Materialien 1981

Das Geschäft mit dem Lärm in Riem

Hinter den Protesten gegen den Flughafen stecken auch Spekulanten

Wenn die Tagesschau beginnt, leidet Ludger Abeln am meisten. „Du kannst wegen dem Jetgeheul von Köpcke kein Wort verstehen.“ Der bei der Stadt angestellte Programmierer wohnt mit Frau und Tochter direkt in der Einflugschneise des Flughafens Riem. Allerdings hat er sich diesen Wohnplatz selbst ausgesucht. 1967 kaufte der Oldenburger das Reihenhäuschen zu 150.000 Mark in der Solalindenstraße in Trudering äußerst preiswert. Er sah die Flugzeuge, hörte den Lärm und glaubte trotzdem: „Das wird wohl nicht so schlimm mit dem Krach.“ Jetzt will er dem „Schutz- und Interessenverband der durch den Fluglärm Geschädigten“ beitreten und protestiert kräftig: „Der Flughafen muß weg.“

Der Flughafen war vor den meisten Protestierern da. Mitte der dreißiger Jahre gab das Reichsluft-
fahrtministerium die Baugenehmigung für den Airport in der damals öden Acker- und Wiesen-
landschaft von Riem. 1958 verlängerte die Flughafen München GmbH die Start- und Landebahn um 700 Meter, um der neuen Generation der Jets gerecht zu werden. Danach brach der internatio-
nale Luftverkehrsboom voll über Riem herein. 1960 landeten und starteten wöchentlich 66 Jets, zehn Jahre später bereits 1.150 und 1980 schließlich 1.570. Der Lärm wuchs entsprechend. Den-
noch rückten Häusle-Bauer und Spekulanten dem Flughafen immer näher.

Allein in den Jahren von 1965 bis 1969, also vor der offiziellen Entscheidung für einen Flugha-
fenneubau zwischen den Städten Erding und Freising, siedelten sich in Trudering, Riem und Berg am Laim 4.000 Neubewohner an. Den größten Strom aber dirigierten die Stadtväter selbst und die „Neue Heimat“ durch den Bau der Trabantenstadt Neuperlach in die Lärmzonen. 60.000 Bürger sollen dort siedeln, wenn alles fertig ist. „Mir kommt“, sagt Rechtsanwalt Hans Christian Kopf, der seit Jahren für Bewohner und Gemeinden zwischen Freising und Erding gegen den Flughafenneu-
bau zu Felde zieht, „das ganze Kriegsgeschrei gegen den Lärm von Riem wie pure Heuchelei vor, nach dem Rezept: erst wegen Lärm billig kaufen, dann trotz Lärm siedeln, schießlich den Lärm anderen zuschieben und am Schluß satte Gewinne einschieben.“

„Wir dachten alle, wenn Perlach steht, ist Riem weg“, beteuert der SPD-Stadtrat Horst Salzmann. Im Rathausplenum hat Salzmann nach dem Flugzeugunglück an der Paulskirche für „Riem muß weg“ gestimmt (1960 waren dort beim Absturz eines amerikanischen Verkehrsflugzeugs 52 Men-
schen ums Leben gekommen). Vor neun Jahren erstand er ein Haus in der Mädelegabelstraße. Salzmann: „Da, wo man bei den landenden Maschinen schon die Nieten zählen kann.“ Auch Man-
datsträger der anderen Rathausparteien wie Hans Podiuk von der CSU handelten sich Immobilien ein. Die Wohnungsbaugesellschaft DEBA hatte damals keine Probleme, 155 Wohneinheiten in der neuen Mädelegabelsiedlung gewinnträchtig an den Mann zu bringen. 200.000 bis 250.000 Mark kostete damals ein Haus. Die guten Verkehrsverbindungen zur City, die grüne Lage und der dörf-
liche Charakter von Trudering lockten – trotz Lärm. Die städtische Lokalbaukommission und das Umweltschutzministerium behinderten die Zuzugswelle nicht. Erst das neue Lärmschutzgesetz von 1974 störte den Bauboom im Münchner Osten etwas. Seitdem ist eigentlich die startbahnnahe Lärmschutzzone I für den Wohnungsbau offiziell tabu; wer aber auf seinem alten Baurecht besteht, darf bauen. Gegen den Kauf von Grundstücken ist ohnehin nichts einzuwenden. In der weiter entfernten Schutzzone II kann offiziell nur „ausnahmsweise“ – „zur Füllung von Baulücken“ – ein Wohnhaus zugelassen werden.

