Materialien 1964

Herunter mit den Preisen!

Münchner DGB-Gewerkschaften protestieren gegen Preisschraube

Am 14. März versammelten sich Tausende von Mitgliedern der DGB-Gewerkschaften auf dem Münchner Königsplatz zu einer Kundgebung gegen die unaufhörliche Preissteigerung. DGB-Landesbezirksvorsitzender Kollege Ludwig Linsert ging, immer wieder von Beifallstürmen der Kundgebungsteilnehmer unterbrochen, mit der Bundesregierung und den von ihr tolerierten Preistreibern in der deutschen Wirtschaft gehörig ins Gericht. Die mühsam erreichten Lohn- und Gehaltserhöhungen des Jahres 1983 seien von den gesteigerten Lebenshaltungskosten vollkommen aufgezehrt worden. Die Arbeitnehmerschaft sei um ihren Anteil am gestiegenen Sozialprodukt so gut wie betrogen worden. Kartelle, Monopole und Preisabsprachen, denen die Bundesregierung ruhig zusehe, verhinderten einen echten Wettbewerb und die Löhne und Gehälter blieben ständig hinter der Produktivität zurück. Die Bundesregierung richte zu Unrecht ihre Maßhalteparolen nur an die Gewerkschaften und an die Arbeitnehmer, ohne selbst im eigenen Bereich an ein sinnvolles Sparen zu denken und ohne insbesondere der Maßlosigkeit der Arbeitgeber in der Preissteigerung die notwendigen Zügel anzulegen. Die bundesdeutsche Preis- und Währungspolitik habe besonders seit der Kanzlerschaft Prof. Erhards zu unverantwortlichen Auswüchsen geführt. Im Staatssäckel, zu dem der Arbeitnehmer einen ständig wachsenden Beitrag liefere, befände sich weit mehr, als ihm auf Grund des Wachstums unseres Sozialprodukts zustehe. Trotzdem vernachlässige der Staat zahlreiche Gemeinschaftsaufgaben auf dem sozialen -, dem sanitären – und Gesundheitssektor. „Angesichts der wahren Ursachen des dauernden Preisauftriebs und der rücksichtslosen Ausnützung der Marktsituation durch alle jene, die am Markt beteiligt sind, haben wir die Moralpredigten gegenüber den kleinen Leuten einfach satt“, rief der Redner aus.

Die Einsparungen der Industrie durch Rationalisierung seien den Verbrauchern bis heute nicht im geringsten zugute gekommen. Es gebe immer noch Waren, die auf dem zu langen Weg vom Erzeuger zum Verbraucher um 100 Prozent teuerer werden. Die EWG-Politik der Bundesregierung verantworte, dass es zunehmend zum Zusammenschluss der Industriegiganten, der Finanzmächte und der grünen Front komme, wodurch dem deutschen Verbraucher bisher nur Nachteile entstanden seien. Die Bundesregierung gehe in der Preis- und Währungsstabilisierung nicht mit gutem Beispiel voran, sie habe insbesondere durch die Liberalisierung des Wohnungsmarkts zu einem um Jahre verfrühten Zeitpunkt einen maßlosen Mietwucher und einer noch nie dagewesenen Bodenspekulation Tür und Tor geöffnet. Vervollständigt werde die unsoziale Tatenlosigkeit der Bundesregierung durch ihre arbeitnehmerfeindliche Sozialpolitik, deren Visitenkarte besonders das „Sozialpaket“ des Bundesministers Blank sei.

Linsert schonte angesichts des schwachen Besuches der Kundgebung aber auch die Gleichgültigkeit eines sehr großen Teiles der Arbeitnehmerschaft, vor allem der Unorganisierten, nicht. „ Wir Gewerkschafter haben es satt, für die Unorganisierten eine Art Urlaubshilfe auf Dauer zu sein. “ Der politischen und gewerkschaftlichen Interesselosigkeit vieler Arbeitnehmer sei es zuzuschreiben, dass sich das Märchen von der „Lohn-Preis-Spirale“ bis heute halbe halten können.

In einem kilometerlangen Demonstrationszug mit vielen drastischen Transparenten formierte sich anschließend ein Demonstrationszug durch die Innenstadt.


Münchner Ausblick. Mitteilungen der Gewerkschaft Handel – Banken – Versicherungen HBV, Ov. München 4 vom April 1964, 1.