Materialien 1971

Vorwort zu Obrigkeitsfilm

Obrigkeit ist der Apparat, der irgendeine Anzahl von Menschen zur Gesellschaft macht. Erst die Obrigkeit gibt den Schlüssel zum rationellen Verhältnis. Während die Masse, wann auch immer sie sich bildet und warum auch immer, nur und einzig dem Trieb unterliegt.

Will man aber wie wir heute die Obrigkeit beseitigen, stürzen oder sie negieren, ist das Problem, daß wir keine adäquate Sache an deren Stelle zu setzen haben. Und versuchte ich es trotz allem dennoch, war Folgendes zu beachten:

Die Arbeit wird erst durch die Poduktionsmittel zur Produktion, ansonsten bleibt sie eine irratio-
nale Beschäftigung wie ein Trieb zur Selbsterhaltung, Nahrungsanschaffung, Höhlenausbau, alles, was man nicht als Arbeit bezeichnen kann im Sinne der Ökonomie (lese: Obrigkeit). Bleibt also die Produktion die eigentliche Basis des Schaffens, des Denkens und Agierens der Gesellschaft und des Menschen und nicht die Arbeit, wie es meines Erachtens die Ökonomisten in diesem Jahrhundert behaupten wollen.

Daher konnte der Versuch, die Produktion selbst irrationell zu entfachen, um damit die Obrigkeit nicht mehr nötig zu haben, auch nichts einbringen, weil eine Produktion, wenn auch irrationelle, erst durch die Produktionsmittel entsteht, und diese wiederum entstehen nur durch das rationelle, normierte Verhältnis zwischen den Menschen. Und um in ein solches Verhältnis einzugehen, ein rationelles, welches unser Bewußtsein nutzen kann, welches Normen für alle geltend macht, muß man den Apparat dazu haben, der diese Normen überhaupt etabliert und einsatzfähig macht. Das ist nichts anderes als Obrigkeit. Das sind Besitztum, Privilegien, Reichtum, Prioritäten, die Hierar-
chie, die Schichten, Klassen, die Vorteile, der Gewinn, das Recht, die Autorität, die Macht, der Staat.

Wie kann man da noch etwas ändern und etwas umstürzen. Der Kampf um irgendwelche Freihei-
ten, der ist praktisch zu gewinnen und ist in jedem einzelnen Fall auch gewonnen, ist aber im Gan-
zen verloren eigentlich dadurch, daß die Obrigkeit diese Freiheiten nicht unterdrückt, sondern sie zum Zwang macht.

Die Obrigkeit bleibt die Natur der Gesellschaft. Und so bleibt die Anarchie auch weiterhin der einzige Weg gegen diese Wände von Kerkern, Gefängnissen, Kz’s und Hinrichtungsstätten.

Vlado Kristl


Es lebe die Anarchie! Obrigkeitsfilm. Vlado Kristl 71, Privatsammlung

Überraschung

Jahr: 1971
Bereich: Kunst/Kultur