Flusslandschaft 2005

AusländerInnen

„Am 4. April starb der 17jährige Schüler Marcel S., der in der Woche zuvor bei einem Übergriff in München schwer verletzt worden war. Ein aus der Gothic-Szene stammender 19jähriger hatte die Freundin von Marcel S. wegen ihres asiatischen Aussehens beleidigt, worauf sich der 17jährige vor die junge Frau stellte. Im Verlauf des Streits schlug ihn der 19jährige mit der Faust ins Gesicht. Der Schüler sei unglücklich auf einen Metallkasten gefallen und auf dem Boden liegend noch mehrfach vom Täter getreten worden, sagt die Polizei. Marcel S. starb an seinen schweren Hirnverletzungen. Der Täter wurde festgenommen. Nach einem Bericht der taz ist die Polizei der Meinung, die Belei-digung des asiatischen Mädchens sei Zufall gewesen. Ein Sprecher sagte: »Hätte sie eine zu große Nase gehabt, dann wäre sie vielleicht auch verspottet worden.« Josef Wilfling, der Leiter des Münchner Mordkommissariats, wertete die Tat als »nicht besonders intensiv und brutal«.“1

Die bayrische Staatsregierung will den muttersprachlichen Ergänzungsunterricht ab nächstem Jahr streichen. Der Ausländerbeirat sammelt etwa 30.000 Unterschriften, die gegen das Vorhaben protestieren. Es sei durch entsprechende Untersuchungen mehrfach bewiesen worden, dass Kinder von Migranten durch Erlernen und Identifikation mit der Sprache ihrer Eltern einen besseren Zu-gang zur deutschen Sprache finden. Trotz mehrfacher Anfragen, wann man die Unterschriften übergeben könne, antwortet das Kultusministerium nicht. Jetzt plant der Ausländerbeirat eine Demonstration am 12. Juli um 15 Uhr vor der Staatskanzlei, Franz-Josef-Strauß-Ring 1, unter dem Motto „Muttersprache ist Menschenrecht“.

Das neue Zuwanderungsgesetz belegt, dass die Bundesrepublik aus wirtschaftspolitischen und demographischen Erwägungen heraus ein erhöhtes Interesse daran hat, dass hochqualifizierte Migrantinnen und Migranten ins Land kommen. Da stören natürlich xenophobe, rassistische und rechtsextreme Worte und Taten, die weniger an den Wurzeln bekämpft, sondern durch die Image-produktion des Standortmarketings überlagert werden. Inwiefern Migrantinnen und Migranten vom schönen Schein geblendet, durch die nackte Realität enttäuscht werden und sich beschweren, ist noch festzustellen.

„Der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude bedauert im Vorwort eines Buches zur Geschich-te der Ausländerinnen und Ausländer der Stadt (‚Fremde Heimat‘, 2002) den tief wurzelnden Anti-slawismus und die unüberwindlich erscheinenden Ressentiments so vieler seiner bayrischen Landsleute Osteuropa gegenüber: die Münchner Polizei hingegen fährt, alten Traditionen anschei-
nend verpflichtet, fort, Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder Abstammung zu diskriminieren: anlässlich des Oktoberfests 2005 warnt sie vor Taschendieben, die ‚vor allem aus Osteuropa eigens zur Wiesn‘ anreisen, ‚um bei den Besuchern »Kasse zu machen«‘; auch die bayrische Boulevard-
presse gefällt sich in ihrer Rolle als Hüterin überholter Gepflogenheiten: in der Kriminalbericht-
erstattung wird die osteuropäische Herkunft Tatverdächtiger oder als unliebsam angesehener Gäste (‚… kriminelle Bettlergruppen aus Osteuropa …‘, ‚tz‘, München) immer wieder hervorgeho-ben, gerade so, als ob man ‚den Osteuropäer‘ an Äußerlichkeiten erkennen könnte.“2


1 Jungle World 15 vom 13. April 2005, 11.

2 Robert Schlickewitz, Sinti, Roma und Bayern. Kleine Chronik Bayerns und seiner „Zigeuner“, 2008, www.sintiromabayern.de/chronik.pdf, 177 f.

Überraschung

Jahr: 2005
Bereich: AusländerInnen