Materialien 1994

Ein kämpferischer Humanist

Rede auf der Trauerfeier für Bernt Engelmann

Dieser Tage lasen wir in der Süddeutschen Zeitung ein Interview mit dem Präsidentschaftskan-
didaten Roman Herzog. Befragt nach seinen Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus schilderte er das Erlebnis des damals 10jährigen, wie eine Gruppe jüdischer KZ-Häftlinge an ihm und seinem Vater vorbei geführt wurde:

„Ein offenbar Zusammengebrochener wurde in der ersten Reihe von zwei seiner Mithäftlinge geführt. Wie mein Vater, der gerade auf Urlaub war, darauf reagierte, was er für ein Gesicht machte – das ist mir in unvergeßlicher Erinnerung. Daher stammt im übrigen ein ganz starkes Motiv meiner politischen Auseinandersetzung mit allem, was Faschismus heißt – damit nicht unsere Kinder wieder einmal ein solches Gesicht machen müssen.“

Der Vater steht für viele seiner Generation, vermutlich für die Mehrzahl. Der Anblick der KZ-Häftlinge verursacht ihm Schmerzen. Er leidet mit den Opfern. Doch er leidet stumm.

Zu wenige standen auf. Einigen von ihnen begegnen wir in den Romanen Bernt Engelmanns, wie etwa Herrn Desch, Frau Ney oder dem Französischlehrer Dr. Levy, der die Hakenkreuzfahne vom Dach des Gymnasiums holt und – wir schreiben noch das Jahr 1932 – dafür vom Schulleiter be-
urlaubt wird. Sie sind Zeugen eines anderen Deutschland.

Zwei Welten: Der Bruch wird auch heute noch sichtbar in der Frage: Wie stehen wir zu den natio-
nalsozialistischen Verbrechen? Auch wer sie nicht verdrängt, neuerdings gar relativiert und in historischer Buchhaltermanier aufrechnet, betrachtet die Epoche als abgeschlossen, läßt sich nicht gern erinnern, erst recht nicht, wenn Bezüge zur Gegenwart aufgezeigt werden.

Bernt Engelmann steht für einen anderem Umgang mit der Geschichte, einen Umgang, der vor den Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschland die Augen nicht verschließt, sondern hinsieht auf Opfer und Täter, damit sie nicht vergessen werden; der sich nicht hinter Bildern versteckt, wie dem von den anonymen Kräften des politischen Extremismus; der (mit anderen Worten:) Verant-
wortung nicht delegiert.

Zur Verzweiflung über das Unrecht gesellt sich die Empörung über die Ursachen.

Zum ersten Mal begegnete ich Bernt Engelmann, als er 1970 bis 1973 die DGB-Zeitung Pro he-
rausgab. Die Zeitung warb für die Forderung nach Demokratisierung der Wirtschaft und wurde in hoher Auflage in Großbetrieben verteilt. In einer der ersten Ausgaben erschien ein Bericht über die nationalsozialistische Vergangenheit und die autoritäre Gegenwart des Mindener Großunterneh-
mers Bentz, des Herren über Melitta und andere Betriebe. Der Artikel rief die zuständige Gewerk-
schaft auf den Plan, die IG Druck und Papier. Die damals ohnehin schwache gewerkschaftliche Position in den Melitta-Betrieben werde durch die Veröffentlichung noch zusätzlich geschwächt.

Als der Protestbrief im Redaktionsbeirat zur Sprache kam – es war meine erste Sitzung – regte Bernt Engelmann eine Aussprache mit den Kritikern an: Er würde die Kollegen gerne einmal fra-
gen, ob die NS-Täterschaft eines Unternehmers kein Thema sei, gerade wenn es um Mitbestim-
mung und Demokratie in der Wirtschaft gehe? Ob denn die historischen Wurzeln der Mitbestim-
mungsforderung heute keine Rolle mehr spielten? Er würde gerne mit dem Betriebsrat diskutieren, warum und zu wessen Nutzen wir durch Schweigen Rücksicht nehmen müßten. Ob wir schon wieder Kompromisse schließen müßten.

