Flusslandschaft 1956

Internationales

- Algerien und Frankreich
- USA, Großbritannien, Frankreich, Israel und Ägypten
- Sowjetunion
- Ungarn


ALGERIEN und Frankreich

Am 11./12. Juli beschlagnahmt die Kripo Broschüren, in denen die Front de Libération Nationale (FLN) in deutscher Sprache zur Befreiung Algeriens aufruft.

USA, GROSSBRITANNIEN, FRANKREICH, ISRAEL und ÄGYPTEN

Der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser ist ein prominenter Befürworter der blockfreien Länder geworden. Im Juli ziehen die USA ihre Anleihe für den Assuan-Staudamm zurück, das zentrale Projekt zur Entwicklung der ägyptischen Landwirtschaft. Daraufhin verstaatlicht Nasser am 26. Juli den Sueskanal, an dem britische Banken und Unternehmen vierundvierzig Prozent der Anteile halten. Großbritannien und Frankreich sehen sich nun in ihren Einflußsphären gefährdet und massieren ihre Flotten im Mittelmeer für ein militärisches Eingreifen, um den „Mussolini vom Nil“, wie der britische Premier Anthony Eden Nasser nennt, zu stürzen. Das Vorhaben wird aber als zu unsicher abgeblasen. Schließlich kommt es zu geheimen Absprachen mit Israel, das eine Invasion starten soll, so dass Großbritannien und Frankreich als vermeintliche Friedensmächte intervenieren können. Die Europäer würden dann die israelischen und ägyptischen Armeen zum Rückzug auf die jeweilige Seite des Kanals bewegen und eine britisch-französische Interventions-
streitkraft am Kanal um Port Said stationieren. Am 29. Oktober beginnt Israel mit der Invasion des Gazastreifens und der Sinai-Halbinsel und stößt in Richtung des Kanals vor. Nasser weiß, dass die „Vermittlung“ Großbritanniens und Frankreichs interessegeleitet ist und lehnt die Besetzung von Sues, Ismailia und Port Said durch Engländer und Franzosen ab. Am 31. Oktober beginnen Groß-
britannien und Frankreich mit der Bombardierung ägyptischer Flughäfen und erobern mit Boden-
truppen die Kanalzone. Am 6. November kommt es zum Waffenstillstand.1 Im Gefolge der »Sues-Krise« übernehmen die USA die Rolle der Nummer eins im Nahen Osten, die bis dahin England gespielt hat.

SOWJETUNION

II. Weltkrieg: Ende 1942 kämpften etwa 150.000 Turkestaner, Kaukasier und Kosaken auf Seite der Deutschen. Vor allem Muslimen, die aus den asiatischen Teilrepubliken der Sowjetunion (SU) stammten, vertraute die Nazi-Führung im Kampf gegen die Sowjets. Ein „«Osttürkischer Waffen-
verband» bekämpfte unter dem Kommando der SS Partisanen in der Ukraine, Griechenland und Italien, und geriet in Verruf wegen seines Einsatzes bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstands 1944.“2 Im „NS-Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete“ war es vor allem der Turkologe Gerhard von Mende, der die Instrumentalisierung von Muslimen zur Zersetzungsstrate-
gie gegen die SU vorantrieb. Am 16. April 1946 wurde in München der Antibolschewistische Block der Nationen (ABN) gegründet. Wieder war Mende die zentrale Figur, die hier führende Vertreter der Ostemigration förderte und vernetzte. Das American Committee for Liberation from Bolshe-
vism
(Amcomlib) schuf das Radio Liberation, das größtenteils von der US-amerikanischen Central Intelligence Agency (CIA) finanziert in einem ehemaligen Flughafengebäude auf dem Münchner Oberwiesenfeld untergebracht war und seit 1. März 1953 vor allem in die SU sendet.3 Muslimische Aktivisten, die aus den zentralasiatischen Ländern stammten, sollten vor wie nach 1945 eine wich-
tige Rolle in der Niederringung der SU spielen: „Der ganz im Stil der fünfziger Jahre holzgetäfelte und mit Bierhumpen und Jagdtrophäen geschmückte Klubraum des Bayerischen Hofs in München war ein Ort, wo man ein leichtes Mahl einnahm, starkes bayrisches Bier trank und inmitten der geschäftigen Stadt ein bisschen Rustikalität genießen konnte. Auf dieser Bühne wurde im August 1956 ein Theaterstück der ganz anderen Art gegeben. Für die Dekoration waren Alex Melbardis und seine Kollegen vom Amcomlib verantwortlich; tagsüber behängten sie die Holzwände mit zentralasiatischen Teppichen und ersetzten die Bierkrüge durch Porzellanteller, die mit islami-
schen Motiven bemalt waren. Die Tische beluden sie mit exotischen Früchten. Sogar die Servietten passten, denn sie waren in Grün, der Farbe des Propheten. – Mindestens 45 Journalisten drängten sich im Raum, um die Show nicht zu verpassen. Gacaoglu begrüßte seine Gäste und stellte Garip Sultan als Mitglied seiner Gesellschaft vor … Sultan erzählte von seiner Pilgerfahrt nach Mekka in Begleitung von Gacaoglu und Veli Zunnun, seinem Radio-Liberty-Kollegen von der Usbekistan-Redaktion. Sultan schimpfte über die Sowjets, dass sie den Hadsch für Propagandazwecke miss-
brauchten. Er behauptete, die sowjetischen Mekkapilger seien Angestellte der Regierung, manche von ihnen sogar Spione. Dass Sultan in Wahrheit gar nicht zu Gacaoglus Gruppe gehörte und dass, umgekehrt, er selbst von Amcomlib bezahlt wurde, was ja wiederum eine Tarnorganisation der CIA war, konnte keiner der anwesenden Journalisten auch nur ahnen. Wie erwartet übermittelten sie die Propaganda weiter an die Öffentlichkeit. Die beiden wichtigsten Münchner Zeitungen druckten Artikel über den Hadsch … Amcomlib war mit Sultans Auftritt zufrieden. Robert F. Kelley, Amcom-
libs Leiter in Deutschland, lobte ihn wärmstens «für einen überragenden Beitrag im antibolsche-
wistischen Kampf», der «uns ein besseres Verständnis der kommunistischen Bedrohung im Nahen Osten vermittelt».“4

