Materialien 1981

Die Idylle weicht dem Geld

Wie Haidhausen durch Sanierung sein Gesicht verändert

Rosa Mendler ist 76 Jahre alt. Die letzten 42 davon verbrachte sie in der Ismaninger Straße. Sie hat hart gearbeitet und sparsam gelebt. Ihr „Sach“ hat sie zusammengehalten, „weil man ja nie weiß, was kommt“. Im Juli vergangenen Jahres kam der Hausbesitzer mit noch einem Herrn zu ihr. Er sagte: „Grüß Gott, Frau Mendler. Das ist ein Architekt. Wir müssen nämlich sanieren.“

Zwei Tage später waren die Handwerker da. Die sperrten erst den Strom und rissen dann eine Wand heraus. Die alte Frau Mendler nahm einstweilen Zuflucht bei der Arbeiterwohlfahrt, wo sie 18 Mark für Übernachtung und Frühstück bezahlte. Der Hausbesitzer fand das prima und war sehr freundlich: „Sie können wiederkommen, wenn alles vorbei ist.“ Vorbei war alles nach sechs Mona-
ten, und das Haus von oben bis unten renoviert. Frau Mendler kam zurück und erkannte ihre Wohnung nicht mehr. Der Grundriß war geändert, die ursprünglich 68 Quadratmeter waren auf 55 geschrumpft. Dafür stieg aber die Miete von 300 auf 800 Mark. Vor Aufregung hat Frau Mendler 15 Pfund abgenommen. Sie sagt: „Als alleinstehende alte Frau ist man verratzt.“ Zum erstenmal in ihrem Leben nahm sie sich einen Rechtsanwalt.

Haydar Duman ist 50 Jahre alt. Er stammt aus Malatya, einer Stadt in der Osttürkei. 1970 kam er nach Haidhausen. Das war die Zeit, „als Ausländer noch gebraucht wurden, als es mehr Arbeit gab als Arbeiter“, wie er sagt. Damals bekam er eine Stelle in einer Gießerei. Heute ist er arbeitslos, hat aber sechs Kinder, von denen vier in München geboren wurden. Haydar Duman und seiner Familie hat die Baugesellschaft „Baysa" die Drei-Zimmer-Wohnung gekündigt. Denn sie will das Anwesen Pariser Straße 33 renovieren und dann mit Eigentumswohnungen das große Geschäft machen. Da-
zu muß das Haus aber erst einmal „entmietet“ werden, wie der Fachausdruck heißt. Duman und die anderen 53 ausländischen Bewohner wehren sich noch gegen den Hinauswurf. Viel Hoffnung haben sie nicht. Das Wohnungsamt will sich erst um Ersatzwohnungen kümmern, wenn über die Räumungsklage entschieden worden ist. Haydar Duman befürchtet: „Die schicken uns ins Obdach-
losen-Asyl.“

Ausländer und alte Menschen sind besonders betroffen, seit die „Weltstadt mit Herz“ daranging, den Stadtteil Haidhausen total umzumodeln. 1976 beschloß der Stadtrat, den Kern des Viertels als Sanierungsgebiet auszuweisen. Zu diesem Zeitpunkt gab es in rund der Hälfte der Wohnungen kein Bad und kein Warmwasser. Nur ein Fünftel hatte Zentralheizung. Die Hauseigentürner, meist im hohen Rentenalter und mit geringem Einkommen, konnten das Geld für Renovierungen nicht aufbringen. Die Häuser vergammelten, die Fassaden bröckelten, Treppenhäuser verfielen. Die Folge: Wer es sich leisten konnte, zog weg von Haidhausen. Zurück blieben vor allem die Alten, die meistens auch arm waren. Den Rest des billigen Wohnraumes nutzten Ausländer und Jugendliche, die auch nicht gerade zu den Reichen zählen.

