Materialien 1990

»Des muaßt da gfalln lass’n«

Seit drei Jahren wartet in der bayrischen Landeshauptstadt ein Gedenkstein auf seine Aufstel-
lung, der an ein bislang weitgehend verdrängtes Thema erinnert: Er ist den Deserteuren aller Kriege gewidmet Welches Tabu mit der Forderung nach einem Deserteur-Denkmal angerührt wird, zeigte auch eine Debatte im Landtag.

Stein des Anstoßes

Der CSU-Landtagsabgeordnete Josef Niedermayer war empört: »Des muaßt da gfalln lass’n«, rief er erbost in den Plenarsaal, als die Grünen-Parlamentarierin Ulrike Wax-Wörner gerade einen von ihr eingebrachten Antrag betreffend die »Aufstellung eines Denkmals« auf »Liegenschaften des Freistaates Bayern« erläuterte.

Was den CSU-Parlamentarier so aufregte, war die Funktion des geforderten Monuments und die Begründung dafür. Denn die Grünen verlangten nichts Geringeres als die Aufstellung eines Denk-
mals für Deserteure. Und zwar im Münchner Hofgarten, in unmittelbarer Nähe der Stelle, wo mit einer Art Stein-Sarkophag der 13.000 »gefallenen Heldensöhne« der Stadt gedacht wird.

… und des Überdenkens

Dieser (in deutschen Landen allgegenwärtigen) Kriegs- und Militärverherrlichung sollte nach dem Willen der Grünen eine andere Variante des Umgangs mit dem Grauen auf den Schlachtfeldern entgegengesetzt werden: Ein »Stein des Anstosses und des Überdenkens«, um darauf aufmerksam zu machen, daß es auch Soldaten gab, die »auf ihre Art und Weise Widerstand geleistet« haben und sich »der Zwangsverpflichtung zum Töten entzogen« (Ulrike Wax-Wörner).

Der »Stein des Anstosses« existiert schon seit mehreren Jahren. Am Volkstrauertag1987 wurde er der Öffentlichkeit vorgestellt von der »Spätverweigerer-Gruppe« der »Deutschen Friedensgesell-
schaft/Vereinigte Kriegsdienstgegnerlnnen«, einem Zusammenschluß ehemaliger Bundeswehr-Reservisten, die inzwischen als Kriegsdienstverweigerer anerkannt sind.

Seit der ersten Präsentation ist das Deserteur-Denkmal – eine 1,70 Meter hohe Säule aus Muschelkalk mit dem Torso eines Feldherrn obenauf und Figuren von in die Tiefe stürzenden Soldaten – ohne Heimat. Der Kulturausschuß des Münchner Stadtrates befürwortete zwar die Aufstellung eines Denkmals für Deserteure, ein im Auftrag der Stadt urteilender Gutachter fand die von dem Künstler Stefan Reiswitz geschaffene Ausführung aber nicht geeignet.

Wenn es nach der CSU geht, wird das Monument überhaupt nicht aufgestellt. Ihren Vertretern waren dazu in der Landtagsdebatte auch die fadenscheinigsten Argumente noch gut genug. Mit der Forderung nach Aufstellung eines Denkmals für Deserteure, so ließ sich etwa der Abgeordnete Karl Freller vernehmen, »werden vor allem alle anderen Soldaten pauschal, wenn auch nicht ausdrück-
lich angesprochen, beschuldigt. Sie waren aber in der übergroßen Zahl keine Verbrecher«.

Auch ein »Stück Diffamierung unserer Bundeswehr« entdeckte der Abgeordnete in dem Antrag der Grünen und fragte sorgenvoll: »Könnte es nicht sein, daß Sie der Jugend Verweigern oder Desertieren als Wert an sich darstellen wollen?« Frellers Fraktionskollege Georg Rosenbauer be-
trachtet ein eigenes Denkmal für Deserteure ohnehin von vorneherein als überflüssig, denn – so der CSU-Parlamentarier – »Mahnmale für den Frieden gibt es landauf landab in jedem Dorf, in jeder Stadt«. Wie es denen ergeht, die tatsächlich ein Friedensdenkmal aufstellen wollen, darüber berichten Ebersberger GEW-Kollegen in der September-DDS.

Rudolf Klinger (ebenfalls CSU) schließlich hielt für wichtig, daß man beim Gedenken an die Kriegsopfer nicht »nach Antihelden und Helden« differenziert, und fand es »fast unerträglich, daß man versucht, den Deserteur als den besseren Deutschen der Kriegsgeneration unseres Landes hinzustellen«.

Antrag abgelehnt

Fast überflüssig, zu erwähnen, daß der Antrag zur Aufstellung des Deserteur-Denkmals nach Schluß der Debatte abgelehnt wurde. Und das nicht nur von der CSU, sondern auch mit fast allen Stimmen der SPD. Das Kompromiß-Angebot der Sozis fürein Denkmal zu Ehren der »Gegner aller Kriege« war zuvor ebenfalls abgeschmettert worden.

Vielleicht müssen sich die Volksvertreter im Landtag aber bald wieder mit dem für sie mehrheitlich leidigen Thema »Deserteur« beschäftigen. Denn die »Spätverweigerer« wollen eine neue Forde-
rung stellen: nach »Entschädigung für vergessene Opfer der NS-Militär-Justiz«. Zu diesen Opfern gehören auch etwa 20.000 Deserteure des 2. Weltkrieges, die wegen Fahnenflucht zum Tod ver-
urteilt wurden, aber dem Henker entkamen.

Wer sich für das Deserteur-Denkmal interessiert, kann sich wenden an: »Spätverweigerer-Grup-
pe«, Tel. 089/265424 (Donnerstagabend) oder Rudi Seibt, Tel. 089/913051.

Harald Will


Die Demokratische Schule vom Juli-August 1990, 23.

Überraschung

Jahr: 1990
Bereich: Gedenken