Nein. Bernt Engelmann war nicht bereit, beim Aufspüren und Dokumentieren der Wahrheit Rücksicht zu nehmen und Kompromisse einzugehen. Er nennt Namen, deckt politische und ge-
schäftliche Verbindungen auf, stellt historische Zusammenhänge her.

Es waren und sind notwendige Bücher. Notwendig in einem Land der Kontinuität von Firmen und Konzernen, von Verwaltung und Justiz, von Kasernennamen und Leitbildern für die Bundeswehr.

Notwendig in einem Land, in dem es lange vor 1933 die Bergers gab, jene Polizei- und Gestapo-
beamten, „die nur ihre Pflicht taten“, und später ihren Lebensabend in ordentlichen deutschen Wohnungen verbringen, ihre Gärten pflegen, mit korrekten, geradlinig angelegten Blumenbeeten.

Die Ziele der Aufklärung und der bürgerlichen Revolution – Freiheit, Demokratie, Humanität, Achtung vor der Würde der Person – mußten und müssen immer wieder gegen staatliche und soziale Herrschaft durchgesetzt und verteidigt werden. Und sie sind in einer Umwelt der Ängst-
lichkeit, Engstirnigkeit und Anpassung immer wieder vor Verrat und Preisgabe zu schützen.

„Die Radikalen sind heute hierzulande geächtet“, schreibt Bernt Engelmann im Nachwort zu „Trotz alledem“. Das Werk ist dem besseren Teil der deutschen Geschichte gewidmet, dem der Aufklärung und des Humanismus. Da gibt es eine gerade Linie von Fichte bis Heinrich Mann, von Johann Jakobi, zu dem Bernt Engelmann eine besondere Zuneigung erkennen ließ, bis Erich Mühsam.

Das Buch legt zugleich die bis in unsere Tage fortwirkende Mechanismen der Unfreiheit offen. Seien es Berufsverbote, sei es später die Beseitigung des Menschenrechts auf Asyl, sei es die Seelenlosigkeit des Amtsgehorsams – auf Schritt und Tritt begegnen wir denselben Zeichen der Illiberalität, der Obrigkeitsgläubigkeit und des Opportunismus. Muß man das noch besonders belegen?

Geschieht es nicht dieser Tage, daß sich in Köln Verwaltungsmenschen gleichsam automatenhaft anschicken, ausländische Kinder von ihren Verwandten zu trennen und in die Heimatlosigkeit ihrer Geburtsländer abzuschieben, wo niemand auf sie wartet?

Mußten wir nicht gerade dieser Tage wieder erleben, wie Hunderte von Passanten in Magdeburg untätig zuschauten oder gar wegschauten, als eine Horde von Neonazis Jagd auf Menschen, auf Ausländer machten?

„Es genügt nicht, seine Eltern und Großeltern zu fragen: wie war das und das. Frag doch dich, wie es ist“, schreibt Martin Walser in einem Essay über Auschwitz.

Von „kämpferischem Humanismus“ spricht Bernt Engelmann im Zusammenhang mit Heinrich Mann. Ein Wort, das auf ihn selbst paßt wie kaum ein anderes.

Bernt Engelmann hat Partei ergriffen. Im Widerstand gegen die Nazis. Und später, wenn es etwa galt, gegen die Praxis der Berufsverbote, gegen die Diskriminierung von ausländischen Arbeitneh-
mern und Minderheiten, für ein Einwanderungsland Bundesrepublik die Stimme zu erheben.

Ich erinnere mich an ein Gespräch, in dem er über eine Lese- und Vortragsreise berichtete, die ihn auf Einladung der IG Metall in die neuen Bundesländer geführt hatte. Die bei zahlreichen jungen Menschen verbreitete Perspektivlosigkeit und die auf diesem Boden wachsende Tendenz, sich nach rechts zu orientieren und Ressentiments gegen Ausländern Raum zu geben, hatten ihn erschreckt. So betroffen habe ich ihn selten erlebt.

Ihn, der sonst in allen Situationen Ruhe, Gleichmut, Distanz wahrte, auch Humor zeigte. Fast schien es, daß die Sorge vor einer Wiederholung der Geschichte ihm den Mut nehmen könnte.

