Materialien 2026
Außenminister
Sehr geehrter Herr Dr. Wadephul,
bei Ihrem Treffen mit dem israelischen Außenminister Gideon Sa’ar beteuerten Sie, dass Deutsch-
land und Israel sich „näher stehen als je zuvor und […] wir ein gemeinsames Interesse haben“. Weiter fuhren Sie fort, dass „Das Einstehen für die Existenz und für die Sicherheit des Staates Israels zum Wesenskern unserer Beziehungen“ gehöre.
Seit einigen Jahrzehnten nun betrachte ich – eine aus Israel stammende Jüdin mit deutscher Staatsbürgerschaft, die in Deutschland aufgewachsen ist und lebt – Deutschlands Haltung zu Israel und Palästina. Und um es mit den typischen und einzigen „kritischen“ Worten der deutschen Poli-
tiker auszudrücken: Ich bin besorgt.
Nein, ich bin geschockt und traumatisiert.
Meine Großeltern mussten 1935 aus Deutschland fliehen – der Großteil der restlichen Familie hat das damals nicht geschafft und wurde in Auschwitz und anderen Vernichtungslagern umgebracht. Meine Großeltern haben mir erzählt, wie sie die Deutschen damals empfunden haben: empathie-
los, gefühllos, brutal und schier unmenschlich. Das konnte ich immer theoretisch nachvollziehen. Doch die heutige deutsche Politik lässt es mich auch praktisch sehr gut nachvollziehen; obwohl ich als Jüdin mit dieser Familiengeschichte in Deutschland aufgewachsen bin, hatte ich nie eine ver-
urteilende oder ablehnende Haltung gegenüber den Deutschen. Das hat sich in den letzten Jahren geändert – auch dank Ihrer Politik. Heute kann ich die Gefühle meiner Großeltern extrem nach-
vollziehen – denn alles, was sie mir erzählt haben, sehe ich jetzt live. Empathielosigkeit, fehlendes Rechtsempfinden, trotz der erdrückenden Beweise für einen Genozid und alle erdenklichen Men-
schenrechtsverletzungen eine unbeirrte und fast starrsinnsgleiche Überzeugung, im Recht zu sein.
Heute zeigt sich, dass nie eine Aufarbeitung der eigenen Geschichte stattgefunden hat – wieder stellt sich Deutschland auf die Seite eines Völkermords und macht sich aktiv daran, mitschuldig zu werden. Ein Trauma, das bei mir nie vorhanden war, ist nun aktiviert worden. Ich – und im Grun-
de die ganze Welt – hatte Deutschland den Holocaust „verziehen“. Und was machen Sie aus diesem Vertrauensvorschuss? Sie verraten ihn und die Verantwortung, die aus dem Holocaust hätte resul-
tieren müssen. Sie und Ihre politischen Kollegen möchten suggerieren, dass Ihre genozidale Hal-
tung genau dieser Verantwortung entspringt – das Gegenteil ist jedoch der Fall. Ihre Loyalität zu einem rassistischen, genozidalen und zunehmend faschistischen Staat, Ihre Gleichgültigkeit gegen-
über dem Schicksal der Palästinenser*innen, Libanes*innen, Syrer*innen, Iraner*innen und ande-
ren entspringt nicht einer „historischen Verantwortung aus dem Holocaust“ – im Gegenteil: Sie fahren mit der Geschichte fort. Unter dem Deckmantel der Verantwortung gegenüber Juden und Jüdinnen unterstützen Sie die größten Verbrechen der Menschheit – das ist perfide und in höch-
stem Maße antisemitisch.
Wenn Sie schon nicht Unrecht von Recht unterscheiden können, dann missbrauchen Sie zumin-
dest nicht die Juden und Jüdinnen als Schutzschild.
Diesen Völkermord wird die Welt Deutschland nicht verzeihen. Und das ist auch Ihr persönliches Vermächtnis. Sie werden in die Geschichte eingehen – aber nicht, wie Sie es sich wünschen. Ihre Politik trägt dazu bei, dass das Ansehen, das Deutschland nach dem Holocaust und Zweiten Weltkrieg über Jahrzehnte wiedererrungen hat, zunichte gemacht wird. Deutschland macht sich zum Pariastaat, der wieder einmal auf der falschen Seite der Geschichte steht.
Somit machen Sie sich auch an den Menschen in diesem Land schuldig – Sie haben einen Amtseid geleistet, sämtlichen „Schaden vom deutschen Volk zu wenden“. Wörtlich lautet Ihr Eid: „Ich schwöre, daß ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde. So wahr mir Gott helfe.“ (Art. 56 GG).
Nun steht Deutschland wieder einmal wegen (Beihilfe zum) Völkermord vor dem Internationalen Gerichtshof. Sie begehen Verrat an der eigenen Bevölkerung – wenn Ihnen schon die Palästinen-
ser*innen und alle anderen Menschen, die unter Israel zu leiden haben, egal sind, dann zeigen Sie wenigstens Loyalität zur deutschen Bevölkerung.
Sie und Ihre Kollegen missachten tagtäglich das deutsche Grundgesetz, das genau wegen eines solchen Verhaltens der politischen Ebene so verfasst wurde, wie es geschrieben steht – als Schutz der Bürger vor willkürlichen Übergriffen seitens der politischen Führung. Doch tagtäglich werden Bürger wegen ihrer korrekten und kritischen Haltung zu Israel von Ihnen und anderen Politikern kriminalisiert, diffamiert, drangsaliert. Das, verehrter Herr Dr. Wadephul, ist Ihr Vermächtnis – eine Beschädigung Deutschlands innen und außen.
Meine Großeltern, die nach Palästina fliehen mussten, würden sich im Grab umdrehen, wenn Sie wüssten, wie Deutschland heute mit seiner Geschichte umgeht und was für eine Unrechtspolitik dieses Land betreibt.
Ihre Nibelungentreue zu Israel wird uns alle noch teuer zu stehen kommen – dennoch ist das nichts im Vergleich zu dem Preis, den die Palästinenser*innen für Ihre Politik und Ihr menschli-
ches Versagen bezahlen müssen. Ich hoffe, Ihnen ist klar, wie viele Menschenleben auf Ihr Konto gehen.
Von der Autorin zugeschickt