Materialien 1976

Schule

Wir, sechs Münchner Schüler, bekamen die Möglichkeit, im Extrablatt einen Artikel über Repressi-
on in der Schule zu schreiben, die sich am konkretesten am NC (Numerus Clausus) und bei der An-
wendung der ASchO (Allgemeine Schulordnung) zeigt. Die Anwendung des § 67, 1 – 6 (Schülerzei-
tungsparagraf) dieser ASchO bewirkte, dass einige Beiträge aus dem Themenkreis „Sexualität in der Schule“ der offiziellen Schülerzeitung des Luisengymnasiums (an der einige von uns beteiligt waren), zensiert wurden. Als fadenscheinige Begründung führte das Direktorat folgende Punkte an:

– Einfache formale Regeln des Schreibens werden mißachtet, auf deren Einhaltung jede Redaktion achten muß;
– Unsaubere Information und einseitiger Kommentar werden willkürlich vermischt;
– Die seelische Situation eines jungen Menschen, der an sich eine Abtreibung vornehmen läßt, wird ignoriert; Abtreibung wird nur als Technik und Organisation gesehen. (Martin Walsers „Ehen in Philippsburg“ wird als Nachhilfe empfohlen.)

….. daß „eine Äußerung, die in der Schülerzeitung veröffentlicht werden soll,
– nicht gegen das Recht auf Achtung der persönlichen Ehre verstoßen soll,
– sittliche Gefühle nicht verletzen darf“ (ASchO § 67.4);
– daß sich die Arbeitsgruppe (Redaktion) „ihrer Verantwortung gegenüber der jüngeren Schüler-
schaft bewußt sein muß“ (ASchO § 67.5).

….. Tatsache ist,
– daß die Schreiber der beiden Artikel nicht bereit waren, ihre Artikel für ihre Leserschaft zu schreiben;
– daß die Schreiber dieser Artikel unter Mündigkeit verstehen, dass ihre Artikel unredigiert gedruckt werden müssen;
– daß die Schreiber und ihre Anhänger von Freiheit sprechen, wenn sie Recht bekommen;
– daß sie von Zensur sprechen, wenn sie mit anderen zusammenarbeiten sollen.

Dadurch wurden sie gezwungen, den „Vatermörder“, eine außerschulische Zeitung für die Schüler des Luisens herauszubringen, die nicht der ASchO unterliegt.

Genauso erging es den Schülern der städt. Fachoberschule (FOS), wo von 3 Artikeln nur der über den „Faschingsball“ die Genehmigung des Direktorats erhielt, nicht aber die Artikel „Zur Diskus-
sion über Lehrinhalte“ und „Der Papst und die Mitbestimmung“. Auch sie wurden praktisch in die Illegalität abgeschoben dadurch, daß sie ihre Zeitung außerhalb der Schule verkaufen mußten.

Die Zensur ist aber nur eines der vielen Mittel des KuMist, die Schüler politisch mundtot zu machen, was natürlich nur die Linken im weitesten Sinne betrifft.

In der FOS z.B. müssen die größtenteils volljährigen Schüler nach 5 Krankheitsfällen für jedes weitere Fehlen ein ärztliches Attest bringen. Wenn wir dies nicht machen, folgt nach dem 3. Mal die Entlassung. Die Möglichkeit, über unser physisches und psychisches Befinden selbst zu urteilen, wird damit wieder drastisch eingeschränkt!

Die Aufzählung dieser Beispiele von Unterdrückung ließe sich beliebig fortsetzen.

Wesentlicher aber sind die Repressionen, die unter der Hand auf den Tisch kommen, also so subtil sind, daß sie uns größtenteils nicht als Repression bewußt werden.

Der ständige, vom Lehrer ausgehende Druck, Leistung zu erbringen (besonders im Hinblick auf den NC und das neue Punktesystem, das noch eine differenziertere Wertung der Leistung ermög-
licht), fördert tagtäglich unser Konkurrenzverhalten und wirkt sich auch auf unseren psychischen Zustand aus.

Jeder kämpft für sich allein um eine gute Note.

