Flusslandschaft 2026

Kunst/Kultur

Hella Schlumberger, Seidlvilla, 1.7.93 1
Hella Schlumberger stirbt am 13. Juli. Die Schriftstellerin und Journalistin kam am 27. Juni 1943 in Denkhaus bei Reetz in Pommern zur Welt. Sie studierte Romanistik in Paris, München und Tübingen, wo sie auch promovierte. Sie reiste dann zu sozialen Brennpunkten in Europa und in Übersee. Sie streifte mit Guerilleros durch lateinamerikanische Urwälder, interviewte Kurden-Chef Abdullah Öcalan, legte sich mit lokalen Obrigkeiten an und saß in der Türkei im Gefängnis, aus dem sie erst entlassen wurde, als eine breite Protestwelle ihre Freilassung forderte. Ihre Recherchen veröffentlichte sie in Büchern wie „Durchs freie Kurdistan“, „Kurdische Reise“ und „Der brennende Dornbusch“. München war ihr beides: zuwider und zugleich ein Anliegen. Hartnäckig erinnerte sie an Georg Elser, immer wieder, immer wieder lief sie sich die Hacken ab, bis sogar in dieser verschnarchten Stadt ein Platz nach dem Hitlerattentäter benannt wurde. Für ein Georg-Elser-Denkmal bekam sie eine Zusage von Alfred Hrdlicka; das aber war der Stadt dann doch zu viel. Die Feste im zweiten Hinterhof in der Türkenstraße 61, wo sie ganz oben unter dem Dach wohnte, waren legendär. Wer sie besuchte, mußte sich in dem düsteren Jahrhundertwende-Treppenhaus ab dem fünften Stockwerk, wenn es dann heller wurde unter dem Glasdach, eine Schneise durch wuchtig hochgewachsene, exotische Pflanzen bahnen, fürchtete sich, dass die schräg sich in die dunkle Tiefe neigenden Stufen der knarzenden Treppe irgendwann zusammenbrachen, und begegnete zwischen schwankenden Lianen hin und wieder verzweifelten Vertretern der städtischen Ordnungsbehörden, die die urwaldähnlichen Zustände unter feuerpolizeilichen Gesichtspunkten kritisch in Augenschein nahmen. Hattest du es völlig außer Atem bis zu ihr hinauf geschafft, fandest du dich in einer andern Welt wieder mit Büchern, Katzen, Liedern von Jacques Brel, Bildern, Flugblättern, einer tickenden Wanduhr, Kleidern und Tüchern, seltsamen Steinen, Plastiken, Fundsachen aus aller Welt, Indien, Nepal, Mexiko … und dann konnte dein Blick gurrenden Tauben zusehen und frei über die Dächer der Maxvorstadt schweifen wie in den späten 60ern aus einer Gaube über den Dächer von Montmartre. Computer waren nicht so ihrs. Da gab es klare Bündnisse mit denen, die das Analoge hochhielten und allerhöchstens den nächstgelegenen Copyshop heimsuchten, um dicke Manuskripte zu vervielfältigen. Für ihren grandiosen Wälzer „Türkenstraße. Vorstadt und Hinterhof“ wurde sie im Jahr 2000 mit dem Ernst-Hoferichter-Preis ausgezeichnet.

BILDENDE KÜNSTE

Der bulgarische Kurator und Künstler Kalas Liebfried ist künstlerischer Leiter der lothringer13-Halle in München sowie des transnationalen Projekts “Antifaschismus: Jetzt.” Die Ausstellung ist vom 30. Januar bis zum 31. Juli zu sehen.2

THEATER

Die Kammerspiele haben im letzten Viertel Jahrhundert eine aufregende Transformation durchlebt und auch manchmal durchlitten: „Frank Baumbauer öffnete das Theater zur Stadt und der postmigrantischen Wirklichkeit. Johan Simons öffnete es zur Welt. Matthias Lilienthal öffnete es für gesellschaftliche Bewegungen. Barbara Mundel öffnete die Institution selbst.“ 2026 entscheidet es sich: „Deutschland braucht Kulturinstitutionen, die zeigen, wie eine offene Gesellschaft aussehen kann. Es braucht Leuchttürme, die nicht aus Angst vor politischen Angriffen oder finanziellen Engpässen ihr Licht herunterdimmen, sondern selbstbewusst sichtbar bleiben. Fatal wäre die Entscheidung, das Experiment jetzt zu beenden.“3 Am 29. Mai ist Premiere: Necati Öziri zeigt Annie Ernaux’ „Das Ereignis“.4

Premiere am 2. Juli: „Putsch“ von Alistair Beaton und Dietmar Jacobs im Metropol Theater5


1 Hella am 1. Juli 1993 in der Seidlvilla, Foto: G. Gerstenberg

2 Siehe https://www.lothringer13.com/ und https://www.artmagazine.cc/content137137.html.

3 https://nachtkritik.de/recherche-debatte/essay-labor-einer-offenen-gesellschaft-bjoern-bicker-ueber-die-zukunft-der-muenchner-kammerspiele

4 Siehe https://nachtkritik.de/nachtkritiken/deutschland/bayern/muenchen/muenchner-kammerspiele/das-ereignis-muenchner-kammerspiele-necati-oeziri-inszeniert-annie-ernaux-abtreibungsbuch-als-bezwingendes-theatersolo

5 https://nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=27238:putsch-metropol-theater-muenchen-jochen-schoelch-bringt-die-anleitung-zur-zerstoerung-einer-demokratie-von-alistair-beaton-und-dietmar-jacobs-auf-die-buehne&catid=347

Diesen Artikel zitieren

Kunst/Kultur. In: Protest in München seit 1945. Stand: 28. September 2026. URL: https://protest-muenchen.sub-bavaria.de/artikel/13252 (abgerufen am TT.MM.JJJJ).