Ziel der Sanierung war es denn auch, den Stadtteil wieder attraktiv zu machen für einkommens-
starke Steuerzahler. Gleichzeitig aber sollte die eingesessene Bevölkerungsstruktur erhalten blei-
ben. „Ein Widerspruch, der in Haidhausen auf Kosten der wirtschaftlich Schwachen gelöst wird“, sagt Friedel Maciej von der Mieterinitiative Haidhausen. Dafür sorgen Spekulanten und andere Geschäftemacher, die Häuser erwerben, mit großem Aufwand sanieren oder gar abreißen und so immer mehr alteingesessene Mieter vertreiben. Durch die Umwandlung von Wohnraum in Eigentumswohnungen vor allem. In einem Prospekt erklärt die Firma „Haupt und Höcherl“, weshalb sich das rentiert: „Wohnungsmangel ist in kaum einer anderen Stadt mehr ausgeprägt als in München. Immobilien-Investitionen können daher keine Fehlinvestition sein.“

Mit den alten Mietern weichen kleine Betriebe, die auf die ursprüngliche Struktur Haidhausens angewiesen waren. „Ich bin auch ein Sanierungsopfer“, klagt Hans-Jürgen Kritschil, Inhaber einer Kohlenhandlung am Johannisplatz. Seit 60 Jahren gibt es das Geschäft. Doch seit die Häuser immer komfortabler werden, ist für einen kleinen Kohlenhändler nicht mehr viel zu verdienen. „Weil die Öfen immer weniger werden“, sagt Kritschil. Jetzt hat ihm die Stadt auch noch den Pachtvertrag gekündigt. Wenn der Mann mit dem Koks abgesiedelt ist, brechen schwere Zeiten für viele alten Menschen an, denen Kritschil bisher „die paar Zentner oder Kilo rauf in die Kohlenkis-
te“ trug. Der Haidhauser Kohlenmann: „Ein großer Händler macht so was doch nie.“

Auch für „den Blindhammer“, ein Hut- und Hemden-Fachgeschäft am Wiener Platz „ist es wohl bald aus“, glaubt Inhaberin Gertrud Dreisörner. Bevor die S-Bahn vom Ostbahnhof zur Stadtmitte gebaut wurde, ging der Laden noch einigermaßen. Da führten noch drei Trambahnlinien am Haus vorbei, heute nur noch eine. „Jetzt fahren die Leut’ gleich durch bis zum Marienplatz“, klagt Frau Dreisörner. Für die Zukunft sieht sie schwarz: „Hier kommt bestimmt bald eine Bank rein.“ Das wäre dann das Ende des traditionsreichen Geschäftes, das Josef Blindhammer, der Großvater von Frau Dreisörner, vor 95 Jahren gründete. Das war die Zeit, als Haidhausen gerade seinen ersten Boom erlebte. Zuvor war die Entwicklung des Stadtteils eher geruhsarn verlaufen.

Als Haidhausen im Jahr 808 zum erstenmal in einem Dokument erwähnt wurde, existierten nur ein paar Häuser in der Nähe der heutigen Kirchenstraße. Im Mittelalter sorgten vor allem Bauern, die der Leibeigenschaft auf dem Land entgehen wollten, für Zuzug. Sie fanden teilweise Arbeit in den Ziegeleien, mit deren Produkten die Münchner Stadtbefestigungen und die Frauenkirche erbaut wurden. 1848 kam Haidhausen zu München. 23 Jahre später, nämlich 1871, löste der deutsche Sieg über Frankreich auch in München einen wirtschaftlichen Aufschwung aus. In Haidhausen entstand das sogenannte Franzosenviertel, zwischen Ostbahnhof und Preysingstraße. Straßennamen wie Belfortstraße, Sedanstraße oder Breisacherstraße erinnern noch heute an die Metzeleien von damals. Walter Heerde, Autor einer Haidhausen-Historie, über das in der geld- und profithungrigen Gründerzeit entstandene Viertel: „Zu enge Parallel-Straßen mit wenig an-
sprechenden Mietskasernen, eng bebaute, lichtarme Höfe mit zahlreichen hohen Hinterhäusern kennzeichnen den Charakter des Viertels, das nur für die ärmere Bevölkerung gedacht war.“

Da wird jetzt Platz gemacht für Wohlhabende. Zur Zeit befindet sich Haidhausen in einem Schwe-
bezustand zwischen Nostalgie und Abbruch, der besonders Kapitalanleger lockt mit der Aussicht auf eine Idylle mit Komfort. Eine Immobilienfirma drückt das in Zeitungsanzeigen so aus: „Alte Bürgerhäuser mit herrlichen Fassaden, reizvolle Innenhöfe, kleine Lokale, bekannte und unbe-
kannte Vorstadt-Theater, Tante-Emma-Läden, Boutiquen und exklusive Modegeschäfte sind die Kontraste, die typisch für Haidhausen sind.“

