Materialien 1960

Ostermärsche in den 60er Jahren

München war eine der ersten Städte in der BRD, in der ein Ostermarsch stattfand. Bereits ein Jahr, nachdem 1959 in Aldermaston in England der erste Ostermarsch überhaupt stattgefunden hatte, wurde diese damals neue Demonstrationsform 1960 auch in München organisiert.

Das erste vorbereitende Komitee bestand noch aus nur drei Organisationen: dem Deutschen Freidenker-Verband (Michel Lazarus), dem Arbeiter-Sing- und Spielkreis – heute Satierschutzverein (Rola Sachsberger) und der Naturfreundejugend (Peter Forster, heute in der Siemens-Friedensinitiative aktiv). Der erste Ostermarsch mit dreißig bis vierzig Teilnehmern ging von der Landshuter Allee aber den Rotkreuzplatz zum Stiglmaierplatz.

Bereits im nächsten Jahr hatte sich die organisatorische Basis erheblich verbreitert. Durch die Mitarbeit der „Internationale der Kriegsdienstgegner“ IdK (heute DFG/VK) wurden weitere Bevölkerungskreise einbezogen, so die damalige „22er-Bewegung“. – Die Ostermarschbewegung wuchs trotz massiver Behinderungen in den folgenden Jahren ständig. Hauptinstrumente dieser Behinderungen waren einerseits Auflagen der Behörden, wodurch die Märsche oft aber menschenleere Straßen und Plätze geführt werden mussten; andererseits gab es Hetzkampagnen gegen namhafte Teilnehmer, denen man einfallslos, aber wirksam „Kommunismus“ vorwarf, was im Zeichen des „Kalten Krieges“ durchaus nicht leicht zunehmen war.

Ähnlich wie bei den Bewegungen gegen die Remilitarisierung der BRD 1952/55 und der Bewegung „Kampf dem Atomtod“ 1958/59 taten sich auch diesmal die Gewerkschaften schwer, eine klare Position zu den Ostermärschen zu finden. Weder der DGB noch die Einzelgewerkschaften konnten sich zu Aufrufen durchringen – wohl aber gab es eine Reihe von bekannten Gewerkschaftern, die sich mit an die Spitze der Bewegung setzten, so in München der Kollege Heinz Huber, ÖTV. Der damalige Münchner Kreisvorsitzende, Ludwig Koch, ehemaliger Verfolgter des Naziregimes, verteidigte damals wiederholt energisch diese Kollegen, die innerhalb wie außerhalb des DGB-Hauses massiven Angriffen rechter Kräfte ausgesetzt waren.

Organisatorisches Zentrum der Ostermärsche war über Jahre hinweg die Wohnung von Barbara und Claus Schreer. Prominenteste Redner auf den Schlusskundgebungen mit manchmal Tausenden von Teilnehmern waren in München im Alten Botanischen Garten, auf dem Jakobsplatz oder dem Königsplatz: Carl Amery, Werner Fuchs und Marianne Koch. Meist waren die Münchner Ostermärsche eintägig, nur 1964 ging es drei Tage zu einer Atomraketenstation bei Ingolstadt.

Der letzte Ostermarsch fand 1968 und in recht kleinem Kreise statt. Die Ostermarschbewegung ging auf in der breiten außerparlamentarischen Bewegung der späten 60er und frühen 70er Jahre. In der Rückschau muss man die Ostermärsche als die wichtigste Abrüstungsbewegung der 60er Jahre und als den Vorläufer der tiefgreifenden Reformbewegungen ab 1968/1969 sehen.

Seit drei Jahren ist diese Demonstrationsform unter neuen politischen Bedingungen, aber mit den alten, leider nach wie vor gültigen Zielen, wieder neu belebt worden.

F.K.


wir. Information für Münchner Gewerkschafter, hg. vom DGB-Kreis München 2/1984, 8.