Flusslandschaft 1953

KPD

„21. Februar: Auf einer Kundgebung der KPD in der Münchener Winterbahn, zu der sich sechstau-
send Zuhörer eingefunden haben, kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Als der Vorsitzende der KPD, Max Reimann, dem bayerischen Innenminister Wilhelm Hoegner (SPD) vorwirft, durch sein Verbot kommunistischer Versammlungen ‚täglich im Dienste Adenauers das Grundgesetz zu brechen’ und sich als ‚ungekrönter Zaunkönig Bayerns’ zu gerieren, versuchen zwei Kriminalbeamte ihn am Weiterreden zu hindern. Das scheitert jedoch, weil sie von Umstehenden zurückgedrängt werden. Daraufhin erhalten zwei in der Nähe postierte Hundertschaften der Be-
reitschaftspolizei den Befehl zur Räumung der Halle. Sie stürmen den Eingang, zerren Reimann vom Mikrophon und erklären die Kundgebung für geschlossen. Nach minutenlangen Raufereien, in denen die Winterbahn geräumt wird, versucht sich vor der Halle ein spontaner Protestzug zu formieren. Doch nun geht die Polizei mit Wasserwerfern gegen die sich immer wieder neu bildende Menschenmenge vor. Mit insgesamt sechshundert Beamten behält die Polizei bei den Auseinan-
dersetzungen die Oberhand. Zwanzig Kundgebungsteilnehmer werden festgenommen, mehrere verletzt. Pressefotografen werden von der Polizei bei ihrer Arbeit behindert, indem ihre Kameras beschlagnahmt oder die bereits belichteten Filme unbrauchbar gemacht werden.“1

Der Kommunist Ernst Schumacher schreibt in seinem „Stadelheimer Tagebuch“: „Freitag, den 20. März 1953: Ich stand mit einem der alten Wachtmeister, die schon seit mehr als 30 Jahren in Sta-
delheim sind, am Fenster und schaute in den Hof. Ich wies auf das flach gedeckte Gebäude neben dem Ostflügel des Altbaues, in dem die Guillotine stand, mit der der Scharfrichter Reichart wäh-
rend der Kriegsjahre fast jede Woche mehrere Gefangene enthauptete. ,Da sind sie hingerichtet worden, die Antifaschisten, nicht wahr, Herr Wachtmeister?’ Er sah mich schräg an und nickte: ,Ja, da hat der Reichart gehaust …‘. ,Und dort hinten, auf dem Perlacher Friedhof, sind die mei-
sten, vor allem die Ausländer, wie die räudigen Hund’ verscharrt worden?’ wollte ich mein Wissen bestätigt sehen. ,Ja, da hat man sie eingegraben.’ Der Wachtmeister sah mich an und fragte: ,Ha-
ben sie Bekannte dabei gehabt, weil sie gar so fragen?’ ,O ja, gewiss’, erwiderte ich. Waren sie etwa nicht sogar mehr als Bekannte, die Genossen Olschewski und Binder, die Geschwister Scholl und ihr Gefährte Graf und die vielen anderen, die hier wegen ihrer antifaschistischen Gesinnung vom Leben zum Tod gebracht wurden, oft nach blutigen und gemeinen Misshandlungen durch die Wachtmeister? Konnte ich wissen, ob nicht auch der, der neben mit stand, einer dieser Wacht-
meister war?“2

Im Mai versammeln sich zum Gedenken an Philipp Müller mehrere tausend Menschen im Löwenbräukeller am Stiglmaierplatz und ziehen im Anschluss in einem Schweigemarsch zum Rot-Kreuz-Platz.

Siehe auch „Gewerkschaften/Arbeitswelt“.


1 Wolfgang Kraushaar, Die Protest-Chronik 1949 — 1959. Eine illustrierte Geschichte von Bewegung, Widerstand und Utopie. 4 Bde., Hamburg 1996, 740.

2 Aus Ernst Schumacher, Ein bayerischer Kommunist im doppelten Deutschland. Aufzeichnungen 1945 — 1991, München 2007, zit. in: Ernst Antoni, „Von Zeiten und Menschen. Ernst Schumachers Aufzeichnungen von 1945 bis 1991“ in antifa. Magazin der VVN-BdA für antifaschistische Politik und Kultur, 26.

Überraschung

Jahr: 1953
Bereich: KPD

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