Materialien 2025

Er verteidigte die Menschen gegen die Staatsmacht

Die 68er-Revolte prägte den Jurastudenten Hartmut Wächtler. Später setzte er sich als linker Bürgerrechtsanwalt für Menschen ein, die von der Justiz verfolgt wurden. Nun ist er im Alter von 81 Jahren gestorben.

Berlin fand er ätzend. „Das Studium war ätzend, die Stadt war ätzend, die Leute waren ätzend.“ Es war der Sommer 1965, Hartmut Wächtlers erstes Semester als Jurastudent. Er wurde 1944 in Bay-
reuth geboren. Sein Vater war SS-Obergruppenführer und Gauleiter der „Bayerischen Ostmark“, er wurde wenige Tage vor Kriegsende von der SS erschossen, weil er sich dafür entschieden hatte, Bayreuth nicht gegen die anrückenden amerikanischen Truppen zu verteidigen.

Mit seiner Mutter und einem älteren Bruder verbrachte Hartmut Wächtler, wie er später schrieb, „eine herrliche frühe Kindheit“ in einem kleinen Dorf im Bayrischen Wald. Später zog die Familie nach Munster in der Lüneburger Heide. Wächtlers Mutter war Lehrerin, fand aber in Bayern keine Arbeit, weil der Kultusminister Theodor Maunz, selbst ein notorischer Altnazi, die Frau eines NSDAP-Gauleiters nicht einstellen wollte.

Munster ist eine Kleinstadt, bekannt vor allem durch ihren riesigen Truppenübungsplatz. Wächtler zog es in die große Stadt, aber Berlin war eine einzige Enttäuschung. „Eine Rentnerstadt, lauter Spießer. Ich hatte wirklich keine langen Haare, nur knapp über die Ohren, aber da wurde man auf der Straße schon angeglotzt. Nach drei Semestern hatte ich die Schnauze voll von Berlin.“

Und so machte er sich mit seinem Messerschmitt-Kabinenroller, einen Koffer mit all seinen Hab-
seligkeiten auf dem Außengepäckträger, auf nach München. München war anders. “Da fand man sofort Anschluss. Da saßen die Studenten in den Kneipen.” In den Tengstuben zum Beispiel, wo man bis drei Uhr nachts bei zwei Halben Bier hocken konnte, ohne dass der Wirt sich beschwerte. Oder in der Nachteule in der Occamstraße. Dort lernte Hartmut Wächtler Rolf Pohle kennen, den Vorsitzenden des Liberalen Studentenbunds Deutschland (LSD). Pohle hatte jeden Dienstag um 22.30 Uhr einen Stammtisch in der Nachteule. “Das war eine Uhrzeit, die mir entgegenkam”, sagt Wächtler.

Rolf Pohle war eine zentrale Figur in der Münchner Studentenbewegung. “Er übte eine große persönliche Anziehung auf mich und andere aus”, sagt Hartmut Wächtler. “Die Studentenrevolte war für ihn Befreiung von den Lügen der Väter und der Versuch eines neuen Lebens ohne Hier-
archien und Bevormundungen. Er hatte ein sehr starkes Gefühl für Gerechtigkeit, vor allem für die Schwachen und Bedrohten.” Im April 1967 hatten in Griechenland die Obristen geputscht. Tausen-
de wurden unter dem Regime der Junta verhaftet und gefoltert. “München war voll von verfolgten Griechen, die vom Ausländeramt kujoniert wurden”, sagt Wächtler. “Pohle hat sich sehr für die Griechen engagiert; wir haben Kundgebungen und Teach-Ins gemacht.”

Aber das Thema, das die Studenten in München wie in Berlin am meisten aufregte, war der Krieg in Vietnam. “Man sah es ja jeden Tag im Fernsehen”, sagt Wächtler. Napalmbomben, niederge-
brannte Dörfer, die chemische Entlaubung der Urwälder, und alles im Namen der Freiheit. “Ich las ja damals brav die Zeit”, sagt Wächtler, “bis Theo Sommer in einem Leitartikel schrieb, in Vietnam werde unsere Freiheit verteidigt. Seitdem habe ich die Zeit nicht mehr in die Hand genommen. Wir hatten eine Mordswut.”

Vor dem Amerikahaus am Karolinenplatz schwenkten Demonstranten die Vietcong-Flagge, auf das amerikanische Generalkonsulat in der Königinstraße flogen Steine. Aber der verbissene Eifer, der die Studentenbewegung in Berlin kennzeichnete, blieb den Münchnern doch eher fremd, und die damals noch städtische Münchner Polizei trat bei weitem nicht so martialisch auf wie ihre Berliner Kollegen. “Die waren schlauer”, sagt Wächtler. “Die infiltrierten eher die Demonstranten und such-
ten nach Rädelsführern, die man dann exemplarisch aburteilen konnte.”

