Materialien 1968
Im Namen und im Auftrag ...
… der Obergiesinger Landsmannschaft protestiere ich als Vorsitzender des Aufsichtsrates der O.G.L.M. ganz entschieden dagegen, daß in der Zeichnung von Herrn Lang Herr Ulbricht sagte: „Gomm Se näher, Herr Giesinger.“ 1. entsteht bei den unmanipulierten Lesern der fatale Eindruck, als wenn ein Herr Diesinger oder Biesinger auf einmal Giesinger heißen würde. 2. werden uns nun gewisse Leute verdächtigen, dieser Herr Giesinger sei mit uns Giesingern identisch. 3. entsteht da-
durch die verleumderische Behauptung. einer von uns Giesingern würde hoch- und landesverrä-
terische Beziehungen zu diesem Herrn Ulbricht aufnehmen, 4. wird dadurch unser ehrlicher Name in den Schmutz tagespolitischer Nörgeleien gezogen. 5. ist auch Herr E.M. Lang dabei nicht ganz unschuldig, weil er den Ausspruch des Herrn Ulbricht publiziert hat.
Unser Name! Ein Name, der nebenbei gesagt älter als der von München und Berlin zusammenge-
nommen ist. Soweit uns bekannt ist, gibt es zwar einen Herrn, der Kiesinger heißt und der ver-
mutlich als Bundeskanzler auftritt, aber damit haben wir nichts zu tun, denn bei aller Sympathie für 33er Märzveilchen – wir haben ihn nicht gewählt und er hat sich auch noch nicht bei uns vorgestellt.
Wir erklären hiermit feierlichst, dass wir von der O.G.L.M. weder mit dem mit falschem Zungen-
schlag begabten Herrn Ulbricht noch mit diesem angeblichen Herrn Giesinger etwas zu tun haben wollen. Wir erwarten, daß Sie in der „S.Z.“ Ihre manipulierte Zweckmeldung vom 15.6.68 richtig stellen.
Übrigens: Nach Berlin fahren wir sowieso niemals nicht & es sei denn – zwei Ausnahmen würden eventuell oder vielleicht gesamtdeutsche Wirklichkeit: Erstens, wir von der Obergiesinger Lands-
mannschaft fahren erst dann nach Berlin, wenn der Pass- und Visumzwang fünfzig westdeutsche Mark kostet. Weil der Seltenheitswert nicht hoch genug bezahlt werden kann, durch das Gebiet der D.D.R. zu fahren und zugleich auf deutschem Boden einen sozialistischen Arbeiter- und Bauern-
staat kennen zu lernen. Zweitens würden wir erst dann nach Berlin fahren, wenn unser langjäh-
riger Antrag bei dem Westberliner Senat endlich und plötzlich positiv entschieden wird und wir von der Obergiesinger Landsmannschaft könnten, wie gewünscht, in die Ostberliner Volkskammer aufgenommen werden!
München, 17. Juni 1968
OberGiesingerLandsMannschaft
Untere Grass Gasse Achteinhalb
Im Auftrag: Robert Boeck
„Wer sich net selbst dablecka ko – der is net vo de Bestn.“
J.W. Goethe
Robert Boeck, Oktoberjournal, München 1970, 67.