Materialien 1987

Big Mäc gewinnt

Rübmeiers Jüngster ist zwar erst acht, aber er ist aufgeweckt und neugierig. Fragt er mich doch neulich, als ich ihn mit dem Wagen nach Hause fahre – eine reine Gefälligkeit für seine Mutter –, wie das so sei mit den Politikern. Ob sie sich selber nicht furchtbar auf die Nerven gingen, wenn sie sich jeden Tag hundertmal auf der Straße sehen würden. Franzl, sage ich zu meines Nachbarn Sohn, die sind das doch gewohnt. Daß sie sich auf die Nerven gehen, fragt er. Nein, sage ich, Poli-
tiker gehen sich nicht auf die Nerven!

Nach einer Schweigeminute meint er: Jetzt ist mir endlich klar, wozu es Bäume gibt. Wozu, frage ich. Aber sie stützen diese Plakatständer, sagt er, und da hat er recht. Da drüben, so ein ganz junger, noch gar nicht richtig erwachsener Grünträger, spitzt mühsam über die im Dreieck ange-
ordneten Plakate. Gerade daß er noch etwas vom Sonnenlicht erhascht. Man muß sie halt mög-
lichst früh an ihre staatsbürgerliche Pflicht gewöhnen, die Bäume. Ja, siehst du, sage ich, so trägt jeder etwas zur Allgemeinheit bei.

Papa sagt immer, Wahltag ist Zahltag, meint Franzl. Mittlerweile sind wir schon auf dem Mittleren Ring. Ein Plakat nach dem anderen mit immer demselben Slogan. Ich erkläre ihm, daß sich so dem dahinbrausenden Autofahrer der Slogan besser einprägt, auch dann, wenn er stur auf die Fahr-
bahn schaut. Denn der Slogan befindet sich trotzdem in seinem Blickfeld. Das ist sogar besser, meint Franzl, weil es sich dann nur ins Unbewußte einprägt, schließlich braucht es der Autofahrer ja nicht zum Fahren, sondern nur für die Wahl und sonst nicht. Woher er das wohl hat, denke ich.

Frischer Wind ins Parlament

Nun kommt gleich eine ganze Reihe von Plakaten „Der Aufschwung ist da …“ Ich merke, wie mich Franzl fragend anblickt. Sein Papa ist jetzt schon seit über vier Jahren arbeitslos, und die Mama geht so oft wie möglich putzen. Weißt du, beantworte ich die mir nichtgestellte Frage, weißt du, die Politiker sagen was, das wird gedruckt. Und dann glauben sie daran, was sie gesagt haben. Sie müssen daran glauben, was sie einmal gesagt haben, denn sonst müßten sie ja zugeben, daß sie etwas Falsches gesagt haben. Franzl sieht mich an. Ist doch logisch, sage ich, die Politiker glauben um so mehr an eine Sache, je öfter sie sie sagen. Das ist wie mit den Big Mäcs. Je öfter ich dir sage, daß sie schmecken, desto mehr ißt du davon: Leider überzeugt ihn dieses Argument nicht.

Jetzt flitzen zwanzig Plakate mit „Frischer Wind ins Parlament …“ an uns vorbei. Eine optische Umweltverschmutzung, denke ich. Franzl meint: Ich wüßte da gar nicht mehr, wen ich wählen soll. Papa sagt, wir haben die Qual der Wahl.

Egal, ob es sich um ein Plakat meiner oder einer anderen Partei handelt, denke ich nach, egal, aber es regt mich auf, unmerklich, aber es regt mich auf. Und das ist ihre Absicht. Da versuchen sie uns mit klaren, ehrlichen Aussagen zu umgarnen, da stehen sie aufgereiht am Straßenrand, winken überlebensgroß von Plakatwänden, flöten uns lieblich aus Rundfunk und Fernsehn ins Ohr …

Ja, Franzl, sage ich, wer es am besten versteht, den Wählern etwas vorzuspielen, sie zu unterhalten und durch mediengerechtes Verhalten zu gewinnen, der gewinnt.

Und einer wird gewinnen. Der uns weißmacht: Wir haben Erfahrung, wir sind vertrauenswürdig, wir setzen uns ein, wir sind die Besseren … Und ist der Kandidat ein Mann, was er ja meistens ist, wird er von Werbefachleuten auf „makelloser Familienvater“, „pfeiferauchender Mann von Welt“, „liebender Gatte“ oder einfach auf „Mensch von nebenan“ hingestylt. Wichtig ist allein die Show, und die läuft bis zur Schließung der Wahllokale.

Dann fällt der Vorhang – bis zum nächsten Mal. Gleich sind wir zu Hause. Warum wählt ihr die eigentlich nicht ab, fragt Franzl.

GG


Wir. DGB-Kreis München 1/1987, 3.

Überraschung

Jahr: 1987
Bereich: Lebensart