Materialien 1975
Aufwiegler und Pseudowissenschaftler
Zu der Meldung in der SZ Nr. 221 „Bürgergespräch über Kernenergie endet mit Eklat“.
Daß z. Z. von interessierten Kreisen eine massive „Aufklärungskampagne“ über Kernkraftwerke betrieben wird, die an Hinterhältigkeit, gezielten Irreführungsversuchen der Öffentlichkeit und unhaltbaren Fehlinformationen zur Beschwichtigung betroffener Bürger kaum überboten werden kann, wird jedem schnell klar, der auch nur an wenigen Diskussionsveranstaltungen (sogenannte Aufklärungsveranstaltungen) teilgenommen hat, in der beide Seiten zu Wort kommen sollten. Es wird stets versucht, sofort Gegner der Kernenergie als emotionale Gruppe von Querulanten, Auf-
wieglern und Pseudowissenschaftlern hinzustellen, die daran schuld seien, wenn morgen die Lich-
ter ausgehen und daß es heute Arbeitslose gibt. Dabei sind die wachstumsfetischistischen, ökolo-
gischen, soziologischen und moralischen Argumente der Kernkraftwerksbefürworter häufig von einer derartig minderwertigen Qualität, daß sie nicht einmal die Qualifikation „emotional“ verdie-
nen.
Man versucht sich vielmehr über die soziologisch-polizeistaatlichen Konsequenzen eines nuklearen Energieversorgungsszenarios hinwegzumogeln.
Daß nun in Biblis auf einer Informationsveranstaltung der Rheinisch-Westfälischen Elektrizitäts-
werke, einem privatrechtlich organisierten Elektrizitätsversorgungsunternehmen, Kriminalbeamte in Zivil im Saal photographierten und recherchierten, übertrifft all unsere Befürchtungen und zeigt, wie weit bereits die Dinge gediehen sind, obwohl wir erst im Planungsstadium bei der Ver-
wirklichung des Kernkraftwerksprogramms in der Bundesrepublik Deutschland stehen. Das böse Wort vom „Elektrofaschismus“ scheint bereits jetzt Gestalt anzunehmen und Rechtfertigung zu finden.
Max Winkler, Beauftragter des Bundes Naturschutz für Südbayern
München 22, Schönfeldstraße 8/I
Süddeutsche Zeitung vom 18./19. Oktober 1975.