Materialien 1978

»ich esl« und die »linke Alternative«

Zwei OB-Kandidaten unter der Lupe
Aus Liebe zu München keinen von beiden

Es gibt Augenblicke, da wird Erich Kiesl von jähen Anfällen schmerzender Selbsterkenntnis be-fallen. Eben noch im Gespräch mit skeptischen Passanten am lnfostand der CSU vertieft, springt er im nächsten Moment zu einem Plakatständer mit seinem Konterfei darauf, spreizt die Finger über seinen Namenszug, so daß „Er“ und „Ki“ verdeckt sind, um die verdutzten Augenzeugen aufgebracht zu fragen: „Na, was sehen Sie? Eben – ich esl. So komme ich mir manchmal selber vor, daß ich das alles auf mich nehme.“

Der sich selber so präzis einstuft, wird von seinem Werbemanager im CSU-„Bayernkurier“ als „Mann mit Kompetenz und Sachverstand“ vorgestellt. Der Werbemann nennt auch den Grund: „Rundum eben ein Altbayer, einer, der in der Früh Buttermilch trinkt, einer, den die Leute wirklich mögen.“

Der Buttermilchtrinker und der Terror

Nichts gegen Buttermilch, daß Kiesl Buttermilchtrinker ist, scheint in der Tat das Positivste zu sein, was man von ihm sagen kann. Denn politisch ist dieser glatte CSU-Vertreter nicht bloß ein fachliches Leichtgewicht, er ist eine Gefahr für die demokratische Entwicklung in unserer Stadt.

Bei der ebenso großen wie makabren Anti-Terror-Show der CSU auf dem Marienplatz hatte Kiesl kurzerhand „Münchner Bundestagsabgeordnete der SPD“, die „Münchner Jugendorganisation der FDP“ und die „jungsozialistischen Stamokapideologen“ zu Kräften erklärt, „die offen und insge-
heim mit Terror und Anarchie sympathisieren“. Und „ich esl“ tat besorgt: „Wir müssen fragen, wie weit ist der Weg von dieser Verleumdung, von dieser geistigen Haltung bis hin zum bewaffneten Kampf mörderischer Terroristen?“

Kiesl ist kein bloßer Nachbeter der Führersprüche, er ist selbst eine treibende Kraft in der CSU. Er saß dem Arbeitskreis des CSU-Parteitags vor, der in einem „Offensivprogramm zur Wiederher-
stellung der inneren Sicherheit“ mit so ziemlich allen fundamentalen politischen Rechten aufräu-
men will.

So treffend Kiesls gelegentliche Selbstkritik ist, so weit liegt er in der Kennzeichnung seines SPD-Kontrahenten v. Heckel daneben. Kiesl läßt in seiner CSU-Zeitung dichten, dass „Heckel und Co. eine rote Brandspur quer durch die Münchner SPD legten“. Damit tut er dem knochigen Herrn im feinen englischen Tuch bitter Unrecht.

Von Heckel könnte zu Recht von sich sagen, daß er nur so lange „links“ war, wie dies in der allge-
meinen Aufbruchstimmung der SPD der frühen siebziger Jahre auch noch was einbrachte. Mittler-
weile hat sich der Kämmerer zu einem sich selbst stolz so bezeichnenden „Freund der Münchner Wirtschaft“ gemausert. Allerdings muß v. Heckel, der auf SPD-Festen den Karl Valentin macht und bei Straßenfesten auf Stelzen marschiert, auch von Zeit zu Zeit vor Juso-Aktiven den Linken ma-
chen.

Das geht dann so: Heckel kommt vom SPD-Parteitag, wo soeben der Antrag des Bezirks Südbayern gegen die Berufsverbote kassiert worden war, und erklärt: „Wir freuen uns, daß unsere Besorgnisse in Sachen demokratische Entwicklung berücksichtigt wurden“, eilt in die Stadtratsfraktion seiner Partei und fordert dort „energisch“ Berufsverbot für die Sozialarbeiterin Luise Poblotzki.

Auch Kronawitter war die „linke Alternative“

Oder so! Heckel verkündet, dass „Lehrstellenmangel, Jugendarbeitslosigkeit … zusätzliche An-
strengungen der Jugendpolitik erfordern“. Dann wird ihm und Chef Kronawitter – auf der Basis eines Antrags der DKP – die Schaffung von 60 neuen Lehrstellen bei der Stadt abgetrotzt. Aber Heckel stellt alsogleich fest, daß die von den Organisationen der Arbeiterjugend geforderte Ga-
rantie einer Weiterbeschäftigung nach der Lehre selbstverständlich nicht in Frage komme.

Heckel ist rundum so freundlich zu den Unternehmern, daß selbst die CSU zugeben muß: „Mit der linken Bekenntnisfreudigkeit des OB-Kandidaten v. Heckel ist es nicht weit her.“

Strauß wird ihn wohl auch bald loben können als „königlich-bayrischen Sozialdemokraten“, wie sie sich die CSU wünscht. Dazu gehören heute schon die OB Vogel und Kronawitter. Max v. Heckel steht in einer stolzen Tradition. Und auch Vogel und Kronawitter waren vor der Wahl stets die „linke Alternative“ …


Wahlkampfzeitung der DKP vom Anfang 1978.

Überraschung

Jahr: 1978
Bereich: Lebensart