Wir pauken ständig, um auf etwaige unangesagte Extemporalen und Ausfragereien vorbereitet zu sein.

Wir befinden uns permanent in einem Zustand ängstlicher Angespanntheit. In einer 12. Klasse z.B. erkrankten hintereinander 2 Schülerinnen durch den Streß vom Zwischenzeugnis an einer schwe-
ren Magenschleimhautentzündung (psychosomatisch bedingt). Als eine der beiden Schülerinnen „geheilt“ zurückkam, erhielt sie in der ersten Woche eine Schulaufgabe mit 6 zurück und erlitt daraufhin einen Nervenzusammenbruch, auf den der Lehrer in keiner Weise einging, sondern cool im Stoff weiterging.

Allgemein sieht es so aus, daß wir gar keine Zeit haben, um das, was wir lernen, kritisch zu be-
trachten, da es nur darum geht, das „Klassenziel (möglichst gut) zu erreichen“, bzw. den NC zu schaffen. Es geht nicht um das, was der § 3.1 der ASchO als Aufgaben der Schule ansieht:

– Erziehung zu selbständigem Urteil und eigenverantwortlichem Handeln,
– zu Freiheit, Toleranz und Achtung vor anderen Menschen,
– zur Bereitschaft zu demokratischer Verantwortung und politischem Handeln (!!!) usw. usf. bla bla bla …

Hinter das Lernen auf den NC werden alle persönlichen Interessen zurückgestellt. Wir erfahren uns in der Schule gegenseitig nicht mehr als Menschen, sondern nur noch als Reproduktionsma-
schinen gesellschaftlicher Verhaltensnormen, die von der Schule zugelassen und hervorgebracht werden.

Wird z.B. eine Extemporale von einer ganzen Klasse verweigert, so erhält jeder den „Leistungs-
nachweis“ Note 6, was neulich in der FOS passierte.

Die Angst vor solchen „Leistungsnachweisen“ verhindert meist von vornherein Solidaritätsakti-
onen. Besonders frustrierend ist, daß mittlerweile kritische Schüler von den „Klassenkameraden“ aufgefordert werden, das „Maul zu halten“ und den Unterricht nicht zu stören.

Viele Schüler sind so im System drin, daß sie es als ihr eigenes Interesse sehen, das zu lernen, was ihnen vorgesetzt wird. Sie stöhnen und motzen zwar etwas über die viele Arbeit, erkennen aber nicht, daß diese Erhöhung der Arbeit nur konsequent ist, da Leistungsideologie und Konkurrenz-
prinzip die Grundsätze dieser Gesellschaft sind.

So erreicht die Schule nach und nach ihr Ziel. Es soll nicht der Inhalt gelernt und gelehrt werden, der sowieso bald vergessen wird, sondern die Form, bestimmte Verhaltensweisen, Denkstrukturen und die Art, etwas zu lernen, Das scheinbar einzige Kriterium, um die Schule zu schaffen, ist eine Art totale Anpassung, Anpassung an diesen vielförmigen Repressionskomplex, der im wesentlichen eine permanente Dequalifizierung der Schüler durchsetzt.

Daß Repression in der Schule, und nicht nur dort, in direktem Zusammenhang mit der Rezessions-
zeit in der BRD steht, ist sicher, denn Schule, und sie steht ja im gesellschaftlichen Rahmen, kann nur die erzieherische und aufklärende Funktion haben, die diese Gesellschaft selber hat. Da kein gesellschaftliches Interesse an wirklich qualifizierten Leuten besteht, die aus der Kaputtheit dieses Systems notwendige Konsequenzen fordern und dementsprechend handeln, sondern nur an Leu-
ten, die entsprechende Vorstellungen während der Schulzeit beibehalten und entwickeln und sich nach der Schule als Techno-Freaks reproduzieren wollen, muß die Schule dieser Nachfrage, bzw. dieser Nicht-Nachfrage in einer adäquaten Form entsprechen.


ExtraBlatt (März 1976), 12 f.

Überraschung

Jahr: 1976
Bereich: SchülerInnen