Flusslandschaft 1977

Kapitalismus

»Woaßt«, meint der Jo, »da gehst in d ‚Rheinpfalz‘, gsteckt voll, olle sans da und dea Wirt verlangt für d Hoibe jetzad eine Mark 70. Oiso, a solidarischer Bierpreis is des net!« Darauf der Cochise: »Mei, er is a net bleed! Solang mir des zoin …«1

„Gegen den Beschluß einer Grundstücksspekulation in Millionenhöhe zugunsten der Banken und der Milliardärsfamilie Maffei durch den Münchner Stadtrat führte die DKP München am Mittwoch vor dem Rathaus eine spektakuläre Protestaktion durch. Ein Bankenkonsortium soll mindestens 100 Millionen DM für Grundstücke erhalten, deren Verkehrswert bei 45 Millionen DM liegt … Während der Stadtrat hinter verschlossenen Türen die ,Entschädigung’ des Konsortiums für die geplatzte Spekulation mit einer Geister-Trabantenstadt beschloß, erläuterte der OB-Kandidat der DKP, Hans Schneider … vor dem Rathaus die Forderungen der DKP: Die Banken werden zum ursprünglichen Bilanzwert entschädigt! Die damit eingesparten Millionen werden für den sozialen Wohnungsbau verwendet.“2


„GANZ PRIVAT! Vom kostendeckenden Prinzip reden’s jetzt allweil und dös könnt man nur mit der Privatisierung machen. Privatisiern tät i a gern, aber da langt’s Pulver net und mei oanzige VW-Aktie hat mir nix bracht. VW ham’s privatisiert, billiger ist er net wordn. Jetzt wolln’s alles privati-
siern. Müllabfuhr, Schlachthof, vielleicht no Bundesbahn und Post. Dös hoaßt, daß jemand mit viel Geld de Sach kauft und dann rentabel betreibt (20% Dividende!). Wenn si was rentiert, verdient oana auf Kosten vo andere. Also wird’s no teurer. Logisch! Und wer redt vom Privatisiern? Die CSU und a scho mal höhere Sozis. Weils lauter Geldleut im Kreuz ham, die neue Profitquellen suacha. Umgekehrt is doch richtig: Mir zahlen Steuern und betreiben alles, was wir brauchen, öffentlich. Es gehört uns und koaner braucht den andern übers Ohr haun. Und es kost soviel, wie es kost. Oder weniger, denn mir zahln Steuern. Bahn, Post, Müll und Schulen soll für alle da sein und billig. Das ist gerecht. Das ist doch der Sinn eines Gemeinwesens. Wenn se dös alles rentiern soll, ist es bloß für die Reichen da. Genauso ist es mit’m Rundfunk und Fernsehen. Wenn mir nicht aufpassn, neh-
mens uns alles weg. Oder is unser Rathaus scho a Filiale von Siemens und der Landtag a Zweig-
werk von Bölkow?“3

Man drängt uns mit dem Kapitalismus ein System auf, das uns vereinzelt und zu einem Kampf „Jeder gegen jeden“ zwingt. Alles wird zur Ware, die Tiere, die Umwelt, die Menschen und unser Planet. So eine Gesellschaft ist menschenverachtend .»Der moderne Kapitalismus braucht Men-
schen, die reibungslos und in großer Zahl zusammenarbeiten, die mehr und mehr konsumieren wollen, deren Geschmack jedoch standardisiert, leicht zu beeinflussen und vorauszusagen ist. Der moderne Kapitalismus braucht Menschen, die sich frei und unabhängig fühlen und glauben, keiner Autorität, keinem Prinzip und keinem Gewissen unterworfen zu sein – die aber dennoch bereit sind, Befehle auszuführen, das zu tun, was man von ihnen erwartet, sich reibungslos in die gesell-
schaftliche Maschine einfügen, sich ohne Gewalt leiten lassen, sich ohne Führer führen und ohne Ziel dirigieren lassen – mit der einen Ausnahme: nie untätig zu sein, zu funktionieren und weiter-
zustreben.«4


1 Siehe https://blatt-muenchen.de/showblatt?p=088, 3.

2 Der scharfe Radi. Zeitung der Deutschen Kommunistischen Partei – DKP für Laim, Hadern und Westend vom März 77, 3, Sammlung Zingerl, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung

3 Der scharfe Radi. Zeitung der Deutschen Kommunistischen Partei – DKP für Laim, Hadern und Westend vom September 77, 8, Sammlung Zingerl, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung

4 Erich Fromm, Die Kunst des Liebens, Berlin 1977.

Überraschung

Jahr: 1977
Bereich: Kapitalismus