Es gibt aber viele Baulücken. Allein in den letzten drei ]ahren siedelten sich 2.500 neue Bürger in den Stadtbezirken 30, 31 und 32 an. Neubauten entstanden beispielsweise in der Baiuwarenstraße in Trudering, in der Feldberg- und der Zehntfeldstraße. Auch die Neue Heimat baut weiter munter in den Lärm hinein. Bebauungspläne für 150 neue Reihenhäuser im Hugo-Lang-Bogen liegen längst vor. In Norddeutschland werden Eigenheime in Riem, Trudering, Perlach und Berg am Laim mit dem Attribut angepriesen: „In ruhiger Lage im Münchner Osten.“ In Zamdorf, fast direkt am Flughafenzaun, hat sich der Großbauunternehmer Josef Schörghuber in den letzten Jahren mit 100.000 Quadratmetern Grund eingedeckt. Er will darauf 1982 insgesamt 800 Wohnungen und Büros errichten.

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Aber noch gibt’s Lärm in Riem. Und der Bau des neuen Münchner Flughafens im Erdinger Moos, wo ungefähr ebenso viele Leute vom Lärm betroffen sein werden wie in den Anfangsjahren des Riemer Flughafens, ist wieder in weite Ferne gerückt. Die „Aktionsgemeinschaft gegen den Flugha-
fen“ und der „Interessenverband der durch den Fluglärm Geschädigten“, der sich eigentlich schon auflösen wollte, erwachten zu neuem Leben. „Jetzt wird protestiert“, kündigt der „Aktions“-Vorsit-
zende, Stadtrat Hermann Memmel (SPD) an. Und der Rechtsanwalt Jürgen Elsholz, der sich 1973 in der Riemer Lärmzone angesiedelt hat, drängt in einem Musterprozeß gegen das Bayerische Verkehrsministerium unter anderem auf Klärung der Frage, weshalb vor Erweiterung der Riemer Landebahn 1958 kein Planfeststellungsverfahren durchgeführt wurde. „Das hätte“, so Elsholz, „vielleicht schon damals zu einem Urteil geführt, Riem aufzulassen, den Flugverkehr zu begrenzen oder den ständigen Zuzug zu blockieren.“

Die Kosten für die juristische Kampagne gegen Riem soll die Stadt München übernehmen, die zu 23 Prozent an der Flughafen GmbH beteiligt ist. Aufsichtsratsmitglied und Oberbürgermeister Kiesl zum STERN: „Selbstverständlich stehe ich ganz und gar auf seiten der lärmgeschädigten Bevölkerung.“ Viele Stadträte möchten gern aus städtischen Steuermitteln 20.000 Mark locker-
machen – als Spende für den Krieg gegen den Flughafen in der Stadt.

Einen gewissen Sinn hat das schon, aus der Sicht der Erdinger und Freisinger freilich einen sehr edlen. Wenn nämlich eines Tages der Riemer Flughafen beseitigt werden sollte, macht auch die Stadt München einen saftigen Schnitt: Vier Millionen Quadratmeter Flughafengelände sind längst in den Stadtentwicklungsplan einbezogen. Baugrund in der Riemer Region wird zur Zeit mit 400 bis 500 Mark pro Quadratmeter gehandelt.

Brigitte Zander

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1 Foto: Guido Krzikowski


Stern 24/1981, M/12 ff.

Überraschung

Jahr: 1981
Bereich: Stadtviertel