Flusslandschaft 1956

Gedenken

„6. Juli: Auf Initiative der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Akademiker wird im Amerikahaus in München in einer Sondervorstellung der französische Dokumentarfilm ‚Nacht und Nebel’ gezeigt. Der von Alain Resnais gedrehte Film über die deutschen Konzentrationslager hatte in der Öffentlichkeit für Aufsehen gesorgt, weil das Auswärtige Amt Anfang April dessen Aufführung bei den Filmfestspielen von Cannes zu verhindern wusste. Der Andrang des Publikums ist so groß, dass trotz der drei Vorführungen keineswegs alle den Film sehen können. — ‚Das Entsetzlichste an diesem Film sind für einen Deutschen’, schreibt Erich Kuby über diese Vorstellung in der Zeitung ‚Die Kultur’, ‚nicht die Bilder vom Leiden und Sterben der Millionen. Das Entsetzlichste sind die Bilder jener deutschen Offiziere und Soldaten, die in tadelloser Uniform, wie Personifikationen des ‚Herrenmenschen’, elegant und lächelnd auf Leiden und Sterben herabschauen … Diese herrischen Bestien tragen auf den Bildern deutsche Uniformen. Gewiss, es sind meistens die Uniformen der SS. Aber auch die SS gehört in die Geschichte des deutschen Soldaten, das kann niemand bezweifeln. (Ein Generalfeldmarschall von Manstein identifiziert sich in seinem Buch „Verlorene Siege“ ausdrücklich mit den Kameraden von der SS.) Hat die Regierung dies bedacht, wollte sie deshalb den Film nicht gezeigt haben, weil sie diese Offiziere braucht? Zehn Jahre später. Nur zehn Jahre später!’“1 — Siehe „Gedenken“ 1957.

Am 8./9. September sind tausend ehemalige KZ-Häftlinge bei der Grundsteinlegung für ein Mahnmal auf dem Gelände des KZ Dachau anwesend.


1 Wolfgang Kraushaar, Die Protest-Chronik 1949 — 1959. Eine illustrierte Geschichte von Bewegung, Widerstand und Utopie. 4 Bde., Hamburg 1996, 1409 f.