Materialien 1975
Erschossen!
Am 22.11.75 wurde Christian Tatzko (21) von der Polizei von hinten erschossen.
Während sich die Polizei auf Notwehr beruft, berichtet der Augenzeuge Armin E.:
„Wir flüchteten nach dem Unfall über Zäune und Gärten in Richtung Neufriedenheimer Platz. Plötzlich hielt ein Polizeiauto neben uns. Auf die Frage der Polizisten, ob wir an dem Unfall betei-
ligt seien, antworteten wir mit nein. Die Polizisten versuchten uns festzuhalten. Christian und ich rissen uns los und versuchten wegzulaufen. Christian hatte einen Vorsprung. Ich lief ungefähr in Christians Richtung. Der Polizeibeamte lief hinter uns her und rief einmal: „Stehenbleiben!“ Nachdem wir weiterliefen, blieb der Polizist stehen und ich in diesem Moment auch. Ich sah deut-
lich, wie der Polizeibeamte die Pistole zog, in Augenhöhe hob und hintereinander innerhalb von 3 bis 5 Sekunden zwei gezielte Schüsse auf Christian abgab. Nach dem zweiten Schuss riß Christian die Arme hoch, drehte sich um und taumelte einige Schritte in Richtung des Polizeibeamten, dabei rief er mit röchelnder Stimme: „Notarzt, Notarzt …“ Dann brach er zusammen. Ich sah noch, wie der Polizeibeamte sich umdrehte und seinem Kollegen zurief: „Ruf den Notarzt und einen zweiten Streifenwagen.“ Ich machte noch einige Schritte vorwärts in Richtung Christian, konnte aber ahnen, daß es mit ihm zu Ende war, und ergriff die Gelegenheit, während der Polizeibeamte seinem Kollegen zurief, und flüchtete über die Hecke nach Hause.“
Das einzige, was die Polizei zu diesem Zeitpunkt annehmen konnte, war, daß Christian eventuell bei einem Autodiebstahl und dem Unfall beteiligt war.
Christian Tatzko hat vom 1.10.74 bis 4.11.75 im Wohnkollektiv München, Öttlmairstr. 1 (früher Waldgartenstr. 31) gelebt. Als seine Mitbewohner, Freunde und Berater fühlen wir uns verpflichtet, folgende Informationen über seine Person zu geben:
Christians Mutter starb bei seiner Geburt. Seine Jugend verbrachte er in zahlreichen Heimen. Eine intakte Familiensituation hatte er nie kennengelernt. Nach einigen Einbrüchen, die er gemeinsam mit Freunden beging, wurde er zu 3 Jahren/3 Monaten Jugendstrafe verurteilt. Während der Strafhaft holte Christian seinen Hauptschulabschluß nach. Wegen guter Führung wurde er nach 2 Jahren/4 Monaten entlassen und kam durch Vermittlung seines Bewährungshelfers nach Mün-
chen ins Wohnkollektiv. Seit dieser Zeit war Christian ständig bemüht, eine Arbeitsstelle zu finden. Bedingt durch die Arbeitsmarktsituation, vor allem aber durch seine Situation aIs Vorbestrafter gelang es ihm aber nur kurzfristige Gelegenheitsarbeiten zu bekommen. Im Sommer 1975 bot sich ihm nach intensiver Suche die Chance, bei der Stadt München als Bademeisterhelfer für die Sommersaison 75 eingestellt zu werden. Daraufhin holte er in kürzester Zeit die notwendigen Schwimmprüfungen nach. Er erhielt die Stelle und engagierte sich außerordentlich für seine neue Tätigkeit, was sich sehr stabilisierend auf seine ganze Persönlichkeit auswirkte. Obwohl ihm Hoffnungen gemacht worden waren, weiterbeschäftigt zu werden, wurde sein Vertrag nicht ver-
längert. Begründung: „Unpünktlichkeit und mangelnde Dienstauffassung“
Die Resozialisierung Jugendlicher mit langanhaltender Schädigung während der entscheidenden Entwicklungsjahre kann nicht durch das Angebot einer kurzfristigen „Chance“ verwirklicht wer-
den. Sie ist zum Scheitern verurteilt, so lange sie nur Sache von Sozialarbeitern bleibt und nicht auch im Arbeitsbereich tatkräftig unterstützt wird. Die Stadtverwaltung und OB Kronawitter, die eingehend über seine besondere Situation unterrichtet und auch auf die Folgen der Entlassung hingewiesen wurden, zeigten sich nicht bereit, Christians erklärbare Anfangsschwierigkeiten zu berücksichtigen.
Wir sind der Meinung, daß der Abbruch der von Christian angestrebten Berufspraxis ihn in eine ausweglose Situation zurückgeworfen hat, die seinen Rückfall wahrscheinlich machte. Christian war über ein Jahr lang ein tragendes Mitglied des Wohnkollektivs, der sich solidarisch für die Belange seiner Mitbewohner eingesetzt hat.
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Wir beklagen und verurteilen den gewaltsamen Tod unsere Freundes
CHRISTIAN TATZKO
(Geb.: 31.12.1953 – Erschossen am 22.11.1975)
Wohnkollektiv
München 83
Öttlmairstr. 1
Gesellschaftspolitische Projekte e.V.
München 19
Birkerstr. 19
Wir erwarten solidarische Teilnahme an der Beerdigung am Mittwoch, 26.11. um 14.30 im Nordfriedhof.
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Presserechtl. verantwortlich: Peter Bernhard, Christiane Schlossarek, 8 Mü. 83, Öttlmairstr. 1, Eigendruck im Selbstverlag
Flugblattsammlung, Archiv der Münchner Arbeiterbewegung