Materialien 1962

Die Polizei ließ die Gummiknüppel sprechen

Über die sogenannten Schwabinger Krawalle vom Juni 1962 und deren Anlässe werden jetzt man-
cherlei Verharmlosungen, Mutmaßungen und Verdrehungen veröffentlicht – vorwiegend aus Ar-
chivmaterial.

Es hatte sich herumgesprochen, dass jemand gewagt hatte, seine Füß am Wasser des Brunnens auf dem Wedekindplatz zu kühlen und daß dort jemand von der Polizei aufgefordert wurde, sein leises Gitarrenspiel zu beenden. Am Abend des folgenden Tages wurde das freundliche Unterfangen be-
grüßt, an der Ecke Leopold-/Martiusstraße dem allzu lauten Straßenverkehr durch etwas Gitar-
renspiel zuwiderzuhandeln. Die Trotzhaltung der sich dort Versammelnden gegenüber der pflicht-
gemäß wieder aufkreuzenden Polizei zeigte an: Wir solidarisieren uns mit den Gitarristen und wir halten die Anwesenheit uniformierter Polizisten höchstens zur Gewährleistung des Straßenverkehr für gerechtfertigt.

Am folgenden Abend eskalierten die Vorgänge durch die zunächst ganz friedliche Behinderung des Autoverkehrs auf der damals noch von der Trambahn befahrenen Leopoldstraße. Die Gründe dafür lagen in der Divergenz zwischen der städtischen Propagierung Schwabings als Künstler- und Stu-
dentenviertel (zumal seit dem Stadtjubiläum von 1958) und der Ausweitung des Durchgangsver-
kehrs. Die Leopoldstraße wurde zum Autobahnzubringer. Es gab noch keine Ringstraßen, und die Innenstadt konnte durchweg von Lastwagen und Pkw befahren werden. Die Zunahme des Ver-
kehrs auf der Leopoldstraße störte die sommerlichen Gäste der Straßencafés – nicht nur die Stu-
denten und Künstler. Die Trottoirs sollten verschmälert werden zugunsten der Fahrbahn.

Der Protest gegen den Autoverkehr bedeutete: das ist unsere Straße, das ist der Boulevard unseres Stadtviertels, wir sind kein Autobahnzubringer und kein Hauptabfluß des innerstädtischen Ver-
kehrs in Richtung Norden, die Trottoirs mit ihren alten Pappeln müssen so breit bleiben wie bis-
her. Der seit 1960 amtierende, damals 36jährige Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel schien für diese Anliegen kaum Verständnis zu haben. Statt dessen war seine Stimme vom Lautsprecher des Polizei-Kommandowagens (südlich der Martiusstraße postiert) mit der dreimaligen „Ankündigung der unmittelbaren Anwendung körperlicher Gewalt“ zu vernehmen. Die Straße sollte unverzüglich freigemacht werden.

Mir selber widerfuhr es an einem dieser Abende selber in diesem Sinne. Ich kaufte mir gerade an der Theke des „Rialto“ ein Eis, als Polizei hereinstürmte, um das Lokal zu räumen. Ich rettete mich hinter eine Gruppe von Mülltonnen auf einem Grundstück der gegenüberliegenden Straßenseite, wurde dort aber sofort von der bis in die letzten Winkel von oben her mit Gummiknüppel operie-
renden berittenen Polizei vertrieben. Ein Bekannter wurde in ähnlicher Weise aus dem „Schwabin-
ger Nest“ verwiesen und an einer Polizeikette entlang getrieben, die sich an der „Gaststätte Leo-
pold“ aufgestellt hatte, um dort das alte Spiel des „Spießrutenlaufens“ mit Hilfe ihrer Gummi-
knüppel und Fußspitzen zu exemplifizieren.

Heute wird von den Gästen und Flaneuren der Leopoldstraße ein gewaltiges Verkehrsvolumen, das sich damals niemand vorzustellen vermochte, geradezu widerstandslos ertragen: aus Gewöhnung. Zum Ausgleich ist längst das damals streng verbotene Betreten der Rasen- und Wiesenflächen im benachbarten Englischen Garten erlaubt.

Reinhard Müller-Mehlis
Johann-von-Werth-Straße 1
8000 München 19


Münchner Stadtanzeiger vom 20. August 1992, 8.

Überraschung

Jahr: 1962
Bereich: Militanz