Materialien 1967
WARUM ich darauf pfeife Soldat zu werden
Als Soldat bin ich ein ganz armes Würstchen; ein Spielzeug, mit dem man Krieg spielen kann, ein Werkzeug, mit dem man Krieg machen kann, ein Feuerzeug mit dem man fremdes Gut in Brand stecken kann, ein kleines Rädchen, das in einer großen Maschine gebraucht wird, um Kalten Krieg zu fabrizieren, solange noch kein heißer möglich ist.
Ich pfeife darauf!
Als Soldat bin ich eine Nummer, die von eingebildeten Vorgesetzten angeschrien wird, die immer stramm stehen muß, die keine eigene Meinung hat, die ihr Gehirn verkauft hat für Ordnung und Disziplin; ich bin eine Nummer, ob ich lebe oder tot bin, ob ich schlafe oder wache, ob ich fresse oder saufe, ob ich liebe oder hasse; eine Nummer, nichts als eine erbärmliche Nummer, die nur zählt, wenn es noch viele andere Nummern gibt und die gerade deshalb nicht zählt.
Ich pfeife darauf!
Als Soldat bin ich ein ganz kleiner Hampelmann, der tanzt, wenn man an den Fäden zieht, der springt, wenn es ihm befohlen wird, der sich in den Dreck schmeißt, wenn einer „Deckung“ schreit, der marschiert, wenn man Krieg üben will, der mit der Hand am Kopf grüßt statt mit dem Kopf, der Leute grüßen muß, die er als freier Mensch nie grüßen würde; ein Hampelmann, der sich durch nichts unterscheidet von vielen anderen Hampelmännern.
Ich pfeife darauf!
Als Soldat bin ich billiges Kanonenfutter; im Krieg ein ermordeter Mörder, im Frieden ein poten-
tieller; ein Mörder, der für andere mordet, für Menschen, die keine sind; für das Geschäft von Kreaturen, die sich nie gegenseitig die Köpfe einschlagen würden, weil es dann kein Geschäft mehr gäbe, obwohl es darum wahrlich nicht schade wäre.
Ich pfeife darauf!
Als Soldat bin ich ein Metzger, in Friedenszeiten schon ein Fleischerlehrling; ich lerne, andere an ihren Geschlechtsteilen aufzuspießen, ich darf nicht vergessen, dazu bestialisch zu brüllen, das lerne ich; ich lerne Kugeln zu lenken in das Herz des anderen, den ich gar nicht kenne, und der das gleiche gelernt hat; ich lerne Knöpfe drücken, Knöpfe, die für andere den Tod bedeuten; ich sehe die Toten nicht, ich muß kein Blut sehen, ich fühle keine Schuld; ich bin nur ein staatlicher Metz-
ger, Angestellter eines Staates, der den staatlich organisierten Mord sanktioniert und vorbereitet.
Ich pfeife darauf!
Ja wirklich, meine Herren, ich pfeife darauf, Euer nummerierter Spielzeug-Hampelmann zu sein, der zuerst Metzger spielen muß, um dann als Kanonenfutter verheizt zu werden; ich pfeife auf Eure Maschinerie, in der ich ein Rädchen sein soll.
Wenn eines Tages genügend Rädchen in Eurer Maschine klemmen, dann ist es aus mit Euch und Eurer Macht …
Dicky Rathgeber, Oberschüler in München, Kriegsdienstgegner und Wehrdienstverweigerer
Courage. Zeitschrift der Internationale der Kriegsdienstgegner 5 vom Mai 1967, 15.