Materialien 1976
Daß du untergehst, wenn du dich nicht wehrst, das wirst du doch einsehen
nachrichten aus einem westdeutschen gefängnis, ein bericht über gertraud will
Vor fast 2 Jahren, im April 74, wurde Gertraud Will verhaftet, weil sie ihrem Verlobten Roland Otto, der von einem Hafturlaub nicht zurückgekehrt ist, geholfen haben soll zu verschwinden. Im Jargon der offiziellen Presse liest sich das dann so:
„Eine großangelegte Ausbruchsaktion inhaftierter linksradikaler Gewalttäter und mit ihnen sympa-
thisierender Krimineller aus vier Gefängnissen noch vor der Fußball-Weltmeisterschaft hat die Münchner Polizei entdeckt.“
Die Fahndung nach Roland Otto ging weiter und wurde zunehmend hysterischer. Günter Jendrian, ein Münchner Taxifahrer, der Roland Otto nach seinem Untertauchen zufällig kennengelernt hatte, wurde bei einer Hausdurchsuchung in seiner Wohnung erschossen.
Die Staatsanwaltschaft hatte den Eindruck, eine kriminelle Vereinigung entdeckt zu haben. Kurz nach Gertrauds Festnahme ordnete sie folgende Haftbedingungen an:
1. strenge Einzelhaft
2. Einzelhofgang
3. Ausschluß von Gemeinschaftsarbeiten und Gemeinschaftsveranstaltungen
4. Tragen von Anstaltskleidung
5. Unterbindung jeglichen Besuchsverkehrs mit Ausnahme des Verkehrs mit dem Verteidiger und mit Ausnahme von Besuchen, die in Gegenwart des Sachbearbeiters des Ermittlungsverfahrens im Bayerischen Landeskriminalamt stattfinden.
Gertraud ist seit Ende Januar nicht mehr isoliert. Inzwischen kann sie wieder ihre eigene Kleidung tragen. Die Besuchssituation ist unverändert. Noch immer wird jeder Besuch von zwei Angehöri-
gen des Bayerischen Landeskriminalamtes überwacht und protokolliert.
Gertraud Will ist nicht gesund. Die Folgen eines Verkehrsunfalls mit schweren Kopfverletzungen führten unter dem Eindruck der Isolierhaft zu Ohnmachtsanfällen, Brechen, Doppelsehen und Schwindel. Ihr Kreislauf ist mies und muß ständig medikamentös behandelt werden. Gegen ihre oft quälenden Kopfschmerzen muß sie Tabletten nehmen.
Trotz ihres erschreckenden Gesundheitszustands wurden alle Haftverschonungsanträge abgelehnt. Erst nach eineinhalb Jahren Haft wurde endlich der Antrag ihres Verteidigers akzeptiert, Gertraud stationär untersuchen zu lassen, um festzustellen, was ihr fehle und ob sie der Haft überhaupt ge-
wachsen sei. Bis dahin hielt die Staatsanwaltschaft die Untersuchungen durch die Anstaltsärzte für ausreichend. Über diese prächtigen Ärzte schreibt Gertraud:
… mein verdacht, daß sie mir psychopharmaka geben, hat sich natürlich bestätigt. durch den ständigen wechsel von medikamenten verlier ich nämlich auch den überblick und heute habe ich ihn direkt gefragt, und der typ gab es sogar zu. na, daß ich den mist nimmer schlucke, ist ja klar; schon gut, erst machen sie dich nach allen regeln fertig und dann geben sie dir psychopharmaka, ne, nicht mit mir, ich nehm augenblicklich so an die 7 verschiedene tabletten und werde natürlich nicht gesünder, sondern der scheiß bleibt weiterbestehen. 19.8.74
… terror gibts überhaupt mit dem sogenannten arzt. der typ hat nämlich weder blutdruck ge-
messen noch die krankengeschichte gelesen, sondern nur befunden, daß ich zuviel medikamente nehmen würde und einiges drastisch reduziert – mit dem herrlichen ergebnis, daß es mich beim hofgang gestern drehte, ich aber abbrechen mußte und kreislaufmäßig am krückstock gehe. liebste, mich nervt das alles so, mich macht das ausgeliefert sein an meinen eigenen körper narrisch und die „ärzte“ rauben mir noch den letzten nerv. dieser typ hat sich nämlich auch gleich an die herrlichen auftritte in meinem ersten knastmonat erinnert und wollt eh gleich ne verle-
gung von mir nach aichach. in meinem ersten knastmonat hatte ich ja schon mit anderen frauen überlegt, ob man net mal ne art verprügelungsaktion macht, da der mit einem sadismus an die frauen ranging, daß einem nur noch die spucke wegblieb. weißt, das lief so auf der ebene von: sie schauen ja aus wie vom strich, warum haben sie denn so nen schlaffen/großen/kleinen oder sonst welchen busen. aber um das, was die frauen wirklich haben, hat er sich nie gekümmert, sondern wenn ihm eine krank erschien, kam sie halt sofort nach aichach und aichach war der horror aller frauen und das führte dazu, daß einige, die echt krank waren, nichts gesagt haben, bloß um seinen torturen zu entgehen.