Aber dann kam der 11. April 1968, der Tag, an dem in Berlin Rudi Dutschke auf offener Straße nie-
dergeschossen wurde. Der Attentäter Josef Bachmann trug eine Zeitung bei sich mit der Schlagzei-
le “Stoppt Dutschke jetzt! Sonst gibt es Bürgerkrieg”. Es war nicht die Bild -Zeitung, sondern die rechtsextreme Deutsche Nationalzeitung, aber die Empörung der Studenten richtete sich jetzt gegen den Springerverlag. Bild und BZ hatten seit Monaten massiv Stimmung gegen die Studenten gemacht und Polizei und Politiker zu “angemessenen” Maßnahmen gegen die “Politgammler” und “langhaarigen Krakeeler” aufgefordert.

Der 11. April war der Gründonnerstag. “Alles lief zur Uni”, erzählt Wächtler, “und dort hieß es: zur Münchner Freiheit. Man wusste nicht so recht, was man tun sollte, bis einer rief: zum Springer-
haus.” Das war das Buchgewerbehaus in der Schellingstraße, wo die Bild-Zeitung produziert und gedruckt wurde. “Es war alles ein bisschen kopflos”, sagt Wächtler. “Ich wollte einfach dabei sein. Da stand ein Tor offen, man strömte rein, plötzlich standen wir in der Redaktion. Einige fingen an, Papiere in den Hof zu schmeißen, einige haben kostenlose Ferngespräche geführt. Dann hieß es: Die Bullen sind da. Ich schaute raus, da stand eine komplette Hundertschaft der Bereitschaftspoli-
zei im Hof. Die waren ja total militarisiert. Stahlhelme auf dem Kopf, sie sahen aus wie die Wehr-
macht. Ich dachte: Zeit, dass ich mich verdrücke. Wir gingen in die Kneipe, haben über revolutio-
näre Gewalt diskutiert und viel Bier getrunken.”

Am Karfreitag wiederholte sich das Ganze, aber schon etwas militanter. Die Polizei fuhr Wasser-
werfer auf, “es wurde hier und da geschlägert, irgendwann wurde eine Barrikade gebaut”. Am Karsamstag und Ostersonntag herrschte Ruhe, da wurde keine Zeitung produziert. Aber am Ostermontag wurde endgültig blutiger Ernst aus dem, was aus Wächtlers Sicht bis dahin “teils Ernst, teils Spaß, teils Theaterinszenierung, teils Sport” gewesen war. Innerhalb weniger Minuten, es war gegen 21 Uhr, wurden zwei Menschen tödlich verletzt: der Fotoreporter Klaus Frings und der Student Rüdiger Schreck. “Opfer gesteuerter Terroraktionen”, hieß es in einer Presseerklärung der CSU-Landesleitung, aber was wirklich geschah, wurde nie aufgeklärt.

“Wir haben Zeugenaussagen gesammelt, aber es ergab sich kein klares Bild”, sagt Hartmut Wächt-
ler. Für die Staatsanwaltschaft stand fest: “Der Tod (von Rüdiger Schreck) ist ausschließlich von einer durch einen Demonstranten geworfenen Holzbohle verursacht worden.” Aber Recherchen, die Schrecks Bruder Reinhard und der Journalist Günter Wallraff anstellten, legen eher den Ver-
dacht nahe, dass Schreck durch den Schlag mit einer Kameraleuchte eines Mitglieds eines Polizei-Filmteams zu Tode kam.

“Für viele wurde das ein Schlüsselerlebnis”, sagt Hartmut Wächtler. “Danach hat sich die Linke auseinanderdividiert. Die einen hatten die Schnauze voll. Andere sagten: Jetzt muss man sich mit den Arbeitern solidarisieren und sich mit den Gewerkschaften verbünden. Einige haben sich be-
waffnet und sind in den Untergrund gegangen.”

Es gab Hunderte Festnahmen und Ermittlungsverfahren gegen Demonstranten, und die drakoni-
schen Urteile der Münchner Gerichte machten schnell klar, dass die bayrische Justiz Exempel statuieren wollte. Rolf Pohle hatte gerade sein erstes juristisches Staatsexamen bestanden und arbeitete als Referendar bei dem Rechtsanwalt Eggert Langmann. Das Büro des LSD in der Barer Straße wurde zur Anlaufstelle für alle, die juristische Hilfe brauchten. Das war die Geburtsstunde der Münchner Rechtshilfe. “Wir haben von morgens bis abends intensiv gearbeitet”, erzählt Wächtler. “Wir haben jeden einzelnen Fall akribisch bearbeitet. Wir haben Rollenspiele gemacht, ich habe den Staatsanwalt gemimt.”

Pohle durfte als Referendar mit einer Untervollmacht schon als Verteidiger vor Gericht auftreten. Er schockierte die Münchner Amtsrichter, indem er Rollkragen statt Krawatte trug und sich die Robe von Langmanns Ehefrau Lo auslieh, die ihm nur knapp über die Oberschenkel reichte. “Man konnte ihm nichts anhaben. Die Länge der Robe ist nicht vorgeschrieben”, sagt Wächtler. Er muss noch heute kichern, wenn er daran denkt.

