Materialien 1997

Mitleid mit einer mißlungenen deutschen Revolte

Zu dem Artikel „Siebenundsechzig verweht“ von Claudius Seidl in der SZ vom 2.6.:

Claudius Seidl hat der nun schon länger dahingeschiedenen Studentenbewegung einige Schläge verabreicht. Ob es ehrenwert ist, tote Hunde zu prügeln, sei dahingestellt. Ein wenig einseitig war er in seiner Begeisterung für die Waver bestimmt. Sicher, die schleppen nicht die Last von Ideolo-
gien mit sich herum. Trotzdem make love not war war damals (bis heute) mindestens ebenso charmant wie die Botschaft aller Love Parades seither.

Daß die Studentenbewegung meinte, die Revolution neu erfunden zu haben, deren äußere Formen sie gläubig-unwissend von fernen Ländern abkupferte, sollte man ihr nicht vorwerfen. Wie weise, auf die Beatniks oder Godards „Außer Atem“ zu verweisen! Seinerzeit las ich studenten-bewegt ein, übrigens konservatives, Buch, das diese und andere Bewegungen auf die Romantik zurückführte. Ohne Zweifel wird man im Taugenichts etliches finden, was man in der Studentenbewegung wie-
derfand (und ebenso in den Folgebewegungen und deren Partei, den Grünen. Novalis übrigens desgleichen. Auch bloß abgeguckt von den Amis und ihrem Thoreau, aber bitte, dem ging ein Rousseau voraus).

Ich kann’s verstehen, wenn Claudius Seidl sich daran stört, daß die Veteranen der Studentenbe-
wegung meinen, sich wenigstens die Adhocisierung der Bundesrepublik auf die Fahnen schreiben zu können.

Da schreibt man sich zuviel Einfluß zu, denn damals waren so viele Einflüsse geltend. Kolle gab es doch schon vorher, oder? Ich kann’s auch verstehen, wenn Seidl sich an den lustfeindlichen Links-Sauertöpfen stört, die allerdings was damit zu tun haben, daß die Linke moralisch ist (oder tut) und die Moral nun mal sauertöpfisch daherkommt, das hat sie von der Kirche.

Was ich nicht verstehen kann, ist, wie einer das gemeinsame und heftige Aufbegehren einer Gene-
ration nur darauf reduziert, mit den Fascho-Eltern abgerechnet zu haben. Wir wollen nicht ver-
gessen, daß anno 67/68 in allerhand Ländern was los war. Prag zum Beispiel.

Das Bedürfnis nach persönlicher Emanzipation (das alle Jugendbewegungen kennzeichnet) plus das Aufhören mit dem Sechziger+Fünfziger-Jahre-Mief (womit gewiß die Beatniks schon anfingen) plus die, auf jeden Fall gerechtfertigte Sympathie mit dem Kampf der VöIker, die in Kolonialismus und Neokolonialismus gehalten wurden, gegen ihre Abhängigkeit (auch wenn’s hinterher oftmals nicht zum Besten der Völker ausging) plus die gerade als rechtzeitig erscheinende Kulturrevolution in China gegenüber einer verknöcherten Bürokratieherrschaft in der Sowjetunion. Oh, was gab es für begeisterte Artikel auch in der Süddeutschen Zeitung! (ohne zu merken, daß die verheißene Utopie keine war) – plus den Prager Frühling, der einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ versprach.

Nein, die klugen Bemerkungen eines äIteren, damals vermutlich jungen Herren werden dieser Be-
wegung ebensowenig gerecht wie die klugscheißerischen Bemerkungen anderer älterer Herren, immerhin hätte man die BRD à jour gebracht.

Es taugt auch nichts herumzumaulen, daß manche Protagonisten nach rechts abgewandert sind. Das war 1848 nicht anders beziehungsweise 30 Jahre danach. Es gab eine Bewegung, die bei den Studenten begann und in der Jugend ihren Widerhall fand (Bambule von Ulrike Meinhof wurde allerdings zensiert und war erst später im Fernsehen zu sehen).

Daß die Arbeiter für mehr Geld streikten, hat die revolutionären oder als revolutionär sich be-
greifenden Studenten gar nicht gestört. Nur, daß sie dabei stehenblieben und was dagegen hatten, dass ihre Autos angezündet würden. Aber die Autos lieben die Grünen ja – theoretisch – auch heute nicht. Seidl schweigt vom „deutschen Herbst“, Berufsverboten und sonstigen Besonderheiten unserer deutschen Entwicklung. Es ist so einfach, auf Bewegungen herumzuhacken, die sich nicht mehr wehren können. Hinterher weiß man es immer besser.

Die Phantasie an die Macht? Leicht, das unseren theoriebewußten deutschen Studenten vorzu-
führen. Rudi Dutschke sprach einen grauenhaften Theoriejargon, aber hatte Charisma. Später krebste man in K-Gruppen herum, wenn man es noch ernst meinte, und wer es nicht mehr ernst meinte, hatte seinen Frieden schon geschlossen und bezeichnet sich heute noch stolz als Acht-
undsechziger (selbst Herr Gauweiler). Statt Häme wär eher Mitleid angebracht mit einer wei-
teren mißlungenen deutschen Revolte.

Jürgen Walla, München


Süddeutsche Zeitung 149 vom 2. Juli 1997, 24.

Überraschung

Jahr: 1997
Bereich: Gedenken