Flusslandschaft 1968
Kinder
Grundschullehrerin Ute Andresen erinnert sich: »Ich denke, dass das Erziehungssystem den Jah-
ren um 1968 ungeheuer viel zu verdanken hat. Ich habe im Jahr 1967 mit meinem Beruf angefan-
gen: Wir haben damals, wenn wir das wollten, das Gefühl gehabt, in eigener Verantwortung mit Kindern arbeiten zu können. Das heißt, wir haben uns immer danach befragt, was wir tun, warum wir das tun und wer uns daran hindern will, das Richtige zu tun. In diesem Zusammenhang haben wir natürlich auch unsere Konflikte durchgestanden. In dieser Zeit hat sich dadurch vieles geöff-
net: auch in der Sicht auf Kinder. Als ich damals hier in Schwabing sechs Kinder aus einem Kinder-
laden geschlossen in meine Klasse bekam, habe ich eine sehr interessante und grundsätzliche Er-
fahrung machen dürfen. Alle sechs waren sehr gescheit, aber es gab auch große Unterschiede unter ihnen. Drei von diesen Kindern hatten manchmal leichte Arbeitsstörungen: Sie hatten also Schwie-
rigkeiten damit, mit einer bestimmten Arbeit wirklich entschieden zu beginnen. Die anderen drei Kinder, die dieses Problem nicht hatten, hatten alle berufstätige Mütter. Aus diesem Grund hatten sie quasi täglich die Aufgabe, sich in die gegebenen Pläne zu Hause zu fügen. Sie kamen blendend damit zurecht. Bei den anderen Dreien war es so, dass bei ihnen die Mama zu Hause war und dass das Kind nur dann in den Kinderladen ging, wenn es Lust dazu hatte. Das heißt, diese Kinder mussten auch immer erst mit sich selbst verhandeln: Will ich oder will ich nicht? Diese Erfahrung des ‚das steht jetzt an, das wird gemacht und da gibt es jetzt kein Vertun‘, die die Kinder mit den berufstätigen Müttern gemacht haben, ist nämlich auch eine Stärke.1
1 αFORUM vom 6. Juni 2001, Bayerischer Rundfunk, Ute Andresen (von 1967 bis 1992 Unterrichtstätigkeit in bayrischen Schulen, Tätigkeit als Praktikumslehrerin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, von 1992 bis 2005 Lehrtätig-
keit in Grundschulpädagogik an der Pädagogischen Hochschule, dann Hochschullehrerin an der Universität Erfurt) im Gespräch mit Isabella Schmid