Materialien 1996

Miserabler Service nach Privatisierung der Postunternehmen

Zum Artikel „Big Business, leicht außer Takt“ von Gerhard Hennemann in der SZ vom 4.1.:

Wann immer Hennemann über die drei Postunternehmen schreibt, dann muß er von Pannen, Fehlern und Unzulänglichkeiten der drei DBP-Nachfolgeunternehmen berichten. „Big Business, leicht außer Takt“ – diesmal hatte er die Telekom im Visier. Kritisiert wurde das Gebührenchaos und die Panne zum Jahresbeginn 1996. So weit, so gut und soweit auch – zumindest teilweise – zu Recht. Natürlich weiß Hennemann auch sofort, wer die Schuld am ganzen Desaster trägt. Wie immer ist es bei ihm die „träge Behördenpost, der es schwerfällt, sich zum kundenfreundlichen Dienstleister zu wandeln“, es sind die noch immer vorhandenen verkrusteten Strukturen des Be-
hördenapparates, der Bürokratismus des öffentlichen Dienstes. Kurz gesagt, die Behördenmuffel der alten Deutschen Bundespost waren es mal wieder.

Vor weiterer Beamtenschelte und Schuldzuweisungen sollte Hennemann folgende Fakten zur Kenntnis nehmen:

Bis zur Aufteilung in die drei Unternehmensbereiche Postdienst, Postbank und Telekom – also bis 1989 – war die Deutsche Bundespost das größte „Dienstleistungsunternehmen“ in der Bundesre-
publik, wenn nicht gar in Europa.

Dieses „Unternehmen“ wurde im Top-Management geführt von einem Minister, zwei Staatssekre-
tären und sechs oder sieben Ministerialdirektoren – letztere mit einem Bruttogehalt einschließ-
lich Ortszuschlag von rund 12.500 Mark pro Monat.

Unter diesem „Beamten“-Management hat die Deutsche Bundespost Jahr für Jahr mindestens drei Milliarden Mark Gewinn erwirtschaftet – und das über einen Zeitraum von rund zehn Jahren, zu-
sätzlich Jahr für Jahr mehr als fünf Milliarden Mark an den Bund abgeführt – und damit prozentu-
al mehr als jedes andere Unternehmen in der Bundesrepublik mit allen legalen oder auch weniger legalen Abschreibungsmöglichkeiten. Die Deutsche Bundespost war gleichzeitig mit über 20 Milli-
arden Mark pro Jahr Europas größter Investor. Das waren Zahlen, die jedes andere Privatunter-
nehmen blaß werden ließen.

Was aber neben diesen sehenswerten Bilanzen eines „Beamten“-Managements meines Erachtens noch schwerer wiegt: Die Deutsche Bundespost war unter dieser Führung Jahr für Jahr in allen Umfragen der Medien – und dies nicht zuletzt auch aufgrund ihrer hervorragenden Leistungen – der bei Bürgern und Kunden rnit Abstand beliebteste und bestangesehenste Bereich der „öffentli-
chen Dienste“.

Wie sieht es heute aus – mehr als fünf Jahre nach der Postreform?

Den drei Unternehmen Postdienst, Postbank und Telekom stehen insgesamt 21 (in Worten: ein-
undzwanzig) Vorstände vor, von denen laut Forbes jeder einzelne ein Jahresbrutto erhält, das größer ist als das des Ministerpräsidenten des größten deutschen Bundeslandes, als das des Bun-
despostministers sowieso und etwa dreimal so groß wie das eines Ministerialdirektors. (Von diesen 21 Vorständen ist übrigens noch ein einziger „gelernter Postler“, Herr Tenzer von der Telekom – kommt also aus der „trägen Behördenpost“ –, die 20 anderen kommen aus der „freien Wirt-
schaft“.) Diesen 21 Vorständen stehen insgesamt über 70 (in Worten: siebzig) Geschäftsbereichs-
leiter zur Seite – Jahresbrutto vergleichbar den Besoldungsgruppen B 6 – B 9 (B 9 ist die Besol-
dungsgruppe eines Ministerialdirektors, also eines Top-Managers der früheren Deutschen Bundes-
post).

Und nun zu den Bilanzen dieses neuen geballten Managements: Das Unternehmen Postdienst – kommt trotz aller bilanztechnischen Kunststücke und trotz des Verkaufs wertvoller citynaher Grundstücke und Gebäude nicht aus seinem Milliardendefizit heraus. Die Deutsche Telekom wird aufgrund der ihr noch immer auferlegten Quersubventionen – wenn es gutgeht – gerade mal bei
± 0 anlanden, mußte aber ihren Eigenkapitalanteil in wirtschaftlich nicht mehr zu verantwortende Rekordtiefen herunterfahren. Was aber weitaus schwerer als die miesen Bilanzen wiegt, das sind die gravierenden Qualitätsverschlechterungen und miserablen Service-Leistungen. Als „alter Postler“ traut man sich ja kaum noch morgens die Zeitung aufzuschlagen: Schlagzeilen wie „Tage-
lang keine Briefe“ (Abendzeitung), „25.000 bekamen keine Post“ (Bild), „Katastrophale Zustände – Rechtsanwälte drohen mit Klagen“ (tz), „Die Post funkt SOS“ (SZ), „Weitere Postämter werden geschlossen“ (SZ), „Schreib’ mal wieder, aber fax’ es dann“ (SZ), „Schlamperei bei der Post“ (tz), „Die Beschwerden der Postkunden reißen nicht ab“ (SZ), „Stimmung bei der Post auf dem Null-
punkt“ (SZ), „Für den Postkunden gilt jetzt: Selbst ist der Mann“ (SZ), „Die Telekom tickt nicht richtig“ (tz) finden sich täglich in den Medien.

Was sich hier in fünf Jahren unter einer Führung von hochbezahlten Top-Managern an Negativ-Schlagzeilen angesammelt hat, das hat die von Hennemann sogenannte „träge Behördenpost“ auch nicht annähernd in rund 45 Jahren zusammengebracht. Da braucht man nicht wie Hennemann zu fragen, wann sich denn endlich die „träge Behördenpost zum kundenfreundlichen Dienstleister wandelt“, da muß man vielmehr dem kundenfreundlichen Dienstleister vergangener Zeiten nach-
trauern. Waren das doch noch Zeiten, als die Post regelmäßig am Vormittag kam! „Heiliger Ste-
phan“, kann man da nur fragen, „was haben die bloß aus deiner guten alten Post gemacht?“

Was bleibt als Fazit nach über fünf Jahren modernen Post-Managements? Nachträglich Anerken-
nung und Respekt dafür, was das Gesamtunternehmen Deutsche Bundespost unter dem Top-Ma-
nagement eines Ministers und einer Handvoll der von Hennemann so viel geschmähten Beamten jahrelang geleistet und unter dem Strich auch erwirtschaftet hat. So schlecht wie Hennemann es immer wieder darstellt, können die Jungs also nicht gewesen sein.

Jürgen Bell, München


Süddeutsche Zeitung 27 vom 2. Februar 1996, 14.

Überraschung

Jahr: 1996
Bereich: Kapitalismus