Flusslandschaft 1996
Gedenken
Seit 1996 führt der Bezirksausschuss Maxvorstadt überwiegend mit Kooperationspartnern jeweils zum 27. Januar Gedenkveranstaltungen durch. 1996 erinnert er an Schicksale jüdischer Mitbürger in der Maxvorstadt (Alfred und Hedwig Pringsheim, Richard Willstätter, Heinrich Rheinstrom, Karl und Anna Neumeyer).1
„Feige Schweine waren’s“, so ist es regelmäßig zu hören. Dann aber melden sich doch immer wie-
der Menschen zu Wort, die die Rehabilitation und ein Denkmal für die Deserteure des II. Welt-
kriegs fordern: „Zur Fahnenflucht gehörte Mut … Um zu vermeiden, von Kritikern in die falsche Ecke gestellt zu werden, vorneweg einige persönliche Daten: Geboren 1919, war ich etwa fünfein-
halb Jahre Frontsoldat (Frankreich, Rußland, Italien), wurde mehrmals verwundet und verlor kurz vor Kriegsende mein linkes Bein. Ich habe also – dazu bekenne ich mich – dem nationalsozialisti-
schen Verbrecherregime (unfreiwillig) gedient und somit zwangsläufig indirekt mitgewirkt, daß die ungeheueren, entsetzlichen Verbrechen der Nazidiktatur geschehen konnten. Wer sich damals als Soldat bewußt oder unbewußt dieser Mitwirkung entzog, kann also nach heutigen Erkenntnissen kein Verbrecher sein. Somit sind meiner Meinung nach und entsprechend der allgemeinen Rechts-
ordnung … die sogenannten Deserteure des Zweiten Weltkrieges zu rehabilitieren. Immer wieder werden Deserteure pauschal als Feiglinge diffamiert. Persönlich mehrmals wegen sogenannter Tapferkeit ausgezeichnet, weiß ich heute mehr denn je, daß zur Fahnenflucht in der Regel mehr Mut und Tapferkeit erforderlich war, als sich das die meisten der heutigen so überheblich unver-
söhnlichen Kritiker vorstellen können, zumal dann, wenn diese Kritiker den Zweiten Weltkrieg weder aktiv noch passiv miterlebt haben. Ihnen wird vorgeworfen, sie hätten mit ihrer Fahnen-
flucht das Leben ihrer Kameraden gefährdet. Stellt sich da nicht die Frage, wie dann das Verhal-
ten unserer Generalität zu bewerten ist? Spätestens nach Stalingrad mußte es doch auch dem bor-
niertesten Militaristen gedämmert sein, daß dieser Krieg nicht zu gewinnen war; trotzdem hielt die Generalität ihrem obersten Kriegsherrn, dem Verbrecher Hitler, unverbrüchlich die Treue und verschuldete somit in voller Kenntnis der ausweglosen Situation den Tod von Millionen Menschen, ein Großteil davon Kinder und Frauen. Eine weitere Frage drängt sich auf: Unser Staat feiert die Offiziere, die am Aufstand des 20. Juli 1944 beteiligt waren – sich also gegen das Naziregime ge-
stellt und den Treueeid auf ihren obersten Kriegsherrn gebrochen hatten – als Helden und Märty-
rer. Der gleiche Staat aber verweigert all den Soldaten, die sich ohne Gewalttat vom Naziregime abgewandt hatten – den Deserteuren also – die volle Rehabilitierung. Gleiches Recht für alle? Fritz Kreuzer, München“2
Am Jahrestag der Reichspogromnacht, am 9. November 1995, brachte Wolfram Kastner im Rasen des Münchner Königplatzes einen Brandfleck als Zeichen der Erinnerung an die Bücherverbren-
nung und ein Hinweisschild in deutsch und englisch an. Die Stadt München wurde gebeten, „kein Gras mehr über die Geschichte wachsen zu lassen“. Oberbürgermeister Ude war allerdings der Ansicht, „die historische Situation wäre nicht mehr gegeben“, es handele sich nicht um das Gras von 1933. Am 22. Dezember 1995 schenkten Wolfram Kastner und der Vorsitzende des Verbandes deutscher Schriftsteller Bayern Robert Stauffer den MüncherInnen das Hinweisschild und über-
reichten dem Oberbürgermeister eine Schenkungsurkunde. Am 28. Februar 1996 wird das Schild von einem städtischen Arbeitstrupp abgesägt und auf Verfügung der Stadtspitze in das Stadtarchiv in eine Kammer für dreidimensionale Geschenke eingelagert.
Im Friedhof am Perlacher Forst befindet sich vor einer Hecke ein Rasenstreifen, an dem nichts darauf hindeutet, dass hier 1954 ein Sammelgrab für 95 Opfer der Nazijustiz, unter ihnen Hans Leipelt, Hans Hartwimmer und Johann Reisinger, angelegt wurde. Zum 75. Geburtstag von Hans Leipelt erreicht am 18. Juli 1996 dessen Freundin Marie-Luise Schultze-Jahn, dass hier ein Stein errichtet wird, der die Namen aller hier Bestatteten trägt.3

Resi Huber und Friedbert Mühldorfer bei der Mahnwache zum 16. Jahrestag des Oktoberfest-Attentats am 26. September am Haupteingang zur Wiesn, Foto: Ghahraman in der antifa-rundschau 28 vom Oktober/Dezember 1996.
Etwa 1.500 bis 2.000 Menschen demonstrieren am 3. Oktober gegen die Feiern zum „Tag der deutschen Einheit“. Die Schwabinger Friedensinitiative trägt ein Transparent mit der Aufschrift „Nie wieder Deutsches Reich“.
Am 17. November versammeln sich beim „Volkstrauertag“ im Münchner Hofgarten Reservisten und weitere Verbände. Die Jungen Nationaldemokraten entrollen bei dieser Veranstaltung, ohne dass Offizielle dagegen einschreiten, ein Transparent mit der Aufschrift „Unsere Väter waren keine Verbrecher – wir sind stolz auf sie!“ Etwa hundert Jugendliche demonstrieren dagegen. Die Polizei nimmt sechsundzwanzig Jugendliche fest, die gegen die Veranstaltung mit Pfiffen und Rufen pro-
testieren, transportiert sie in die Ettstraße und behandelt sie erkennungsdienstlich.4
(zuletzt geändert am 6.2.2026)
1 www.munchen.de/ba/03/ba_info/gedenktage.htm.
2 Süddeutsche Zeitung 27 vom 2. Februar 1996, 14.
3 Vgl. dazu Irene Stuiber, Hingerichtet in München-Stadelheim – Opfer nationalsozialistischer Verfolgung auf dem Friedhof am Perlacher Forst, München 2004.