UNGARN

Am 6. November findet eine Gedenkdemonstration für die Opfer des ungarischen Volksaufstands statt.5 Auf einer Kundgebung der Internationale der Kriegsdienstgegner (IdK) wird am 30. No-
vember sowohl gegen den Einmarsch der Sowjetunion in Ungarn wie gegen das militärische Vorge-
hen Frankreichs, Großbritanniens und Israels gegen Ägypten protestiert. – „Anlässlich der Sues-
Krise im Herbst 1956, als die Sowjetunion die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit für die mili-
tärische Intervention Frankreichs, Großbritanniens und Israels in Ägypten ausnützte, um in Un-
garn einzumarschieren, beteiligte ich mich an einer Demonstration von Studenten, die mit Trans-
parenten vor dem englischen Konsulat in der Akademiestraße 7 – 9 standen. Die Einsatzleitung der Polizei diskutierte mit uns. Man könne sich doch vernünftig einigen und zu einer friedlichen Lö-
sung kommen. Wir könnten, bevor wir gehen, unsere Schilder und Transparente am Konsulat be-
festigen. Im Weggehen sah ich aber, wie die Polizei die Schilder einsammelte und wegfuhr. Das empfand ich, der ich mich als loyaler Bürger fühlte, als Vertrauensbruch; das hat mich getroffen.“6

In einer Erklärung zur ungarischen Revolution, die in der in München erscheinenden Zeitschrift Die Kultur im Dezember erscheint, heißt es: „1. Das geistige Europa erklärt sich mit dem Freiheits-
kampf der ungarischen Jugend, der Studenten und Arbeiter und nicht zuletzt der Schriftsteller, Künstler und Wissenschaftler gegen ihre Unterdrücker solidarisch. 2. Das geistige Europa prote-
stiert gegen die brutale Vergewaltigung Ungarns durch die sowjetische Militärmacht. 3. Das gei-
stige Europa verurteilt selbstverständlich jede gewaltsame Aggression, wie wir sie in diesen Tagen von England und Frankreich in Ägypten erlebten, und jede Anwendung von totalitärem Terror.“7 Unterzeichnet haben diese Erklärung Schriftsteller aus dem Umkreis der Gruppe 47 sowie Albert Camus, Otto Dix, Hermann Hesse, Arthur Koestler, Pablo Picasso, Bertrand Russell und Jean-Paul Sartre. Alfred Andersch distanziert sich von diesem Aufruf: „Wer nicht bereit ist, gegen Globke zu protestieren, hat nicht das Recht, Molotov zu verurteilen.“8

(zuletzt geändert am 22.2.2026)


1 Siehe auch „Bundeswehr“.

2 Ian Johnson, Die vierte Moschee. Nazis, CIA und der islamische Fundamentalismus, Stuttgart 2011, 30.

3 Nicht zu verwechseln mit dem Radio Free Europe in der Oettingenstraße am Englischen Garten, das seit dem 1. Mai 1951 in erster Linie in die Staaten hinter dem sogenannten Eisernen Vorhang sendet.

4 Johnson, a.a.O., 117 f. — Siehe auch «Die Trinkgelder der roten Pilger in Mekka» im Münchner Merkur vom 13. August 1956, 3 und «Sowjetunion und Islam», Süddeutsche Zeitung vom 13. August 1956, 5.

5 Vgl. Süddeutsche Zeitung 267/1956.

6 Konrad Kittl am 21. April 2009.

7 Zitiert nach Reinhard Lettau (Hg.), Die Gruppe 47, Neuwied/Berlin 1967, 450 f.

8 Alfred Andersch, Die Blindheit des Kunstwerks, Frankfurt am Main 1965, 18.