Flusslandschaft 1993
Alternative Szene
Was ist heute die „gerechte Sache“ und wo ist sie? Umbrüche zerstören Denkgebäude, sähen Zwei-
fel an scheinbar allgemein gültigen Kategorien, setzen Theorie auf „Anfang“. André Glucksmann antwortet auf Hans Magnus Enzensberger, dem er „Kapitulation des Denkens“ vorwirft: „… Mit Verspätung entdeckt man in Deutschland seit dem Fall der Mauer, daß die gegenwärtigen Ereig-
nisse die gedanklichen Schemata, mit denen man die Welt bisher verstand, zunichte machen. Nun besprechen sich die Enttäuschten untereinander und entscheiden sich dafür, gegen die Realität zu wettern, statt ihr Gedankengerüst grundlegend zu revidieren. Da die Welt meine Begriffe nicht bestätigt, scheint sie ohne Begriffe. Da sich die Unterscheidungen, die ich der Welt aufpfropfte, als irreführend und trügerisch erweisen, ist die Welt undifferenziert. Überall herrscht in identischer Weise nackte, eindimensionale Gewalt, die durch meine Untätigkeit zur differenzierten Wahrneh-
mung immer dasselbe Wesen zeigt. Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll, also gibt es nichts mehr zu denken – lautet die Lösung einer antiquierten Generation, die mit sich selbst ihre Alters-
bezüge aushandelt … Wenn das Ereignis einem die Augen öffnet, wenn die Geschichte einem die so geschätzten Scheuklappen nimmt, sollte man nicht zu abrupt aus seinem biographischen Mißge-
schick heraus den Schluß ziehen, daß es nichts mehr zu sehen, zu bedenken und zu tun gibt.“1
1 Der Spiegel 37 vom 13. September 1993, 247.