Sein politisches Engagement führte ihn auch an die Seite der Gewerkschaften. Er war seit eh und je Mitglied der IG Metall, und war zur Stelle, wann immer man ihn rief. Nach Gründung des Schrift-
stellerverbandes, gehörte er zu denen, die den Beitritt zur IG Druck und Papier forderten. Später, von 1977 bis 1984, war er Vorsitzender des Verbandes.

Es tut weh, erleben zu müssen, daß die öffentliche Erinnerung mit dieser Amtszeit nichts anderes verbindet als Polen-Telegramm und Kontakte zum DDR-Verband. Ausgeblendet wird, daß es eine der sozial- und berufspolitisch erfolgreichsten Perioden war. Es gelangen Abschluß und Fort-
schreibung der Normverträge mit dem Deutschen Börsenverein. In zahllosen Gesprächen und Initiativen konnten die Künstlersozialversicherung, die Urheberrechtsreform, die Gründung der VG Wort gefördert werden.

Ausgeblendet wird auch, daß Bernt Engelmann Unterstützung genoß. Als es galt, gegen die „Ratten und Schmeissfliegen“-Denunziation aufzustehen, zeigten die Autoren Einigkeit. Erst später schie-
den sich die Geister.

Noch nicht einmal an der Friedensinitiative. Daß es notwendig war, die west-östliche Konfronta-
tion aufzubrechen, Brücken zu schlagen und Feindbilder zu überwinden, auch: der Irrationalität des westdeutschen Antikommunismus entgegen zu treten – darüber bestand damals Einigkeit.

Heute daraus Agententheorien abzuleiten, ist absurd und im Grunde eine Bestätigung jener immer noch verbreiteten Praxis der gesellschaftlichen Ausgrenzung.

Erst der konkrete Umgang mit den Repräsentanten des DDR-Schriftstellerverbandes, das Verhält-
nis zur Opposition und zu den Dissidenten wurde Auslöser verbandsintemer Konflikte und Zer-
würfnisse.

Zurück zum „kämpferischen Humanismus“. Dieses Land ehrt und schätzt seine Humanisten, so-
lange sie sich darauf beschränken, den Bürgern und ihren Kindern die Humaniora zu vermitteln. Doch es setzt nur selten denen Denkmale, die gegen Zensur, Unterdrückung und Diskriminierung aufstehen, die sich an den Verhältnissen und Mächten reiben, die Partei ergreifen für die Opfer. Unsere Schüler lernen Wilhelm von Humboldt. Doch kennen sie Georg Forster?

Wer sich engagiert wie Bernt Engelmann, stößt an, ganz in der Tradition der deutschen Radikalen. Erst recht, wenn er Erfolg hat. Seine Bücher dienten einer ganzen Generation zur politischen Auf-
klärung. Er hatte Wirkung wie nur wenige. Er hat vielen von uns Mut gemacht.

Die Angegriffenen bemühten die Gerichte – ohne Erfolg. Da gingen die Versuche der Ausgrenzung, der Verrufs-Erklärung schon mehr unter die Haut. Einige setzten sich in beschämender Unver-
söhnlichkeit bis in die Nachrufe hinein fort. Da lesen wir z.B. vom „Eiferer als Historiker“. Auch dies ist eine Methode, die Gesellschaft vor unbequemer Aufklärung abzuschirmen. Und zugleich ein Beweis, wie notwendig die Arbeit Bernt Engelmanns war.

In einer Schrift aus Anlaß des 60. Geburtstages von Leonhard Mahlein, dem langjährigen Vorsit-
zenden der IG Druck und Papier, stellte Bernt Engelmann als Mitherausgeber das bekannte Wort von Bertolt Brecht voran:

„Die Schwachen kämpfen nicht.
Die Stärkeren kämpfen
vielleicht eine Stunde lang.
Die noch stärker sind, kämpfen viele Jahre.
Die Stärksten kämpfen ihr Leben lang.
Diese sind unentbehrlich.“

Mir fallen nur wenige Menschen ein, wenn ich jenes Wort höre. Bernt Engelmann ist einer von ihnen.

München, 15. Mai 1994

Detlev Hensche


Forum Wissenschaft 2/1994, 48 f.

Überraschung

Jahr: 1994
Bereich: Gedenken