Flusslandschaft 1972

Lebensart

„Ich weiß nicht, wo ich heute Nacht schlafen kann.“ Günni sieht diese hagere Frau mit den großen Augen an. Einige Tische im Stop In sind schon leer. Er hat keine große Lust, heimzugehen. In der WG ist Zoff. Er erinnert sich: In der Pubertät hat er öfter davon geträumt, eine Frau zu retten. Zu Hause ist es jetzt kompliziert. Mona und Ferdl sind „beisammen“. Sie vögeln, dabei mögen sie sich nicht, sie sind in allen Fragen konträr. Max treibt sich irgendwo rum. Er wurde schon seit mehre-
ren Tagen nicht mehr gesehen. „Komm mit“, meint Günni, geht voraus, die Hagere folgt ihm. Im Flur der Agnesstraße brennt immer ein Licht, damit niemand stolpert, wenn in der Nacht jemand zum Kühlschrank will oder aufs Klo. Günni hat in seinem Gemach mehrere Matratzen auf dem Boden liegen, er besitzt quasi ein Doppelbett, in dem er schon über ein Jahr lang alleine liegt. Die hagere, blasse Frau betrachtet interessiert das Regal aus Ziegelsteinen und ungehobelten Brettern. So viele Bücher! Günni sieht sie in ihrem dünnen Kleidchen, zu dem die hochhackigen Stiefel nicht passen. „Willst Du lieber beim Fenster liegen?“ Sie nickt. Eigentlich will er sich noch die Zähne putzen, da fällt ihm auf, dass sie nichts dabei hat, keine Tasche, keine Geldbörse, nichts. Im Bade-
zimmer schruppt er sein Gebiß und schaut sich im Spiegel an, denkt sich, er müsse mal wieder seine Haare waschen. Dann sieht er die eingetrocknete Wasserflecken auf dem Glas, sieht die ver-
schiedenen Zahnbürsten, halb ausgequetschte Tuben, abgegriffene Sprayfläschchen, eine offene Packung mit Binden, Gertis Handtuch, sieht eine kleine Lache in der Badewanne. Wieder in sein Zimmer zurück: Die hagere Frau liegt auf der Fensterseite, auf dem Rücken, zugedeckt. Das Kleid liegt zerknüllt neben ihr, die Stiefel daneben. Sie schaut Günni fragend an. Er geht zur Truhe, holt ein Kissen und eine zweite Bettdecke, löscht das Licht, zieht den Bademantel aus und legt sich ebenfalls hin. Das Licht der Straßenlampe fällt ins Zimmer. Vorhänge gibt es in vielen WGs nicht. Er dreht sich zu ihr um, sieht ihre schmale Nase, zusammengepresste Lippen, ihre dünnen langen Haare, entdeckt auch kahle Stellen auf ihrer Kopfhaut, riecht so etwas wie Nudeln und kalte To-
matensoße. Er hat Glück, denkt er, dass sich nichts zwischen seinen Beinen rührt. „Gute Nacht“, sagt er und dreht sich auf die Seite. Wie so oft sind seine Träume schräg. Er rennt einen Gang entlang, an dessen Ende seine Mutter steht, die ihn vorwurfsvoll anblickt und meint: „Ich werde ihm alles sagen.“ Er fühlt sich hilflos, sprachlos, beschämt, verraten. Am nächsten Morgen ist das Bett neben ihm leer. Er torkelt im Bademantel in die Küche. Barb und die Hagere sitzen am Tisch, sind beide angezogen, es riecht nach Kaffee und Erdnußbutter. Er holt sich auch eine Tasse. Schließlich steht die Hagere auf: „Ich gehe jetzt.“ Allein zu zweit in der Küche räuspert sich Günni: „Es gibt nichts zu erzählen.“ Barb steht auch auf und geht. Er sieht, wie sie weint.

Überraschung

Jahr: 1972
Bereich: Lebensart