als er mich jetzt sah, fragte er, ob es sich denn lohnt, für ne politische überzeugung in den knast zu geben und schon allein das hat mich auf die palme gebracht und als ich sagte, er soll lieber das krankenblatt lesen anstatt dumme fragen zu stellen, wars natürlich wieder aus.
Als Gertraud im April/Mai 1974 das erste Mal in der JVA München-Neudeck war, wurde vor ihr Fenster ein Blech montiert, das die Zelle fast völlig dunkel machte. Jeder Kontakt zur Außenwelt, sogar zum Tageslicht, wurde ihr dadurch unmöglich gemacht. Im Oktober 75 kommt Gertraud wieder in genau dieselbe Zelle. Außer der Isolierhaft hat sie nun auch noch die Dunkelhaft zu ertragen. In Briefen teilt sie mit:
… ständiger gebrauch des neonlichts tagsüber, was zu verstärkten kopfschmerzen, der aktuali-
sierung von sehstörungen usw. führt. häufiges wecken in der nacht durch kurzes anschalten des neonlichtes, da durch das dunkle Gitter kein natürliches licht durchdringt und man somit auch nicht sehen kann, ob ich den schlaf der gerechten penne oder sonst was mache. Diese permanente störung meines schlafes ist heller wahnsinn und nachdem in unserem land die empörung über die foltermethoden in der sowjetunion groß ist (im gegensatz zur empörung über die machenschaften der faschisten in spanien, chile usw.) sollte man sich getrost ins gedächtnis rufen, daß gerade dort mit dem mittel der schlafstörung gefoltert wird – auch gehirnwäsche genannt.
… weil du meinst, ihr macht euch sorgen, mir gehts gut, echt wieder sehr gut, und ich fühl mich nicht nur psychisch wohl, sondern kann auch langsam wieder das denken anfangen. Die wochen in der dunkelkammer waren schlimm, so im nachhinein hab ich zwar die distanz dazu, aber ich war, glaub ich, so ziemlich an der grenze. zu dem körperlichen down kam ja noch die psyche dazu, durch die störung vom tiefschlaf spielten sich die träume alle im halbbewußten ab und mobilisierten irre ängste.
übrigens habe ich jetzt wieder luft und licht – an dem tag, als das blech wegkam, stellte ich mich unter das winzige fenster und kam mir wie neugeboren vor. ein unbeschreibliches gefühl ist das, wenn man vom tageslicht überströmt wird und wieder tief, ganz tief atmen kann. um das nach-
zuvollziehen, bräuchte man eine grausame phantasie; sich die situation dunkelkammer vorzu-
stellen, übersteigt gottlob unseren horizont. wenn ich nicht die eigene erfahrung hätte, könnte ich mir die situation bestimmt auch nicht vorstellen. 21.11.75
Ende August 75 legte die Staatsanwaltschaft eine 83-seitige Anklageschrift vor. Nachdem Gertraud in der Presse – vor allem in der „Süddeutschen Zeitung“ – als Bandenführerin und Chefterroristin der Stadtguerilla präsentiert wurde, ist es sinnvoll, den wesentlichen Inhalt der Anklage hier dar-
zustellen.
