Materialien 1958

Der Fall Eisele - ein Symptom

Lehren aus dem größten Justizskandal nach dem Krieg

Die Flucht des Dr. Eisele – KZ-Arzt von Buchenwald und Inhaber einer florierenden Kassenpraxis in München-Pasing – hat viel Staub aufgewirbelt. Nicht ohne Grund: Da lebt ein Mann, an dessen Händen das Blut von über 200 unschuldigen Häftlingen klebt, wie ein angesehener Bürger in München. Außergewöhnlich schnell avanciert er im wirtschaftswunderlichen Nachkriegsdeutschland, kommt zu Staatszuschüssen, Darlehen, einem schönen, großen Haus und einer ärztlichen Praxis – und das alles, obwohl er von einem alliierten Militärgericht wegen vielfachen Mordes zunächst zum Tod verurteilt und dann begnadigt wurde.

Dies ist aber nur der erste Teil der Affäre Dr. Eisele. Zum reinen Justizskandal wurde sie, als man erfuhr, dass schon 1955 vor deutschen Gerichten gegen ihn schwere Anschuldigungen erhoben wurden. Ein bayerischer Staatsanwalt wurde in seiner Eigenschaft als öffentlicher Ankläger davon in Kenntnis gesetzt, dass ein Aschaffenburger Kinobesitzer und der gegenwärtige Leiter des Münchner Städtischen Nachrichtendienstes Augenzeugen der Mordtaten des Dr. Eisele waren und bereits entsprechende Aussagen gemacht haben. Aber dieser Staatsanwalt unternimmt nichts.

Die beiden Zeugen der Eisele-Verbrechen und des bürgerlichen Wohllebens dieses Verbrechers aber lassen nicht locker. Endlich kommt langsam Bewegung in die Gesetzes- und Gerechtigkeitsmaschinerie, die so schnell laufen kann, wenn es sich um Verkehrssünder oder Sperrstundenüberschreitungen handelt. Aber sie, läuft langsamer, als der schnelle Dr. Eisele schaltet: Als endlich gegen ihn ein Haftbefehl erwirkt ist, schwimmt er schon an Bord eines Luxusdampfers übers Mittelmeer in Richtung Kairo.

Das Problem des Falles Eisele ist dies: Es ist hierzulande offenbar schon kein gar großes Verbrechen mehr, Juden getötet zu haben. In zahlreichen Städten der Bundesrepublik läuft zur Zeit ein Film über die deutsche Vergangenheit, gesehen durch den Spiegel der bestimmt ihrerseits auch fragwürdigen Nürnberger Prozesse. Vor den Aushängekästen so mancher Kinos sollten unsere Politiker einmal ein wenig herumhören. Da zeigen sich schon wieder mehr Unverbesserliche, als wir uns träumen lassen.

Solche Menschen aber stehen nicht nur auf der Straße und hetzen – wozu sich eben jetzt vor Kinos, wo dieser Film läuft, gute Gelegenheit bietet -, sie sind auch wieder in ihren Firmen und Ämtern nach ihrer Überzeugung tätig. Dr. Eisele war nur einer von vielen Mördern, die heute noch unter uns leben. Vor allem aber: Er ist ein SYMPTOM, und wir sollten uns darum mehr des GESAMTKOMPLEXES annehmen, statt uns nur über die Einzelheiten seines Verschwindens zu ärgern.

Max J. Riedl


Metall. Zeitung der IG Metall für die Bundesrepublik Deutschland 15 vom (Juli) 1958, 1.