Flusslandschaft 1996

Lebensart

„… Nach der Entdeckung der Langsamkeit kommt die Entdeckung der Langeweile und danach erst
kommt die Entdeckung Münchens … Die Zukunft Münchens liegt in seiner hartleibigen Rück-
wärtsgewandtheit; bloß als Kontrastprogramm zu den Allerweltstädten Mitteleuropas wird es wie-
der mythenfähig: als Kurort, gerühmt für den gesunden Schlaf, den gestreßte Heilbronner und Oberhausener hier finden. Ein erster Schritt ist mit der Verengung der Leopoldstraße (der bis dato einzigen Münchner Straße von annäherndem Metropolencharakter) bereits getan, ein zweiter Schritt könnte die Errichtung eines Ziehbrunnens auf dem Marienhof sein, anstelle des geplanten Glaspalastes. Verkauf des Plagboys nur außerhalb des Mittleren Rings! Verbot von Krabbenbröt-
chen, Stichwort ‚Nordsee‘, Verbot von Pilsbars, Stichwort Occamstraße! Und vor allem: Sperrstun-
den auch für Mietshäuser – wie in Wien! –, denn der wahre Hedonist braucht ein restriktives, ein rundum verschnarchtes München, auf daß er sich wie Asterix zu Großtaten aufraffen kann. Matthias Politycki“1

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Ein Stadtratskandidat verfolgt die Stimmenauszählung im Kreisverwaltungsreferat. Photo: Volker Derlath

Am 10. März haben Wahlbürgerin und Wahlbürger bei der Kommunalwahl die Wahl der Qual. Am Ende beträgt die Wahlbeteiligung 52,8 Prozent, knapp zwei Prozent wählen ungültig. Die CSU wird mit 37,9 Prozent stärkste Partei, gefolgt von der SPD mit 37,4 Prozent. Wenn also nur 50,8 Prozent gewählt haben, dann bekommen die CSU auf alle Wahlberechtigten bezogen realiter 19,25 Prozent und die SPD 19 Prozent. (Gut, dass das Kultusministerium vor 70 Jahren nicht am Rechnen-Unter-
richt in der Volksschule gespart hat, der Verf.)

Beim Salvator-Anstich auf dem Nockherberg wird die politische Klasse „derbleckt“, sozusagen „ausgricht“ oder auch „hergwatscht“, was mancher Politgröße zuweilen weh tut, aber sie muss da gute Mine zum bösen Spiel machen. Das bereitet auch Linken Freude. Aber dann holt Bruder Bar-
nabas, gespielt von Max Griesser (Text: Hannes Burger), in seiner Fastenrede aus :»Die ‚toskani-
schen Esel‘ von der SPD wollten nämlich ‚die alten kommunistischen Hinterpomnern der SED wieder salonfähig machen‘. Oder: ‚SPD und PDS: drei Buchstaben – ein Gedanke!‘ An die Adresse der ‚völlig grundlos, aber in Ehren zurückgetretenen‘ Ex-Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger hieß es: ‚Haben die Leidtragenden wenigstens Blumen geschickt – die Mafiosi? Nein?‘ Leutheusser war wegen der Zustimmung der FDP zum sogenannten großen Lauschangriff zurückgetreten. Und für die Grünen hatten Griesser/Burger folgendes übrig: ‚Vor jeder neuen Technik, die über das Kraftwerk eines Fahrrad-Dynamos hinausgeht, haben sie die Hosen voll, die Backen fest geschlossen. Die verbreiten überall Angst … – sogar vorm Kultusminister Zehetmair seiner echt bayrischen Atombombe aus dem Garchinger Neutronen-Ei. Ja, Hunde, wollt ihr ewig leben?‘ Richtig Stimmung wollte auch nicht aufkommen, als Burger via den Schauspieler Griesser der SPD-Chefin Renate Schmidt empfahl, ‚eine Wirtschaft aufzumachen‘, da sie doch so viel davon verstehe: ‚Kochen können Sie doch ganz gut, dabei ist sogar dem Biolek ganz warm geworden.‘«3

(zuletzt geändert am 6.2.2026)


1 Süddeutsche Zeitung 40 vom 17./18. Februar 1996, 13.

2 Süddeutsche Zeitung 61 vom 13. März 1996, 15, Rubrik: „Die andere Seite“.

3 Süddeutsche Zeitung 63 vom 15. März 1996, 39.

Überraschung

Jahr: 1996
Bereich: Lebensart