Flusslandschaft 2006

Umwelt

Am 21. Januar 2002 begrüßte Ministerpräsident Edmund Stoiber die Anwesenden beim Neujahrs-
empfang der CSU im alten Rathaus. Bei dieser Gelegenheit erwähnte er werbend auch das Pre-
stige-Objekt Transrapid. Etwa vier Jahre später, Anfang 2006, gelangt diese Rede über ein lokales Radio in München und über Internet-Blogs in Umlauf: zunächst als MP3-Datei und später verfei-
nert und mit Bildern beziehungsweise Erklärtafeln unterlegt als Video zum Beispiel auf YouTube. Außerdem mixen Home-DJs Reden-Schnipsel mit Musik und Rhythmen. Wer die sogenannte „Transrapid-Rede“ googelt, erhält Hunderte solcher selbstgemachten Produktionen. Stoiber sagte: „Wenn Sie vom Hauptbahnhof in München mit zehn Minuten … ohne dass Sie am Flughafen noch einchecken müssen … dann starten Sie im Grunde genommen am Flughafen am … am Hauptbahn-
hof in München starten Sie ihren Flug zehn Minuten – schauen Sie sich mal die großen Flughäfen an, wenn Sie in Heathrow in London oder sonstwo … Charles de Gaulles in äh Frankreich oder in äh in … in Rom, wenn Sie sich mal die Entfernungen ansehen, wenn Sie Frankfurt sich ansehen, dann werden Sie feststellen, dass zehn Minuten Sie jederzeit locker in Frankfurt brauchen, um ihr Gate zu finden – Wenn Sie vom Flug – äh vom Hauptbahnhof starten, Sie steigen in den Haupt-
bahnhof ein, Sie fahren mit dem Transrapid in zehn Minuten an den Flughafen in an den Flugha-
fen Franz-Josef Strauß, dann starten Sie praktisch hier am Hauptbahnhof in München – das be-
deutet natürlich, dass der Hauptbahnhof im Grunde genommen näher an Bayern an die bayeri-
schen Städte heranwächst, weil das ja klar ist, weil aus dem Hauptbahnhof viele Linien aus Bayern zusammenlaufen.” Diese Rede verstärkt die in München eher negative Haltung der Bevölkerung zum Transrapid. – Proteste gegen den zwei Milliarden Euro kostenden Transrapid häufen sich. 27. April bis 26. Mai: Die Gemeinden legen die Planunterlagen zeitgleich für alle fünf Planfeststel-
lungsabschnitte im Münchner Stadtmuseum aus. 27. April bis 9. Juni: Jeder, dessen Belange durch das Vorhaben berührt wird, kann bis zu zwei Wochen nach Ablauf der Auslegungsfrist schriftlich oder zur Niederschrift bei der Anhörungsbehörde (Regierung von Oberbayern) oder bei der Ge-
meinde Einwendungen gegen den Plan erheben, ebenso jeder Träger öffentlicher Belange. Am Freitag, dem 5. Mai um 19 Uhr findet eine außerordentliche Bürgerversammlung für die betroffe-
nen Bezirksausschüsse im Löwenbräukeller am Stiglmaierplatz statt.1 – Am 22. September ereig-
net sich ein schwerer Unfall mit dreiundzwanzig Toten und zehn Verletzten auf Teststrecke der „Transrapid-Versuchsanlage Emsland“. Das Fahrzeug stößt bei der Geschwindigkeit von 162 km/h nach einer Fahrtzeit von 58 Sekunden auf Säule 120 mit einem von zwei Arbeitern bemannten Werkstattwagen zusammen. Der Werkstattwagen sowie der vordere Teil der Magnetschwebebahn wurden durch den Aufprall völlig zerstört. Viele Verantwortliche ahnen, dass jetzt der Bau der Transrapid-Trasse in München und im Umland politisch nicht mehr durchsetzbar ist.

