Flusslandschaft 2022
Lebensart
Manchmal frage ich mich, wo ich hier gelandet bin? Wenn Birgit auf einer Wiese in Oberhaching ihre kasachische Jurte errichtet, wenn der Hans mit Dreadlocks auf dem Schädel zum deutschen Bob Marley wird, wenn Christa die japanische Teezeremonie zelebriert oder wenn Fritz eine Kufiya trägt, irgendjemand plärrt dann: „Kulturelle Aneignung!“ Oh Ihr Ahnungslosen! Kulturelle Aneig-
nung ist, wenn jemand die Benin-Bronzen aus Afrika stiehlt und in einem Museum in Berlin aus-
stellt, wenn Werke ihrer politischen und sozialen Inhalte entkleidet werden, damit sie trivialisiert plump konsumiert werden können, wenn ein Automobilkonzern mit Mozarts „Kleiner Nachtmu-
sik“ wirbt, also, wenn in einer asymmetrischen Machtstruktur der Obere vom Unteren ohne Ge-
genleistung profitiert. Problematisch wirds, wenn Ethnologen das Recht abgesprochen wird, über fremde Kulturen zu forschen und zu schreiben, wenn behauptet wird, dass nur noch Zentralafrika-
ner über Zentralafrikaner schreiben dürfen. Freund Franz wirft hier ein: „Wie absurd! Am Ende dürfen nur noch Päderasten über Päderasten schreiben.“ Aber dann grinst er, wie er hört, dass G. Gerstenberg als bayrischer Ureinwohner aufs schärfste und daher unterkomplex dagegen protes-
tiert, dass überall in aller Herrgottsländer, sogar in den USA und in Japan, ganzjährige Oktober-
feste stattfänden, dass sich Argentinierinnen und Argentinier heute mit „Oans, zwoa, gsuffa“ be-
grüßten und in rotchinesischen Fabriken Statuetten unseres Märchenkönigs Wiggerl II. für den Weltmarkt gegossen und angemalt würden. „Des is despektierlich, übergriffig und diskriminie-
rend is des.“1
1 Zum sinnvollen Einverleiben fremder Kulturen siehe z.B. Caetano Veloso, Tropical Truth – a Story of Music und Revolution in Brasil, London 2003.