Und wirklich: Diese Mixtur bietet viel. Wem die Antiquitäten-Läden am Wiener Platz zu teuer sind, der kann jeden Samstag auf dem Trödelmarkt an der Kirchenstraße in Altwaren wühlen. Wer die Punkszene in der Gaststätte „Größenwahn“ ablehnt, dem bietet sich gleich gegenüber die „Lothrin-
ger Bierhalle“ an, wo die griechische Wirtin Tula Zaiziki und Mousaka reicht. Im Winter öffnet sie einen zusätzlichen Raum, in dem dann eine der zehn Münchner „Wärmestuben“ eingerichtet wird. Im Sommer empfehlen sich der Hofbräukeller und der Huterer am Wiener Platz mit ihren Biergär-
ten. Für das leibliche Wohl der Alternativ-Szene sorgen Naturkost-Läden wie die „Windmühle“ am Johannisplatz. Im „Blauen Engel“ in der Wolfgangstraße bieten zwei Brasilianerinnen exotischen Sex auf Biertischen. Als Begleitung läßt der Wirt Reden des CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß vom Tonband erschallen. „Wir sind schließlich“, sagt er, „ein echt bayrisches Lokal.“ Zwei Buch-
läden haben sich vor kurzem niedergelassen. Es sind die ersten in Haidhausen. Der „Tramplpfad“ in der Elsässer Straße hat sich hauptsächlich auf Werke der Ökologie und Naturheilkunde speziali-
siert, während es der „Haidhauser Buchladen“ in der Weißenburger Straße mehr mit der gängigen Belletristik hält. Das Theater im Weinhaus über dem Landtag, das Theater rechts der Isar und die „Fabrik“ in der Lothringer Straße, wo das Kulturreferat für Ausstellungen internationaler Künstler sorgt, haben zusammen mit den vielen Musik-Kneipen für Haidhausens Ruf als neues Künstler-
viertel gesorgt, obwohl es hier schon immer Künstler gab, wenn auch nicht so viele wie einst in Schwabing. Sogar Karl Valentin wohnte einst in der Sckellstraße 1. Nach dem Elfenbeinschnitzer Simon Troger wurde eine Strasse benannt ebenso wie nach Eduard Ritter von Grützner, der im 19. Jahrhundert ein gefeierter Gesellschaftsmaler war. Und der Komponist Max Reger, einstmals wohnhaft in der Wörthstraße 35, III. Stock, war von 1901 bis 1907 Organist in der katholischen Pfarrkirche St. Johann Baptist. ln Haidhausen gibt’s auch eine evangelische Johannis-Kirche, an der Preysingstraße. Deren Pfarrer Klaus Stüwe sieht Haidhausens Gegenwart so: „Ein bißchen schick, ein bißchen g’schlampert.“ Und die Zukunft: „Ganz ausgekachelt, klinisch rein, schön zum Anschauen, aber tot.“

Auf diesen Endzustand arbeitet so mancher honorige Münchner Bürger hin. Wie Willi Otto Hoff-
mann, Präsident des FC Bayern. Der hat 1977 das Haus Lothringer Straße 9 samt Rückgebäude erworben. Jetzt beantragte er bei der Stadt den Abbruch des Gebäudes, um einen komfortablen Neubau hochzuziehen. Rund 30 Mietparteien sind davon betroffen. Darunter auch die 76jährige Regina Weber, die zur Zeit 500 Mark Rente hat und „große Angst, hier raus zu müssen“.

Für den Bayern-Präsidenten entpuppt sich das als eine Art Heimspiel: Der für die Abbruchgeneh-
migung zuständige Beamte im Planungsreferat ist ein gewisser Ernst Knösel, seines Zeichens Bayern-Mitglied und Präsident des Bayerischen Fußballverbandes.

Tyll Schönemann


Stern 24/1981, M/1 ff.

Überraschung

Jahr: 1981
Bereich: Stadtviertel