Samstag, 11. März: Demonstration „Stoppt Genfood – außen Tomate, innen???“ 13 Uhr: Auftakt-
kundgebung am Geschwister-Scholl-Platz (Maxvorstadt) mit Bürgermeister Hep Monatzeder, an-
schließend Demonstrationszug zum Odeonsplatz mit Samba-Rhythmen der Münchner Ruhestö-
rung
; ab 14 Uhr: Schlusskundgebung am Odeonsplatz mit Tanz- und Musikgruppen sowie Kaba-
rett von Maria Peschek.2

Am 31. März protestieren greenpeace-AktivistInnen vor dem Richard-Strauss-Brunnen in der Fuß-
gängerzone zwischen Marienplatz und Stachus dagegen, dass die Milch bei Landliebe- und Wei-
henstephan
-Molkereiprodukten mit Hilfe von genmanipuliertem Soja- oder Mais-Futter herge-
stellt wird. An der Umfrage haben sich 560 Münchnerinnen und Münchner beteiligt, 548 davon – das entspricht einem Anteil von 98% – haben sich gegen den Einsatz von Gentechnik in Lebens-
mitteln und Futtermitteln ausgesprochen.

Mit einer Einwendungskampagne kann das Umweltinstitut München die Freisetzung von transge-
nen Kartoffeln bei Fürstenfeldbruck verhindern. Auch gegen genmanipulierten Weizen in Gaters-
leben erhebt das Institut Einspruch. Nach dessen Genehmigung leitet es eine Dienstaufsichtsbe-
schwerde gegen leitende Beamte der Behörde ein wegen Verdachts auf Befangenheit.3

Beim Aubinger Herbstfest gehts zünftig zu. Die CSUler lassen das Bier strömen, die Blasmusik dröhnt. 1.400 Besucher füllen das Zelt an diesem Dienstag, einem 5. September. Nur wenige von ihnen bekommen mit, dass draußen 350 Leute lautstark pfeifend gegen den Ausbau des Sonder-
flughafens Oberpfaffenhofen protestieren. Auf Plakaten steht „Wir wollen Lebensqualität“, „Ich will nachts schlafen“ und „CSU macht krank“. Stoiber muss an den Demonstranten vorbei, kaum ist er glücklich im Zelt, jubeln seine Anhänger und die Kapelle intoniert den bairischen Defilier-
marsch. Dann argumentieren die CSU-Größen. Stoiber meint, es sei nur ein „maßvoller und sehr begrenzter Flugverkehr vorgesehen“, und Josef Schmid, Vize der Münchner CSU-Stadtratfraktion, sagt, „die störenden Lärmauswirkungen erreichen Aubing gar nicht“. Hiernach eilen fesche Bedie-
nungen durch die Reihen, klirren die Maßkrüge und die Blasmusik spuit auf.

Der 9-jährige Tutzinger Schüler Felix Finkbeiner hält 2006 ein Referat über die globale Klimakrise. Inspiriert von Wangari Maathai, die in Afrika 30 Millionen Bäume gepflanzt hat, entwirft er am Ende des Referats die Vision, Kinder könnten in jedem Land der Erde eine Million Bäume pflan-
zen, um auf diese Weise einen CO2-Ausgleich zu schaffen. In den darauffolgenden Jahren entwik-
kelt sich Plant-for-the-Planet zu einer weltweiten Bewegung. Seit März 2011 hat die Initiative eine demokratische Struktur mit einem Weltvorstand, der aus vierzehn Kindern aus acht Nationen be-
steht. Ende 2012 beteiligen sich 100.000 Kinder in über 100 Ländern am Projekt.4

(zuletzt geändert am 20.4.2019)


1 Siehe „Flug in Höhe Null“ von Paul B. Kleiser.

2 Siehe www.nahrungs-kette.de.

3 Siehe www.umweltinstitut.org.

4 Siehe www.plant-for-the-planet.org.