Materialien 1988

»Es war Mumpitz«

Jürgen Kolbe, 52, von 1976 bis 1988 Kulturreferent in München, über das Ende sozialreformeri-
scher Kulturpolitik

SPIEGEL: Herr Kolbe, Sie haben vergangene Woche in der Süddeutschen Zeitung das „Märchenge-
spinst“ sozialutopischer Kulturreformer attackiert, die lange meinten, über eine Demokratisierung der Künste die Gesellschaft verändern zu können. War das Ihr intellektueller Selbstmord?

Kolbe: Nein, aber Reue war es schon. Als Münchner Kulturreferent war ich selbst gern laut. Auch ich propagierte Kultur als Kommunikation, als Festival- und Stadtteilrummel. Ich habe die Phil-
harmoniker auf den Marienplatz gelockt.

SPIEGEL: War der erweiterte Kulturbegriff eine Gehirnverengung?

Kolbe: Es war ganz einfach Mumpitz. Die Entfernung von ästhetischen Prinzipien im Namen einer sich plusternden Öffentlichkeit und zugunsten einer albernen Sozialutopie hat Kultur beliebig ge-
macht. Das rächt sich jetzt.

SPIEGEL: Inwiefern?

Kolbe: Die unverbindliche, egomanische Kulturszene läßt sich nur zu leicht von Sparkommissaren wegrasieren.

SPIEGEL: Das Motto des ehemaligen Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann – „Kultur für alle“ – nennen Sie ein „demagogisches Gebrauchsmuster“. Hat Hoffmann schon angerufen?

Kolbe: Komischerweise nicht.

SPIEGEL: Ihr Plädoyer für eine neue „Bescheidenheit“ verschafft der neuen Kulturknausrigkeit – etwa in Berlin – doch nur das gute Gewissen.

Kolbe: Das Gegenteil war beabsichtigt. Bescheidenheit, der Mut zur schmalen Struktur schützen vor dem Vandalismus der Kämmerer. Ein Opernbühnenbild für 1,5 Millionen Mark Steuergeld ist doch obszön. So provoziert man das Sparen mit der Axt.

SPIEGEL: Jetzt sind Kulturpolitiker mit Ideen gefragt. Lust auf ein Comeback?

Kolbe: Ich will kein Amt mehr.


Der Spiegel 28 vom 12. Juli 1993, 147.

Überraschung

Jahr: 1988
Bereich: Kunst/Kultur