Flusslandschaft 1975

Jugend

Jens Heilmeyer, künstlerischer Leiter des Theaters der Jugend: „… Hans-Reinhard Müller kannte mich und meine Arbeit vom »Kinderspielclub Johannisplatz«, einem Kindertheater in Haidhau-
sen. Ich war vorher in New York gewesen, beim »LaMaMa-Theater« und gründete »LaMaMa« in München. Wir waren eine Gruppe von Schauspielern, Dramaturgen und Autoren, machten ein Jahr lang Workshops, entdeckten Körpertheater neu. Daraus entwickelten wir das Kindertheater in Haidhausen. Kinder spielten für Kinder eigene Stoffe, eigene Problematiken. Ein Projekt, das auch von der Stadt subventioniert wurde. Das Theater der Jugend war ebenfalls subventioniert mit der Vorgabe, daß die Hälfte der Vorstellungen für Schulen gespielt werden sollte. Der Besuch mußte vom Kultusministerium genehmigt werden. Kulturbürokratie vom Staate Bayern – über jedes Stück informierten sie sich. Wenn es ihrer Linie nicht entsprach, intervenierten sie. Dann durften die Klassen nicht hin. Sie konnten verhindern, daß die Kinder kamen. Eine herbe Zeit … Für die Jugendlichen entstanden Stücke in der sogenannten Autorenwerkstatt, zum Beispiel von Fitzgerald Kusz die zwei Einakter »Sweet Death« und »Feig«, dem fränkischen Mundartdichter, der auch »Schweig Bub« verfaßt hat. Wir haben Pflänzchen gesetzt, zum Beispiel Michael Molsner, ein po-
pulärer Krimiautor, der »Westend« verfaßte, ein Rock-Musical für Jugendliebe. Für Jugendliche war natürlich auch das Rote Grütze-Aufklärungsstück »Was heisst hier Liebe?«, was eigentlich der Anfang von unserem Ende war. Es ist ja immer so: Erstmal ist man toll, nach einem Jahr dann ist man so toll nun auch wieder nicht, und dann fangen sie an zu meckern und zu schießen. Wir hatten durchaus Schwierigkeiten mit der Bürokratie in der Stadt. Unser Anfang lag in SPD-Zeiten, dann kam CSU-Kiesl. Er mußte aufräumen, das Theater der Jugend war von Anfang an in der Schußli-
nie. Wir waren links, zum Beispiel »Das hältste ja im Kopf nicht aus«, das war Aufruf zur Anarchie, hieß es. Rote Grütze sowieso, und dann noch dieses Stück über Sexualität. Das Kultusministerium griff ein, es gab Diskussionen. Das Stück wurde verboten, das heißt die Schulen durften es nicht sehen. Schulklassen aber waren unser Standbein. Siebzig Prozent spielten wir vormittags in Schul-
vorstellungen. Das Verbot hatte das Ergebnis, daß die Jugendlieben in die freien Vorstellungen kamen, ein Riesenerfolg, das Theater war immer voll. Aber wir merkten, wie uns der Wind ins Ge-
sicht wehte. Es war plötzlich kein Geld mehr da …“1

Im Rahmen seines mobilen Jahres gastiert das Theater der Jugend mit dem Stück »Schule mit Clowns« von Friedrich Karl Waechter in Münchner Schulen. Neben den Schulaufführungen werden auch freiverkaufte Vorstellungen gegeben.


1 Zit. in: Gudrun Lukasz-Aden, Der eine kämpft, der nächste erntet. Vierzig Jahre Theater der Jugend. Vierzig Jahre Theater-Geschichte, (München 1993), 46 ff.

Überraschung

Jahr: 1975
Bereich: Jugend