Materialien 1975

Was macht er falsch, wo eckt er an?

Was hat ein Lehrer verdient, der sich gut anpaßt, bereit ist, sich unterzuordnen und für Belehrun-
gen und Anregungen dankbar ist?

Nun, eine gute Note im Lehrerbeurteilungsbogen, die seine Beförderung beschleunigt. Ein Kollege aber, der alles besser wissen will, ungern Belehrungen annimmt und sogar aufsässig ist, verdient keine Beförderung, erhält mithin eine schlechte Note.

Damit aber niemand über einen Fünfer traurig ist, hat er die Wortbedeutung „entspricht voll den Anforderungen“.

Seit Oktober 1973 müssen sich die bayrischen Lehrer nach diesen Kriterien beurteilen lassen. Allerdings besteht kein Grund zur Beunruhigung, die Notendurchschnitte der einzelnen Schulen und die prozentuale Verteilung der Notenstufen eins bis sieben legte das Kultusministerium bereits fest: 70% aller Lehrer sollen die Noten vier bis sechs erhalten und auf ihre Beförderung noch etwas warten (was dem Finanzminister nur recht sein kann).

Da erhält an einem Münchner Gymnasium ein Religionslehrer folgende Beurteilung: „Das betont freundschaftlich-kameradschaftliche Verhältnis zu seinen Schülern verführt ihn gelegentlich dazu, die äußere Ordnung im Klassenzimmer und die Disziplin im Unterricht zu sehr zu vernachlässigen … Seine wissenschaftliche Befähigung ist überdurchschnittlich, seine erzieherische Wirksamkeit zu schwach.“

Unter der Rubrik „ergänzende Bemerkungen“ steht: „Der Lehrer hat vor allem in den letzten Mo-
naten durch eine Reihe von Aktionen versucht, bewußt Unfrieden im Hause zu stiften. Neulich hat er mit zwei Gesinnungsgenossen demonstrativ eine Personalversammlung verlassen, wodurch auch äußerlich seine Isolierung im Hause sichtbar wurde.“

Wer sich so benimmt und nicht einmal im Klassenzimmer Zucht und Ordnung herzustellen ver-
mag, muß es sich gefallen lassen, daß er eine sechs bekommt, was aussagt, daß er „noch den An-
forderungen entspricht“.

Der pädagogische Wert solcher Lehrernoten darf nicht unterschätzt werden: Der Kollege wird sich durch diesen Rüffel vielleicht ändern und besser in die Gemeinschaft einfügen.

Ein Mathematiklehrer wird beurteilt: „Es gelingt ihm durch sein pädagogisches Geschick, das Interesse der Schüler an der Mathematik zu wecken und auf diese Weise deutlich sichtbare Unterrichtserfolge zu verbuchen … Seine pädagogische Befähigung ist überdurchschnittlich. Der Umgang mit der Jugend macht ihm Freude. Es gelingt ihm leicht, zu den Schülern Kontakt zu finden und deren Vertrauen zu gewinnen.“

Dieses Musterexemplar von Lehrer erhält die Note fünf. Was macht er falsch, wo eckt er an?

Natürlich: „Es ist zu bedauern, daß dieses gute Verhältnis zu Kollegium und Schulleitung durch seine allzu eifrige Werbetätigkeit im Lehrerzimmer für einen politisch nicht neutralen Berufs-
verband dann und wann gestört wird.“

Der Mathematiker wird doch nicht etwa für den CSU-nahen Philologenverband werben? Der Wahrheit näher kommt die Vermutung, daß er in der ungeliebten Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ist, denn am Münchner Luitpold-Gymnasium zB. erhielten alle 5 GEW-Lehrer Noten von fünf abwärts.

Politische Disziplinierung durch Noten ist unauffälliger als spektakuläres Berufsverbot und kaum nachweisbar. Und nicht zuletzt sehr wirksam.

m. w.

:::

Die Benotungskriterien sind zu finden in: KM-Amtsblatt B 1234 A, Nr. ,13, Hg. Bayer. Staatsmi-
nister für Unterricht u. Kultus, S. 756 – 757, hier nach: Bayern, ein Rechtsstaat, rororo aktuell 1820, S. 51.


kontrast. das magazin der jugend 6 vom Dezember 1975, München, 4.

Überraschung

Jahr: 1975
Bereich: SchülerInnen