Materialien 1959
In der Wirtschaft zur Seerose …
trifft sich, was vom alten Wahnmoching übriggeblieben ist. Mit dem Bier spült man Verbitterung, Demütigung, ach so viel Anpassung hinunter, und schlecht gemimt ist der Stolz, der Blick des frei-
schaffenden Mannes unter der alten Baskenmütze. Man erinnert sich und blickt in das Grab. Die Groschenwirte haben ihre Lokale an fixe Herren verpachtet, die am Abend die Kulisse von Mont-
martre für Mark und Dollar verkaufen. Man drängt sich in künstlich geschaffene Dunkelheit. Man drängt sich aneinander. Man drängt sich wozu? Junge und alte Bürger kommen in ihren Automo-
bilen gefahren und suchen die Unbürgerlichkeit auf die allerbürgerlichste Weise. Man trifft keine Dichter in den Schwabinger Nachtlokalen. Am ehesten trifft man sie noch auf dem Schwabinger Boulevard, auf der einst pappelbewachsenen Leopoldstraße. Bele-Bachem-Stühle in den Sonnen-
augenblicken vor den italienischen Cafés. Man genießt die Einsamkeit in der Menge. Hausfrauen und Schulmädchen. Bärtige Maler, die Pinsel und Farbe hassen. Eisessende Jünglinge mit hohlen Lockenköpfen. Die kleinen und großen und immer grellen Automobile einer bundesdeutschen Jeunesse dorée, die in München studiert, die alten Fremdenpensionen bereichert und mit hohem Wechsel die Jahre ihrer Liederlichkeit verbringt, bevor sie sich den Geschäften und den Familien-
interessen zuwendet …
Wolfgang Koeppen
Wolfgang Koeppen, München oder Die bürgerlichen Saturnalien in: Jahresring 59/60. Beiträge zur deutschen Literatur und Kunst der Gegenwart, Stuttgart 1959, 131.