

Mindestens vier Broschüren, mehrere Comics und Hefte mit (Vorlese-)Geschichten, ein didaktischer Regenwaldkoffer und Spiele sowie mindestens zehn Regenwald-Fotokalender mit Infos sind so entstanden. Dazu kommt der Rundbrief für Interessierte (E-Mail) sowie Radiosendungen (vor allem LORA München) und Dutzende von Vorträgen, Seminaren, Beiträgen auf Fachveranstaltungen, Informations- und Verkaufsstände.

Einige der Materialien, sowie Videos und eine Fotostrecke kann man auf der Webseite https://www.nordsuedforum.de/klimapartnerschaft-mit-den-ashaninka#infomaterial einsehen.

Der Koordinator des Arbeitskreises koordinierte und leitete vier Informationsreisen aus München zu den Asháninka (Aktive und Multiplikator*innen, Pädagog*innen), vermittelte fünf Praktikant*innen nach Peru sowie einen Einsatz über den Senior-Expertendienst.

Der Arbeitskreis gewann Wettbewerbe und erhielt mehrere Auszeichnungen auf lokaler bayrischer, Bundes– und Europaebene. Damit verbundenes Preisgeld ging in Maßnahmen der Asháninka. Wir bewerben uns sogar bei „aussichtslosen“Wettbewerben, um für Aspekte globaler Verantwortung (Umwelt, Nachhaltigkeit, Bürgerengagement) zu werben und zu sensibilisieren. Auch erhielten zwei Personen des AKs (Trudi und Heinz Schulze) bereits zweimal die Medaille München leuchtet in Anerkennung ihres Eine Welt Engagements. Bei einer Auszeichnung der Kooperation München – Asháninka vor dem Europarat erhielt die Asháninkavertreterin eine mündliche Zusage für Projektförderung. (Später erfuhren wir zufällig, dass „Projekte in Afrika“ Vorrang erhalten hatten.)

Delegationsreisen nennen wir die wichtigen, jeweils rund 14-tägigen Besuchsreisen von Vertreter*innen ihrer indigenen Organisation, der Asháninkaverwaltung oder ihrer Dorfgemeinschaft in München. Im Prinzip erstellen wir ein Anforderungsprofil (sie müssen zum Beispiel Spanisch sprechen können) und die Asháninka entscheiden, wer kommt.

Der Vertreter/die Vertreterin absolviert in München dann zahlreiche Termine und informiert Kin-der, Jugendliche, Erwachsene – an Kitas, Schulen, in öffentlichen Veranstaltungen, an Universitäten, in Gesprächen mit politisch Verantwortlichen – über die Realität und das aktuelle Leben im Regenwald und wie sie mit den vorhandenen Gefährdungen und Problemen umgehen. Der Austausch darüber, was sie tun und was wir hier tun können und müssen, um gemeinsam zu überleben, ist sehr wichtig und stets beeindruckend für alle Beteiligten. Bisher fanden (mindestens) 14 solcher Besuchsreisen von 21 indigenen Gästen statt (11 Männer, 10 Frauen). Sie informierten mindestens 15 mal in Kindergärten/Kitas, 150 mal in Schulen aller Kategorien einschließlich Berufsschulen, Hochschulen, Universitäten. 80 mal bestritten sie politische Gespräche, Fachkonferenzen, öffentliche Veranstaltungen und einige Großveranstaltungen, sowie 20 Radiosendungen, Interviews, und Zeitungsberichte. Für diese Begegnungsreisen ist das Engagement der Landeshauptstadt München unerlässlich und unverzichtbar.

Einige Grundsätze und Kriterien dieser Kooperation

Wir versuchen eine Zusammenarbeit „auf Augenhöhe“: Wir bauen nicht, wir pflanzen nicht, wir machen nicht. Das machen die Leute vor Ort, das machen Partnerorganisationen. Wenn wir als Arbeitskreis hier in München „machen“, dann Materialien, Protestbriefe, etc. zur Unterstützung von Anliegen der Asháninka, die sie selbst auch aktiv verfolgen. Wir arbeiten mit ihnen und nicht für sie. Das heißt, wir hinterfragen im Zweifel ihre Ideen und konkreten Wünsche, haken nach und bringen ggfs. eigene Vorschläge mit ein.