1. Im Jahr 71 soll Gertraud „Dynamitstangen“, „Sprengstoffchemikalien“, „Zünder“, einen Leitzordner und eine Kassette, die mindestens 2.000 DM beinhaltet haben soll, im Keller ihrer Eltern gelagert haben. Die Sachen sollen von einer Gruppe, die sich „Tupamaros München“ nannte, gestammt haben, kamen dann weg und wurden seither auch nicht wieder gesehen.
2. 73 soll Gertraud eine „kriminelle Vereinigung“ gegründet haben, die nach Meinung der Staatsanwaltschaft noch besteht, allerdings seien alle Mitglieder – bis auf eine Frau – nur unter Decknamen bekannt. Das angebliche Mitglied lebt unbehelligt in München. Die „Will-Bande“ soll sich zunächst zur Tarnung „Rote Hilfe München“ genannt haben, habe diesen Namen jedoch ab-
gelegt und existiere namenlos weiter. Ziel dieser inzwischen namenlosen Organisation ist natür-
lich der bewaffnete Umsturz und besonders die „Befreiung inhaftierter Straftäter“.
Weitere Anklagepunkte sagen, daß „in Verfolgung der Bandenziele“ Gertraud ihrem Verlobten Roland Otto geholfen haben soll, von seinem dritten Hafturlaub nicht zurückzukehren, sondern unterzutauchen. Drei ihrer Geschwister sollen sie dabei unterstützt haben. Einer ihrer Brüder ist mitangeklagt.
Außerdem sei im April 74 auf dem Gelände des ehemaligen Zuchthauses in Straubing ein Päckchen gefunden worden. Der Inhalt dieses Päckchens: vier unbelichtete Minoxfilme und einige Blätter Papier, die sich theoretisch mit der RAF-Politik auseinandersetzen. Dieses Päckchen soll von Ger-
traud stammen und für die Gefangenen Heißler und Maierhofer bestimmt gewesen sein.
Schließlich soll Gertraud einen flüchtigen Strafgefangenen in ihrer Wohnung übernachten haben lassen, selbstverständlich „in Verfolgung der Bandenziele“.
Wem die dargestellten Fakten zu dürftig erscheinen, um fast 2 Jahre Untersuchungshaft plausibel zu begründen, und wer die zahlreichen kriminellen Vereinigungen, Befreiungs- und Umsturzpläne für Phantasiekonstruktionen der Staatsanwaltschaft hält, sollte daran denken, daß die Anklagebe-
hörde sich rechtfertigen muß:
für zahlreiche Hausdurchsuchungen und vorübergehende Festnahmen,
für die Erschießung von Günter Jendrian
und schließlich für die grauenhafte Behandlung, die Gertraud seit 2 Jahren in den verschiedenen bayrischen Gefängnissen erlebt.
Der Prozeß gegen sie sollte am 23. Februar endlich beginnen. Ein paar Tage vorher wurden einige Münchner Wohnungen und eine Anwaltskanzlei durchsucht; ein recht erfolgloser Versuch, belas-
tendes Material aufzuspüren. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft reichten die beschlagnahmten Sachen jedoch aus, ein Ausschlußverfahren gegen Gertrauds Verteidiger einzuleiten. Auch der Verteidiger von Gertrauds Bruder soll nach dem Willen der Staatsanwaltschaft ausgeschlossen werden: Am 1. Tag des geplanten Prozeßbeginns „entdeckte“ sie, daß seit Januar 75 eine unzuläs-
sige sogenannte Doppelverteidigung bestehe.Dieser Antrag wurde inzwischen in 1. Instanz abge-
lehnt. Der Prozeßtermin platzte. DER PROZESS FINDET VORLÄUFIG NICHT STATT. Die Ent-
scheidung ist in diesen Tagen gefallen: RA Wächtler bleibt Pflichtverteidiger von Gertraud. Jetzt kann man auf einen neuen Prozeßtermin hoffen – bekannterweise wochen- oder monatelang.
Christine Dombrowsky
Über den Verlag Frauenoffensive, Josephsburgstraße 16, 8 München 80, ist für 2 DM eine Doku-
mentation über Gertraud zu beziehen. Sie enthält viele Zitate aus ihren Briefen und Stellungnah-
men von Brigitta Wolf und Amnesty International.
ExtraBlatt (März 1976), 42 ff.