Aber die Justiz verzeiht keinem, der sich über sie lustig macht. Der Amtsgerichtsrat Früh zeigte den aufmüpfigen Studenten, wo in Bayern der Hammer hängt. In einer Debatte im Studentenkon-
vent hatte Pohle seine Solidarität mit den Osterdemonstranten bekundet und erwähnt, er habe selbst mit an einer Barrikade gebaut. Das wurde von einem konservativen Konventsmitglied flugs der Staatsanwaltshaft hinterbracht.

Pohle wurde wegen Landfriedensbruchs und Nötigung angeklagt. Als einziges Beweismittel prä-
sentierte die Staatsanwaltschaft einen Film, den Wächtler als “Gewitter im Nachttopf” beschreibt – nichts war zu sehen als ein dunkler Schatten vor dunklem Hintergrund. “Aber dann kam einer vom Staatsschutz und sagte, er könne Pohle erkennen. Es war eine vollkommen wahnsinnige Beweis-
führung.” Pohle wurde zu 15 Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt. Das bayrische Justizminis-
terium verwehrte ihm die Teilnahme am zweiten Staatsexamen. Seine juristische Laufbahn war beendet, noch bevor sie begonnen hatte.

Für Wächtlers eigene Laufbahn waren diese Monate die entscheidende Weichenstellung. “Ich hatte mir ja bis dahin eher eine stille Karriere als Verwaltungs- oder Mietjurist vorgestellt”, sagt er. Aber daran war jetzt nicht mehr zu denken. Gleich nach seinem zweiten Staatsexamen im Mai 1973 gründete er mit drei Kolleginnen und Kollegen eine Kanzlei, die zu einer gesuchten Adresse für alle wurde, die Probleme mit dem Polizei-, dem Demonstrations- oder dem Versammlungsrecht beka-
men.

Das blieb so für die nächsten 50 Jahre. Es gab ja viel zu tun. Die Berufsverbote – Lehrer, Postler, Eisenbahner, denen der Zugang zum öffentlichen Dienst verweigert wurde, weil sie irgendwann einmal Mitglied in einer Gruppe waren, die vom Verfassungsschutz beobachtet wurde. Der Kampf um die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf. Die oft extrem ruppigen Methoden der bayri-
schen Polizei, die “bayrische Art”, wie es der Ministerpräsident Max Streibl nannte, nachdem die Polizei beim G-7-Gipfel 1992 500 Demonstranten stundenlang eingekesselt und zum Teil miss-
handelt hatte. “Ich habe mich nützlich gefühlt”, sagt Hartmut Wächtler.

Und was ist geblieben von der revolutionären Begeisterung von 1968? Nicht so schrecklich viel. “Auf manchen Gebieten ist es hundertprozentig schief gegangen”, sagt Wächtler. “Die Universität ist ein Fiasko. Die studentische Selbstverwaltung ist bedeutungslos geworden. Die Hierarchien, die wir abschaffen wollten, bestehen nach wie vor. Und ist es nicht ein Treppenwitz der Geschichte, dass es ausgerechnet die Linken Gerhard Schröder und Joschka Fischer waren, die zum ersten Mal wieder deutsche Soldaten ins Ausland schickten?”

Er blieb immer ein Idealist, er glaubte an die Kraft des Arguments, aber er war auch Pragmatiker und Realist. Wenn er sah, dass die Taube auf dem Dach außer Schussweite saß, nahm er, manch-
mal zähneknirschend, den Spatz in der Hand. Als die Staatsanwaltschaft Rosenheim 2012 eine ganze Familie wegen angeblichen Widerstands gegen Polizeibeamte vor Gericht zerrte, obwohl die Beschuldigten in Wirklichkeit selbst Opfer eines massiven polizeilichen Übergriffs geworden wa-
ren, akzeptierte er die Einstellung des Verfahrens wegen „geringer Schuld“. Weil er erkannte, dass ein Weitertreiben des Verfahrens bis zum Bundesverfassungsgericht die Familie nervlich und finanziell in den Ruin treiben würde.

Aber etwas, meint Wächtler, hat sich doch verändert durch die 68er: “Die Beziehungen der Men-
schen untereinander. Das Verhältnis der Geschlechter. Das Verhältnis zur Sexualität. Die Rolle des Mannes bröckelt.” Es gab damals eine Sozialreferentin des AStA, sie hieß Julia von Behr. “Wir nannten sie die Pillen-Jule. Sie hatte eine Liste von Ärzten, die die Pille auch für Unverheiratete verschrieben.”

Man sieht: Es gibt doch Fortschritt.

Vor einem halben Jahr starb Wächtlers schwerkranke Frau. Gerade als er sich von diesem Schick-
salsschlag leidlich erholt hatte, erhielt er aus scheinbar heiterem Himmel die Diagnose einer viel zu spät erkannten und schon weit fortgeschrittenen Krebserkrankung. Hartmut Wächtler starb am 23. Dezember, er war 81 Jahre alt.

Hans Holzhaider


Zugeschickt am 25. Januar 2025

Überraschung

Jahr: 2025
Bereich: Alternative Szene