Flusslandschaft 2013

Gedenken

Anfang Mai 1945 war München eine Trümmerwüste. Zunächst dachten die Menschen, die zwischen den Ruinen herumirrten, vor allem daran, wo sie etwas zu Essen bekommen und wo
sie sich eine provisorische Bleibe einrichten. Erst nachdem sich Verwaltungsstrukturen gebildet hatten, die koordiniertes Vorgehen planten, begann man, Straßen wieder befahrbar zu machen
und Kriegsschutt und Trümmerberge zu beseitigen. Hierzu waren etwa 1.500 Menschen eingesetzt, unter ihnen ungefähr 200 Frauen. Die allermeisten waren Nationalsozialisten und ehemalige Funktionäre der NSDAP, die sich durch die Aufräumarbeiten als Sühneleistung ihre tägliche Essensration verdienten. Die wenigsten unter ihnen waren so genannte Trümmerfrauen. Ver-
mutlich war es in anderen Städten nicht viel anders. Trotzdem entstand Jahrzehnte später der entpolitisierte Mythos von der fleißigen Wiederaufbaugeneration, die auf gar keinen Fall für die Geschehnisse im Dritten Reich mitverantwortlich war und die jetzt unbeirrt und frohen Mutes die Ärmel aufkrempelte, in die Hände spuckte und anpackte. In diese Tradition paßt der Gedenkstein, den der Verein „Dank und Gedenken der Aufbaugeneration, insbesondere der Trümmerfrauen e.V.“ am Marstallplatz im Mai errichten läßt – auf einem Gelände des Freistaates Bayern, nachdem sich die Stadt München jahrelang gegen ein entsprechendes Denkmal gewehrt hat. Zur Einweihung im September erscheinen der Münchner CSU-Chef Spaenle und kirchliche Würdenträger. Am Donnerstag, 5. Dezember verhüllen Landtagsabgeordneter Sepp Dürr und die Vorsitzende der Münchner Grünen, Katharina Schulze, den Stein symbolisch mit einem braunen Tuch, auf dem zu lesen ist: „Den Richtigen ein Denkmal, nicht den Altnazis. Gegen Spaenles Geschichtsklitterung“. Spaenle ist ob dieser Unterstellung empört. Und bei Katharina Schulze und Sepp Dürr treffen Drohanrufe und Hass-Emails ein. Rechtsextreme fordern im Internet: „Am Reichstag aufhängen!“, „Vergasen!“ und „Erschlagen!“.

Ein grauer Bus steht vom 14. Juli bis zum 30. September auf der Grünfläche am Fortunabrunnen am Isartorplatz. Das mobile Denkmlal haben Andreas Knitz und Dr. Horst Hoheisel 2006 zur Erinnerung an den »Euthanasie«-Massenmord der Nationalsozialisten entworfen. Statt an einem Ort für »die Ewigkeit« dazustehen und mit den Jahren übersehen und wirkungslos zu werden, bewegt sich das Denkmals durch Deutschland. Ein in Originalgröße in Beton gegossener Bus des gleichen Typs, wie er in den Jahren 1940 und 1941 von den Pflegeanstalten zu den Vernichtungs-
orten fuhr, erinnert an den Massenmord. Das Denkmal gibt es in zweifacher Ausführung. Ein Bus blockiert dauerhaft die historische Pforte des Zentrums für Psychiatrie in Ravensburg-Weißenau, durch die damals die grauen Busse die ehemalige Heil- und Pflegeanstalt zu den Vernichtungsstät-
ten verließen. Der zweite Bus wird entlang der Verwaltungswege und Fahrrouten der Todesbusse bewegt. Das Denkmal taucht auf, bleibt einen Monat oder ein Jahr und verschwindet wieder, um einen neuen Ort der sogenannten T4-Aktion zu markieren.

Vom 19. September bis 19. Oktober zeigt die Seidlvilla am Nikolaiplatz 1 in Schwabing die Ausstellung »… betreff Unfruchtbarmachung …« über Zwangssterilisation und Verfolgung
von Behinderten durch das NS-Regime nach 1933 von Lothar Scharf.

Vom 9. Oktober bis 15. Dezember zeigt die MVHS – Aspekte Galerie im Gasteig an der Kellerstraße 6 in Haidhausen die Ausstellung »In Memoriam« und erinnert damit an die
ca. 200.000 psychisch kranken Menschen, die zwischen 1939 und 1945 im Rahmen des nationalsozialistischen »Euthanasie«-Programms ermordet wurden.

Überraschung

Jahr: 2013
Bereich: Gedenken