Wir, der Arbeitskreis, sieht seine Hauptaufgabe nicht in der Finanzierung von Projekten. Wenn die Asháninka auf der Suche nach einer Fördermöglichkeit sind und wir bessere Informationen haben als sie, informieren wir sie entsprechend oder vermitteln sie weiter.

Wir erwarten im Fall von materieller (finanzieller) Unterstützung durch uns selbst bzw. unsere Spender*innen von den Partner*innen in Peru absolut zuverlässige und transparente Verwendungsnachweise (Bericht und Abrechnung), so wie wir sie ebenfalls erbringen müssen und wollen. Erwarten wir zu Beginn einer beabsichtigten Maßnahme eine dokumentierte Willens- und konkrete Beteiligungsbekundung der Durchführenden vor Ort (Dorfgemeinschaft, etc.), so erwarten wir später, dass buchhalterisch und im Vier-Augen-Prinzip belegt werden kann, dass aus dem Einsatz der stets relativ geringen Mittel bestmögliche Ergebnisse erzielt worden sind (das schützt auch die Projektverantwort­lichen vor Unterstellungen).

Was sind gute Ergebnisse, was sind Erfolge, was kann und was soll man messen? Auch hier gilt es, in Dialog zu gehen: Ein einziger offizieller (gemeinschaftlicher) Landtitel für eine Dorfgemeinschaft der Asháninka kann strukturell und langfristig klüger, wichtiger, existenzieller und entscheidender gewesen sein als die zuvor so dringend ersehnte Möblierung einer Kita. Die endlich möblierte Kita nützt im Ernstfall nichts, wenn – wer oder welche Firma auch immer – daherkommt und sich Papier wedelnd als angebliche/r Landbesitzer/in gewaltsam Zutritt und Zugriff auf indigenes Territorium verschafft. Und Regenwald abholzt, und Flüsse verseucht, und, und, und. Nur als Beispiel.

Auch gibt es einige Kriterien, die wir uns als Raster für Projektunterstützung gegeben haben und kommunizieren, weil wir sie erstens aus Erfahrung für gut halten und zweitens als Ehrenamtliche die Grenzen unserer Möglichkeiten beachten wollen und müssen. Wir unterstützen nicht, nur wenn dies unkomplizierter ist, als zum Beispiel bei den zuständigen Behörden seine Rechte durchzusetzen. Wir unterstützen allerdings, wenn dafür Voraussetzungen geschaffen werden müssen; z.B. Ausstattung, um staatliche Förderung zu erhalten. Wir übernehmen keine Kinderpatenschaften und fördern keine Einzelpersonen, sondern Gemeinschaften, die zusammen ein bestimmtes Ziel erreichen wollen, an dem sie arbeiten und das sie (und wir) für sinnvoll halten – und das sie und den Regenwald nicht schädigt.

Am liebsten unterstützen wir natürlich innovative Projekte mit Modellcharakter, die eine große Ausstrahlung haben, aber unsere Kriterien sind nicht in Stein gemeißelt – es geht auch um Vertrauen.

Einen kleinen Einblick gibt die (vermutlich annähernd vollständige) Auflistung der Projekte, die unsere indigenen Partnerorganisationen dank von uns eingeworbener Spenden oder Zuschüsse im Lauf der Zeit durchführten.

An dieser Stelle bedanken wir uns bei all den Netzwerken und vielen Kooperationspartner*innen in München, Deutschland und Peru, ebenso wie bei den Spender*innen, ohne die all das nicht möglich gewesen wäre und nicht möglich sein wird.

München, Oktober 2025

Heinz Schulze
(für den Arbeitskreis München Asháninka)

Spendenkonto
Nord Süd Forum München e.V.
SozialBank AG
BIC BFSWDE33XXX
IBAN DE 78 3702 0500 0008 833100
Verwendungszweck: Spende Asháninka


Zugeschickt am 19. Oktober 2025

Diesen Artikel zitieren

25 Jahre Solidaritätspartnerschaft mit dem indigenen Volk der Asháninka im amazonischen Regenwald Perus. In: Protest in München seit 1945. Stand: 7. August 2026. URL: https://protest-muenchen.sub-bavaria.de/artikel/16947 (abgerufen am TT.MM.JJJJ).