Materialien 2026

Der politische Witz als Protestform

Politische Witze haben eine lange Tradition. Sie arbeiten mit den Mitteln der Ironie, des Zynismus und der Übertreibung. Sie sind stets knapp gehalten und deshalb leicht zu merken bzw. weiterzu-
geben. Witze mit politischem Inhalt gab es in allen Epochen, auch und gerade unter autoritären und undemokratischen Regierungen. Hier durften sie nur unter vorgehaltener Hand erzählt und selbstverständlich nicht öffentlich publiziert werden. Wer beim Weitergeben eines politischen Witzes erwischt wurde, musste mit harten Strafen von Seiten des Staates bzw. der Justiz rechnen.

Verbotene Witze im Nationalsozialismus

Im autoritären NS-Staat waren politische Witze, die sich gegen das herrschende Regime richteten, strengstens verboten. Gleichwohl kursierten in der Bevölkerung zahlreiche Kalauer und Sprüche, die sich explizit gegen das NS-Regime und seinen totalitären Machtanspruch wandten. Hier zwei der damals bekanntesten: „Treffen sich zwei auf der Straße. Sagt der eine: Heil Hitler! Entgegnet der andere: Heil Du ihn!“ Oder: „Was gibt es für neue Witze? Drei Monate Dachau.“ Diese damals weitverbreiteten Sprüche drohen heute in Vergessenheit zu geraten, und die meisten jungen Men-
schen werden noch nie davon gehört haben.

Selbst Reichspropagandaminister Joseph Goebbels fürchtete die unterminierende und destabilisie-
rende Macht des politischen Witzes und forderte deshalb in seinen „Tagebüchern“ seine „Ausrot-
tung mit Stumpf und Stiel“. Das gelang jedoch selbst dem NS-Regime mit seinem gigantischen Unterdrückungsapparat nicht, obwohl die Strafen für unerlaubte Witze drakonisch waren. So war es üblich, „Renitente“ und „Querulanten“ in „Schutzhaft“ zu nehmen oder sie in schwerwiegenden Fällen sogar zur „Besserung“ ins Konzentrationslager (siehe den obigen Dachau-Witz) einzuwei-
sen. Witze politischen Inhalts kursierten trotzdem und wurden im Flüsterton von Mensch zu Mensch, gelegentlich auch in Form von Flugblättern weitergegeben. Sie erfreuten sich in der dem Regime kritisch gegenüberstehenden Bevölkerung großer Beliebtheit. Ähnlich war die Situation in der späteren DDR. Auch hier kursierten pointierte Witze, in denen man sich über die Regierenden auf despektierliche Weise lustig machte.

Politische Witze im Zeitalter des Internets

Im Zeitalter des WWW verbreiten sich neue politische Witze rasend schnell. Sie werden nicht nur in Blogs veröffentlicht und kommentiert, sondern haben längst auch die klassischen Print- und Internetmedien erreicht. Zeitungen wie die „Frankfurter Rundschau“, der „Tagesspiegel“, die „Neue Zürcher Zeitung“ sowie die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten greifen politische Witze auf und integrieren sie in ihre aktuelle Berichterstattung und politischen Kommentare.

So wurde Bundeskanzler Helmut Kohl in den achtziger Jahren wegen seiner ausladenden Körper-
form häufig als „Birne“ bezeichnet („Birne ist Kanzler“). Dieser Spitzname blieb ihm während seiner gesamten Amtszeit, und auch ohne Nennung des Namens wusste jeder sofort, wer gemeint war. Auch Kanzlerin Angela Merkel blieb nicht von spöttischen Bemerkungen verschont. Sie musste sich gefallen lassen, als „sprechender Hosenanzug“ und (geradezu inflationär) als „Mutti“ tituliert zu werden. Dabei handelt es sich allerdings eher um ironische Überzeichnungen und weniger um originär politische Witze, wie wir sie aus der NS-Zeit kennen.

Der Witz in seiner hiesigen Erscheinungsform

Nicht zuletzt finden sich im ansonsten eher dezent zurückhaltenden München gegenwärtig manch amüsante Einfälle. Ernsthaft!

Warum trägt der Münchner Oberbürgermeister so gerne Hoodie, Sneakers und Jeans? Weil er nicht mit dem 67-jährigen Dieter R. verwechselt werden möchte.

Der Moderator der Quizshow zum bayrischen Ministerpräsidenten: „Und nun die entscheidende Frage, wie viele Ministerpräsidenten gab es in Bayern und wie heißen sie?“ „Es gab viele Minister-
präsidenten in Bayern, und ich heiße Markus Söder.“

Der Ferdl liegt todkrank darnieder. Der Pfarrer nimmt ihm die Beichte ab. Da gesteht der Ster-
bende röchelnd: „Hochwürn, i bin bei de Linken eitretn.“ „Ja um Gohdswuin, wiaso jetzt dös?“ „Is doch gscheider, oana vo dene stirbt ois oana vo uns!“

Gehen Söder und Aiwanger durch den Forstenrieder Park. Da hören sie Schritte hinter sich. Aiwanger schaut sich um und flüstert: „Do sönd zwoa Russn. Loss uns schnöller göhn, Maggus. Die sönd zo zweit ond wür ollein.“

Im Hirschgarten: „Woaßt, den miassma no länger aushoitn, an Söder aus Franken. Dea kimmt aus de Kolonien, wia mia sogn.“

Der Witz als temporäres Instrument der Herrschaftsüberbrückung

Witze mit explizit politischer Färbung haben eine Entlastungswirkung. Sie überbrücken die gefühl-
te Herrschaftsdiskrepanz zwischen Regierenden und Regierten und stutzen die quasi omnipoten-
ten politischen Machthaber auf menschliches Normalmaß zurecht. Sie heben für den Augenblick des Erzählens den Unterschied zwischen „oben“ und „unten“ auf und funktionieren als Mittel der Gegenwehr und des passiven Protestes in Situationen, in denen sich die Regierten ohnmächtig und unterlegen fühlen. Nicht umsonst heißt ein bekanntes, aus Frankreich stammendes Sprichwort: Lächerlichkeit tötet sicherer als jede Waffe. Genau diesen Effekt macht sich der politische Witz bis heute zunutze.


Claudia Brunner (2. März 2026)

Überraschung

Jahr: 2026
Bereich: Lebensart