Materialien 1988

Widerstand gegen den Rangierbahnhof

Auf persönlichen Wunsch Hitlers wurde 1936 mit den Planungen für einen neuen Münchner Rangierbahnhof begonnen. Die Reichsbahn enteignete die von ihr benötigten Grundstücke. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg wurde mit der Aufschüttung von Dämmen begonnen. Hierfür wurden der Feldmochinger See, der Fasaneriesee und der Lerchenauer See ausgehoben. 1942 wurden die Bauarbeiten eingestellt. Nach dem Krieg wurden neue Pläne erstellt, die aber immer wieder ver-
schwanden. Das Gelände lag brach und es drangen Pionierpflanzen vor. Es entwickelte sich ein artenreiches Biotop, auf dem vom Aussterben bedrohte Tiere und Pflanzen leben.

Am 14.4.1987 wurde mit den Rodungsarbeiten auf dem Gelände des geplanten Rangierbahnhofs zwischen Moosach und Allach an der Dachauer Straße begonnen. Inzwischen sind fast alle Bäume gefällt. Es werden riesige Dämme angelegt. Das Gelände gleicht einer Mondlandschaft. Es wird von privaten Sicherheitsdiensten bewacht. Nachts wird es mit Scheinwerfern angeleuchtet.

Anfang Juni 1987 gab es eine von einem breiten Bündnis getragene Großdemo mit mehreren tausend TeilnehmerInnen auf dem Marienplatz. Dort wurden von den Vertretern aller Parteien Sonntagsreden gehalten. Es wurde an die Bahn appelliert den Rangierbahnhof nicht zu bauen und die Natur nicht zu zerstören. Es wurde versucht, eine autonome Rede zu verhindern. Kurz nach der Demo wurde eine Platzbesetzung versucht, die aber an mangelnder Beteiligung scheiterte.

Je mehr die Rodungsarbeiten fortschritten, umso mehr bröckelte die Beteiligung an den Waldspa-
ziergängen ab. Das Bündnis, welches die Demo getragen hatte, schlief ein. Trotzdem finden die Waldspaziergänge immer noch statt. Im Sommer ließen einige ihren Haß auf das geplante Ver-
mummungsverbot freien Lauf. Sie setzen Haßmasken auf und zogen sich aus. Ein dreister Bulle wurde unter Gejohle vertrieben. lm November 1987 gab es ein großes Hexentreiben mit anschlie-
ßendem Lagerfeuer.

Faschingssonntag erschien Mann/Frau maskiert zum Waldspaziergang. In letzter Zeit hat es einige Nachtspaziergänge gegeben. Dies ist nicht ganz ungefährlich, da die Polizei versucht, die Persona-
lien der Teilnehmenden zu kontrollieren.

Die Beteiligung an den Waldspaziergängen stagniert.

Als Gruppe haben wir noch einiges zu klären. So meinen einige, es käme darauf an, der Bahn klar-
zumachen, daß der Rangierbahnhof ein wertvolles Biotop zerstört. So wäre der Rangierbahnhof zu verhindern. Wir tun uns schwer, die DB als kapitalistisches Unternehmen zu erkennen. Sie hat für viele den Nimbus eines für das Allgemeinwohl notwendigen, umweltfreundlichen Unternehmens.

Lange Zeit wurde gehofft, daß der Bundestag oder die Gerichte den Rangierbahnhof verhindern würden. Inzwischen geht die Mehrheit von uns davon aus, daß der Bahnhof gebaut wird. Trotzdem wird es weiterhin Waldspaziergänge geben. Die drohenden Atom- und Giftmülltransporte wollen wir erst recht verhindern.

Jeden Sonntag, 15.00 Uhr: Waldspaziergang, S-Bahnhof Fasanerie


Maizeitung München 1988. Standpunkte, Perspektiven, Beiträge, 6.

Überraschung

Jahr: 1988
Bereich: Umwelt